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Pestizid von Agrarkonzern Monsanto : Gefahr Glyphosat: Krebs durch Unkrautkiller „Roundup“?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Experten streiten über eine Gesundheitsgefährdung durch Glyphosat. Baumärkte nehmen es aus dem Angebot. Habeck sieht Handlungsbedarf.

Es sprießt zwischen den Gehwegplatten, breitet sich im abgeernteten Gemüsebeet rasant aus und verunziert den Steingarten – wer das Unkraut im Garten bekämpfen will, sollte im Herbst aktiv werden. Wer jetzt gegen den Wildwuchs vorgeht, kann sich einige Arbeit im Frühjahr sparen. Weil die konventionelle Unkrautbekämpfung ein lästiges Geschäft ist, machen sich auch Hobbygärtner die Arbeit leicht und greifen zur chemischen Keule. Meistverkauft: das Glyphosat Roundup. Doch seitdem die professionelle Landwirtschaft wegen des Einsatzes von Roundup in Misskredit gerät, müssen sich auch Gartenbesitzer die Frage stellen, ob sie den Einsatz dieses unter Krebsverdacht stehenden Mittels wirklich noch verantworten können. Die Info- und Protestkampagnen der Naturschutzverbände haben inzwischen Wirkung gezeigt: Große Baumärkte in Schleswig-Holstein wie Toom (Rewe-Gruppe) oder Bauhaus nehmen das Mittel in diesen Wochen aus den Regalen.

Jahrelang ist das Problem verharmlost worden. Mit flotten Werbesprüchen versuchte der amerikanische Agrarkonzern Monsanto nicht nur die Bauern zu umgarnen, sondern auch die Gartenfreunde zu animieren, die Hacke im Geräteschuppen stehen zu lassen und zum Pestizid zu greifen. Das wird in handlichen Sprühflaschen, jüngst sogar von Discountern vertrieben.

Die IARC, eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im März als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Dagegen hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bei einer Untersuchung 2014 nach eigenen Angaben keine solchen Hinweise gefunden. Auch Monsanto betont: „Toxikologische Langzeitstudien an Ratten und Mäusen haben gezeigt, dass auch eine dauerhafte Verabreichung von Glyphosat das Krebsrisiko nicht erhöht.“

Doch das beruhigt die Politiker nicht mehr. „Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat gelangen durch den intensiven Einsatz in Flüsse, Seen und Bäche. Die Daten für Schleswig-Holstein deuten auf eine erhebliche ökotoxikologische Beeinträchtigung der Gewässerbiologie hin“, warnt jetzt Kiels Grüner Umweltminister Robert Habeck. Auch im Grundwasser – der Hauptquelle für das Trinkwasser – seien Rückstände der Pflanzenschutzmittel und ihrer Abbauprodukte in relevantem Ausmaß zu finden. „Es besteht also Handlungsbedarf“, sagt der Minister.

Dass dieser Appell nicht nur den Bauern, sondern auch den Gartenbesitzern gilt, ist für Bernd Biggemann von der BUND-Kreisgruppe Pinneberg selbstverständlich. „Es gibt zahlreiche Hinweise auf Erkrankungen, die durch Glyphosat verursacht werden: Missbildungen, Hirnschäden und Herzfehler bei Neugeborenen, Krebs, Leukämie, Hautkrankheiten, Geschwüre, Allergien, Haarausfall, Atemwegserkrankungen, Parkinson und andere“.

In Argentinien sei in einer Studie nachgewiesen, dass sich in der Nähe mit Glyphosat gespritzter Sojafelder die Krebs- und Leukämiefälle bei Kindern unter 15 Jahren verdreifacht und die Missbildungen von Neugeborenen sogar vervierfacht hatten. „Doch die Zulassungsbehörden, das deutsche BfR und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA erkennen solche Fakten als Beweise für die Schädlichkeit des Pestizids nicht an“, bedauert Biggemann. Damit werde das Vorsorgeprinzip auf den Kopf gestellt: „Statt einen Wirkstoff zu verbieten, solange nicht zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass er unbedenklich ist, wird oder bleibt er zugelassen, solange nach Ansicht der Behörden nicht zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass er gefährlich ist“.

Verwunderlich sei das Verhalten der Behörden allerdings nicht: „Von zwölf Mitgliedern der BfR-Kommission für Pflanzenschutzmittel sind zwei Mitarbeiterinnen von BASF und ein Mitarbeiter von Bayer CropScience. Und von der 18-köpfigen Arbeitsgruppe, die die EFSA zur Neubewertung der Wirkung von Glyphosat einsetzte, haben acht Verbindungen zur Industrie“. Allein steht er mit der Vermutung nicht. So haben sich etwa 5000 Ärzte in einer Unterschriftenliste zusammengetan. „Um die Bürger vor unnötigen Krebserkrankungen zu schützen, muss Glyphosat verboten werden“, sagt der Initiator, ein Internist aus Aachen. Das IARC genieße höchste Anerkennung, man müsse die Warnung ernst nehmen. Das BfR berufe sich hingegen auf Studien von Herstellerfirmen.

Ein Schock war für viele vor einigen Wochen die Nachricht, dass Glyphosat in der Muttermilch gefunden wurde. Das BfR sagt dazu, dass die Messwerte weit unterhalb des bedenklichen Bereichs lägen.

Solange der Expertenstreit nicht geklärt ist, bleibt für Umweltschützer Biggemann der Appell alternativlos: „Lassen Sie das Gift in den Regalen stehen, in Ihrem eigenen Interesse und im Interesse von Natur und Umwelt“.

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erstellt am 14.Sep.2015 | 10:37 Uhr

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