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„Friesenhof“-Ausschuss im Landtag : Geschlossene Mädchenheime: „Das Konzept war gut“

vom

Ein ehemaliger pädagogischer Leiter verteidigt das „Friesenhof“-Konzept im Untersuchungsausschuss. Ob es auch umgesetzt wurde, habe er nicht kontrolliert.

Kiel | Gab es ein pädagogisches Konzept in den mittlerweile geschlossenen Mädchenheimen des „Friesenhofes“ oder nicht? Reichte das fachlich qualifizierte Personal? Zu diesen Fragen gibt es unterschiedliche Meinungen, wie im Untersuchungsausschuss sichtbar wurde. Der ehemalige pädagogische Leiter der Einrichtungen sagte am Montag, es habe ein schriftliches Konzept gegeben. Ob das pädagogische Konzept in den einzelnen Häusern umgesetzt worden sei, habe er nicht überprüft, sagte der Zeuge, der von 2008 bis zur Insolvenz im Sommer 2015 im „Friesenhof“ als pädagogischer Leiter beschäftigt war. Es habe aber in den Büros eingesehen werden können.

Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Friesenhof“ betreute seit 1999 psychisch auffällige Mädchen. Es gab mehrere Standorte mit stationären Angeboten sowie betreutes Einzelwohnen. Im zweiten Halbjahr 2014 hatten Mädchen, aber auch zwei ehemalige pädagogische Mitarbeiter, massive Vorwürfe über inakzeptable Praktiken erhoben - etwa, dass sich die Mädchen nach ihrer Ankunft nackt vor männlichem Personal ausziehen müssten.

Genau dies hatten in der vorigen PUA-Sitzung Zeugen bestritten, darunter eine Frau, die 2009 wenige Monate lang stellvertretende pädagogische Leiterin der Einrichtung war, sowie eine ehemalige Hausleiterin des Heimes „Campina“. Ein am Montag gehörter ehemaliger „Campina“-Mitarbeiter sagte indes, das Konzept habe im Büro gelegen. Darauf habe ihn besagte Hausleiterin hingewiesen.

Dieser Zeuge kannte indes ein Handbuch nicht, das von einem Ex-Mitarbeiter - dem Mann der Ex-Hausleiterin - in der vergangenen PUA-Sitzung vorgelegt wurde. Darin wurde der Tagesablauf im Camp „Campina“ minuziös beschrieben. Auch der ehemalige pädagogische Leiter reagierte verwundert auf das Schriftstück. Er kenne es nicht und wisse nicht, wer es geschrieben habe, sagte er. „Ich sehe es wirklich zum ersten Mal.“

Der am Montag gehörte ehemalige Mitarbeiter berichtete von  stundenlangen Gruppensitzungen bei Fehlverhalten. Zudem mussten die „Campina“-Mädchen „Einheitsklamotten wie in einer Strafkolonie“ tragen und durften sich nicht schminken - egal ob sie im Haus waren oder nach draußen durften. Ein pädagogischer Sinn sei ihm, dem gelernten Personenschützer, nicht erklärt worden.

Auch über verwehrte Arztbesuche, Strafsport und Sanktionen gegenüber unbequemen Mitarbeitern berichtete er. Er hatte sich - wie auch die Zeugen in der vorigen Sitzung - 2013 an das Landesjugendamt gewandt und sich über die Zustände beschwert. Daraufhin habe es unter anderem unangemeldete Besuche in den Einrichtungen gegeben.

Nachdem er im „Friesenhof“ aufgehört hat, arbeitete der Zeuge rund ein Jahr in einer anderen Einrichtung in Dithmarschen, die von der ehemaligen „Campina“-Hausleiterin und ihrem Mann geführt wird. Diese habe er wegen einer nicht erlaubten Beziehung zu einer Kollegin verlassen müssen. Er sei aber auch unzufrieden gewesen, weil dort ähnlich gearbeitet worden sei wie im „Friesenhof“, auch wenn die Mädchen dort mehr Freiheiten gehabt hätten.

Sozialstaatssekretärin Anette Langner wurde am Abend vom Ausschuss noch zur Aktenvorlage an den PUA und zur Aktenführung im Ministerium im Allgemeinen befragt. Der Ausschuss hatte bemängelt, dass seiner Ansicht nach nicht alle Akten zum Thema übergeben worden seien. Das Ministerium reichte Schriftstücke nach. Das Ministerium beharrt darauf, dass es sich bei den nachgereichtem Material um nicht vorgangsrelevante E-Mails handele. Zu dem Vorgehen der Heimaufsicht soll die Staatssekretärin zu einem späteren Zeitpunkt gehört werden.

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erstellt am 29.Feb.2016 | 16:31 Uhr

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