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JVA in Schleswig-Holstein : Gefangene sind öfter psychisch krank - Risiko fürs Personal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Häftlinge konsumieren vor ihrer Haft neue Drogen - ihr Verhalten wird dadurch unberechenbar.

von
erstellt am 11.Jan.2016 | 08:38 Uhr

Psychotisch, paranoid, suizidgefährdet – die Zahl psychisch erkrankter Gefangener in Schleswig-Holstein nimmt zu. Das teilte das Justizministerium auf Anfrage des sh:z mit. 231 Gefangene der Justizvollzugsanstalten (JVA) im Land befänden sich aufgrund einer psychischen Störung oder psychiatrischen Auffälligkeit in ärztlicher Behandlung. „Die Justizvollzugsanstalten berichten seit Jahren von einer wachsenden Anzahl von psychisch auffälligen Gefangenen“, sagt Oliver Breuer, Sprecher des Justizministeriums.

In den Justizvollzugsanstalten (JVA) Schleswig-Holsteins sind insgesamt 1162 Gefangene untergebracht (statista, Stand August 2015). Personell sind sie chronisch unterbesetzt - was die Situation im Umgang mit den Häftlingen noch verschärft.

Krank im Knast – ohne eine angemessene psychiatrische Versorgung haben die betroffenen Gefangenen nur geringe Erfolgsaussichten auf ein eigenverantwortliches und straffreies Leben nach der Haftentlassung. Für die Strafvollzugsbeamten stellen sie aber auch ein hohes Risiko dar, warnt Michael Hinrichsen, Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BSDS) in Schleswig-Holstein: „Wir beobachten, dass Insassen vor ihrer Haft immer häufiger neue Drogen konsumiert haben, die stark auf die Psyche gehen und zu nachhaltigen Erkrankungen führen.“ Das stelle die Haftanstalten und ihr Personal vor Herausforderungen, auf die man in Schleswig-Holstein nicht ausreichend vorbereitet sei. „Diese Gefangenen sind für Beamte und Insassen unberechenbar.“

Häftlinge mit etwa Psychosen würden für Unruhe sorgen und seien laut. „Sie schreien und sind provokativ. Das Verhalten überträgt sich auch auf andere Gefangene“, so Hinrichsen. Für den Schleswiger ist das ein schwer kalkulierbares Risiko bei einer angespannten Personalsituation.

Die Justizvollzugsanstalten in Schleswig-Holstein gelten als chronisch unterbesetzt. „Wir haben mit durchschnittlich neun Prozent eine extrem hohe Krankenquote unter den Beamten“, klagt Hinrichsen. „In der JVA Flensburg lag der Krankenstand zeitweise sogar bei 25 Prozent. Das ist fast schon ein Kollaps.“ Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft sieht aber auch spürbare Bemühungen der Landesregierung. „Ministerin Anke Spoorendonk (SSW) ist sehr aktiv geworden.“ Neben Zulagen für Nachtdienste gebe es nun verpflichtende Deeskalations-Weiterbildungen und Trainings für die waffenlose Verteidigung. Dennoch fehle Personal.

Und im Fall von psychisch erkrankten Gefangenen ist das vor allem psychiatrisch geschultes Fachpersonal. Dem will das Justizministerium jetzt mit einer Fachabteilung in der Justizvollzugsanstalt Abhilfe schaffen. Auf eine parlamentarische Anfrage der CDU teilte die Landesregierung mit, dass die JVA Neumünster eine „besondere Abteilung für psychiatrisch erkrankte Gefangene“ bekommen soll. Die Anstalt habe schon jetzt feste Sprechstunden eines Psychiaters. Künftig soll die Abteilung den „Charakter einer psychiatrischen Tagesklinik“ haben – mit Plätzen für bis zu 25 Gefangene.

In Kooperation mit einem externen Träger sollen dort medizinisches Fachpersonal und besonders geschulte Kräfte des Allgemeinen Vollzugsdienstes tagsüber die Betreuung übernehmen. Bis dahin dauert es jedoch noch. Die Landesregierung plant mit der Fertigstellung für das Jahr 2020. Kosten: vier Millionen Euro.

Dass diese Rechnung aufgeht, bezweifelt die justizpolitische Sprecherin der CDU, Barbara Ostmeier. Das Vorhaben der Ministerin sei erst im Rahmen der Haushaltsberatungen bekannt geworden. Plötzlich sei Geld für eine Abteilung da, „von der vorher nie die Rede war. Wie sie zu diesem Ansatz gekommen ist und inwieweit er fachlich abgestimmt ist, ist mir nicht bekannt“, so Ostmeier.

Die Lösung in Neumünster erscheine zwar nachvollziehbar, ob die angesetzten Haushaltsmittel ausreichen werden, sei jedoch fraglich: „Ganz besonders gilt das für die Behauptung der Ministerin, dass kein zusätzlicher Personal- und Raumbedarf besteht. Ich kann mir das angesichts des Betreuungsbedarfes für psychisch Kranke nicht vorstellen.“

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