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Marine im Wandel : „Frauen an Bord sind angenehm“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bundeswehr, Familie und Frauen: Die Marine interessiert sich plötzlich für das Miteinander der Soldaten - spätestens unter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Wie das aussieht, zeigt ein Besuch in der Marineschule Mürwik in Flensburg.

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erstellt am 01.Feb.2014 | 16:32 Uhr

Flensburg | In der Marineschule Mürwik wird der Ernstfall geübt: „Berta.“ – „Ja?“ – „Das Ei ist hart!“ 21 junge Offiziere sitzen in einem Seminar, in dem sie zu militärischen Führungskräften ausgebildet werden, und sehen sich einen Loriot-Sketch an. Perfektes Anschauungsmaterial, denn es geht heute um das Thema Kommunikation. Die Ei-Affäre droht zu eskalieren. „Irgendwann bringe ich sie um.“

Was hat Loriot mit der Bundeswehr zu tun? Dass die legendäre Szene aus dem Eheleben als Beispiel im Unterricht dient, zeigt, dass sich die Bundeswehr mehr mit dem Privatleben der Mitarbeiter auseinandersetzt. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat die Vereinbarkeit von Dienst und Familie zu einem großen Thema gemacht, um die Bundeswehr zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen.

Die Seminarleiterin, Kapitänleutnant Monika Schmied, erklärt den Lehrgangsteilnehmern – darunter zwei Frauen – mit dem Sketch, wie schnell Missverständnisse entstehen. Die 29-Jährige spricht von „Stolpersteinen“. Von denen gibt es viele bei der Bundeswehr. Hin und wieder kommt es zu Krach unter Kameraden oder mit dem Vorgesetzten – das ist nur menschlich. Wie dann zu reagieren ist, sollen die Offiziere lernen.

Auch andere Beispiele drehen sich um das Privatleben. Der Satz „Schatz, steht mir das gut?“ wird nach der Theorie des Wissenschaftlers Schulz von Thun seziert. „Das kennen Sie sicher von zu Hause“, sagt Monika Schmied. Die Frauen schmunzeln, die Männer nicken – für sie oft ein Minengebiet.

Und spätestens jetzt wird klar, dass das Thema Vereinbarkeit von Dienst und Familie nicht nur Soldatinnen betrifft, wie es in der Öffentlichkeit oft wahrgenommen wird. Auch Männer bringen Opfer. Ein junger Offizier erzählt, dass seine letzte Beziehung wegen seiner Arbeit bei der Marine kaputt gegangen sei. Nicht immer klappt es mit einer Fernbeziehung. Sein Sitznachbar hat eine Partnerin mit mehr Verständnis – was wohl daran liegt, dass er sie bei der Bundeswehr kennengelernt hat und sie das gleiche Schicksal teilt.

Monika Schmied ist derzeit Single – hat auch noch keine Kinder. Aber sie definiert die Vereinbarkeit von Dienst und Familie anders: „Für mich geht es dabei um Eltern, Geschwister und Freunde.“ Viele davon sehe sie nur selten, da sie aus Stuttgart stammt.

„Bei Pärchen in der Bundeswehr müssen klare Verhaltensregeln gelten“, sagt Kapitän Tom Miller, stellvertretender Kommandeur der Marineschule, in einer Pause. Händchenhalten sei nicht angebracht und die Kameraden dürften sich nicht gestört fühlen. Miller unterstützt die Vereinbarkeit von Dienst und Familie. „Die Familie ist die kleinste Zelle im Staat“, sagt er, „die muss geschützt werden.“ Und zum anderen Thema, das Ursula von der Leyen angestoßen hat – die Rolle der Frau in der Bundeswehr – hat er ebenfalls eine klare Meinung: „Es werden keine Unterschiede gemacht.“ Eine Frau müsse genauso hart anpacken wie ein Mann. Was er von dem Aberglauben halte, dass eine Frau an Bord Unglück bringe? „Quatsch!“ Das sei ein Spruch von Fischern. „Frauen an Bord sind angenehm“, legt sich Miller fest. Das Klima habe sich, seit Soldatinnen zur See fahren dürfen, verbessert. „Damals stieg der Verbrauch von Duschgel bei den Männern schlagartig an“, erinnert er sich. Außerdem steige insgesamt die Leistungskurve, weil die Frauen schlau und ehrgeizig seien und die Männer da in nichts nachstehen möchten.

Apropos Spruch: Monika Schmidt wundert sich über die Aufregung um die aktuelle Bundeswehr-Umfrage, in der es heißt, dass jede zweite Soldatin schon sexuell belästigt wurde. Sicherlich sei jeder Übergriff einer zu viel, aber körperliche Belästigung gebe es hier nicht mehr als in anderen Berufen. Über blöde Sprüche höre sie hinweg. „Wenn ich mal einen Rock trage und mir einer sagt, dass ich öfter mal Rock tragen sollte, höre ich nicht hin.“

Auch im Seminar wird das Thema Duschen als Beispiel verwendet. In einem Rollenspiel sagt ein Offizier dem anderen: „Du stinkst! Benutze mal Duschgel!“ Das sitzt. Hinterher wird drüber gesprochen, wie man einem Kameraden schonender beibringen kann, dass er mehr für seine Körperhygiene machen sollte. Dass Monika Schmied dabei einmal Wortfindungsschwierigkeiten hat – „Wie heißt das noch…?“ – ist kein Problem, bei dem sie fürchten muss, dass die Männer ihre Autorität in Frage stellen. Im Gegenteil: Ihr Mut, Schwäche zu zeigen, stellt sich als Stärke heraus.

In der Mittagspause druckt Monika Schmied Unterrichtsmaterial aus. Im Büro sitzt ihr Kapitänleutnant Jan-Nicolas Orth gegenüber, der Schreibtisch links von ihr ist frei – eine Kameradin ist derzeit in Mutterschutz. Fotos von Orths drei Kindern hängen vor und hinter ihm an der Wand – so sind sie immer in seinem Blickfeld. Daneben gemalte Bilder mit Bäumen, Blumen und der Beschriftung „Papa“ in spiegelverkehrter Schrift. Orth überlegt, nach 15 Jahren bei der Bundeswehr ins zivile Leben zurückzukehren. Denn er pendelt von Schleswig nach Flensburg, aber bei einer bevorstehenden unvermeidlichen Versetzung nach Rostock oder sogar Erfurt hätte er einen deutlich weiteren Heimweg. „Bisher hatte ich Glück“, sagt Orth. Aber in Zukunft entfernt von seiner Familie zu leben, sei nichts für den 34-Jährigen. „Immer noch gilt die Meinung: ,Der Soldat ist mobil‘“, erklärt Orth, „das muss besser werden.“ Der Kapitänleutnant übt deutliche Kritik an der Standortpolitik, bei der wenig Rücksicht auf die privaten Bedürfnisse der Soldaten genommen werde. Allerdings lobt er das Verhalten einzelner Vorgesetzter. „Als ich wieder Vater wurde, sollte ich auf eine halbjährige Fahrt. Aber mein Vorgesetzter sagte: ,Orth, Sie will ich nicht dabei haben!‘“

Auch solch ein Fall wird im Seminar durchgespielt. Ein Offizier will im Gespräch mit seinem Vorgesetzten verhindern, in einen Einsatz geschickt zu werden. Die Zeit sei gerade nicht passend. Der Umzug in eine Doppelhaushälfte mit seiner Freundin stehe bevor – außerdem liefe es gerade nicht so gut in der Beziehung. Eine Lösung wird gefunden.

Das war das letzte Rollenspiel des Tages. Nach einer Feedbackrunde endet das Seminar für zukünftige Führungskräfte bei der Marine. Monika Schmied wirft sich in Zivilklamotten und fährt zum Zumba. Am Tag darauf wird sie nach Stuttgart reisen. Dann sieht sie zum ersten Mal ihren Neffen, der Anfang des Jahres zur Welt kam.
 

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