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Debatte in Bordesholm : Gregor Gysi und Ralf Stegner: Zwei Politiker und ein Ziel

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Gysi und Stegner werben trotz fehlender Mehrheit für ein Linksbündnis gegen CDU und AfD.

Bordesholm | Der Saal des Savoy-Kinos in Bordesholm (Kreis Rendsburg-Eckernförde) platzt aus allen Nähten, manche Gäste stehen draußen und müssen die Show per Public Viewing verfolgen. So viele Leute wie am Dienstagabend waren selten bei der SPD-Veranstaltung „Ralf Stegner trifft...“, die der schleswig-holsteinische SPD-Chef seit rund zehn Jahren mit Politikern, Künstlern oder Sportlern veranstaltet.

Zu Stegners Heimspiel in seinem Wohnort hat er sich einen Politiker eingeladen, der wie er viel Unterhaltung verspricht. Gregor Gysi, der über Jahrzehnte das Gesicht der Linken in Deutschland war und für viele heute noch ist, ist es gewohnt mit Politikern anderer Parteien zu diskutieren, Talkshow-gestählt sucht er wie sein Gegenüber die Auseinandersetzung.

Doch wer eine harte Debatte erwartet hat, wird enttäuscht. Die beiden duzen und mögen sich – und sie sagen das sogar, was bei manchem Zuschauer für mehr als ein Schmunzeln sorgt. „Sie können doch nicht einen Linken und einen Sozialdemokraten einladen, und denken, wir streiten uns dann hier wie die Kesselflicker“, sagt Gysi der Moderatorin des Abends, Ulrike Schmidt. Fast könnte man denken, dass im Savoy-Kino an diesem Abend ein Film läuft, an dem am Ende geheiratet wird. Denn die beiden Hauptdarsteller arbeiten an der Partnerschaft zwischen Linken, Grünen und SPD, die nach der Bundestagswahl die Große Koalition ablösen sollen. Schwer genug ist das, das wissen beide, denn laut jüngster Umfrage käme ein Linksbündnis nur auf 43 Prozent der Stimmen. Nach der Bundestagswahl 2013 hatte sich eine Mehrheit der Genossen noch gegen ein Linksbündnis gewehrt – mittlerweile müssen viele erkennen, dass es vielleicht die einzige Chance ist, dass ein Sozialdemokrat Kanzler wird.

Dass Linke und SPD sich dafür vor allem in der Außenpolitik aufeinander zubewegen müssen, wissen Gysi wie Stegner. Beide betonen aber Gemeinsames: In der Europa-, Sozial-, Steuer-, um Umweltpolitik werde man sich einigen, meint Gysi – und Stegner nickt. Kein Wunder, denn er gilt als linker Sozialdemokrat, Gysi gehört in der Linkspartei zu den Pragmatikern des rechten Flügels. Doch beide Politiker stehen zwar häufig im Fokus der Öffentlichkeit, innerparteilich haben sie aber nur oder nur noch begrenzten Einfluss. Gysi hat das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Bundestag aufgegeben, Stegner löckt als stellvertretender Bundesvorsitzender oft gegen die Mehrheitsmeinung in seiner Partei.

Vielleicht gerade deswegen können sich beide auf Frage eines Zuschauers in 20 Jahren vorstellen in einer Partei zu sein. „Jeder ordentliche Linke kommt irgendwann zur SPD zurück“, sagt Stegner. Und Gysi: „In dem Moment, in dem die SPD wieder ordentlich links ist, gehören wir dazu.“

Dem Publikum gefällt’s. Kaum einer verlässt trotz der stickigen Luft vorzeitig den überfüllten Saal, denn die Zuschauer wollen mit ihren Fragen auch Unterschiede herauskitzeln. Sie erfahren, dass Stegner Gysis Nachfolgerin, die Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht nicht mag. „Die hat in manchem Interview mehr Ähnlichkeit mit Frau Petry als mit mir“, sagt er mit Blick auf die AfD-Vorsitzende. Gysi muss „das natürlich zurückweisen“. Aber eine linke Regierung sei trotzdem möglich, „das hängt nur davon ab, wen du zum Staatssekretär machst“. Und schnell ergänzt er noch, dass die SPD im Bund in der Regierung „überfordert“ sei. Gysi sagt aber auch: „Nur wenn wir die Union in die Opposition schicken, können wir die AfD überflüssig machen.“ Stegner wird noch deutlicher, kritisiert die CDU in Sachsen und Thüringen, die genauso rechts wie die AfD sei – „und am liebsten mit denen koalieren möchte“. Und er entlarvt das Geheimnis der Rechtspopulisten: „In der Geschichte war es immer so, dass die Herrschenden die, denen es schlecht geht, gegen die auszuspielen versuchten, denen es noch schlechter geht.“

Auch um das zu verhindern, müsse man kämpferischer werden, meint Gysi, der von der Frage eines Zuschauers überrascht wird, ob er sich Stegner als Kanzler vorstellen kann. „Er könnte das zweifellos“, so Gysi. „Aber natürlich bräuchte er mich als Berater.“ Stegner lächelt, viele Leute klatschen – das mit der Politikunterhaltung hat geklappt.

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erstellt am 02.Jun.2016 | 11:17 Uhr

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