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Westliche Ostsee : Forscher: Dorsch-Fangquote um 88 Prozent reduzieren

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2017 droht Ostseefischern eine drastische Absenkung ihrer Fangmenge. Sie sprechen von einem „Todesstoß“.

shz.de von
erstellt am 03.Jun.2016 | 16:13 Uhr

Kiel/Rostock | Forscher fordern eine drastische Reduzierung der Dorschfischerei für 2017 in der westlichen Ostsee. Bei den Fischern sorgt diese Nachricht für einen Schock. Sie sprechen schon von einem „Todesstoß“.

Seit 2014 gibt es in der EU neue Fischereiregeln. Danach schlägt die Kommission Quoten vor, basierend auf wissenschaftlich belastbaren Zahlen. Ziel ist es, die Fortpflanzungsfähigkeit der Fischbestände zu erhalten. Die Fischer sehen sich dadurch in ihrer Existenz bedroht.

Den Ostseefischern droht eine drastische Absenkung ihrer Dorschfangmengen. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) empfiehlt für das kommende Jahr in der westlichen Ostsee eine Reduzierung der Quote um 88 Prozent. Begründet werde dies mit der schlechten Nachwuchsproduktion des Dorschbestandes im vergangenen Jahr, sagte am Freitag der Leiter des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei und ICES-Mitglied, Christopher Zimmermann. Gekoppelt mit einem jahrelangen hohen Fischereidruck seien jetzt drastische Quotenkürzungen erforderlich, um den Bestand langfristig zu sichern.

Zahlreiche Küstenfischer bangen um ihre Existenz. „90 bis 95 Prozent der Fischer wären vom Aus bedroht“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Fischereiverbands in Schleswig-Holstein, Benjamin Schmöde. Zuvor hatten die „Kieler Nachrichten“ über die mögliche Absenkung der Fangquote berichtet.

Auf Basis der ICES-Empfehlungen legen EU-Kommission und Ministerrat ab Sommer die Fangmengen fest. Sollten sich die Vorschläge durchsetzen, kommt nach Einschätzung des Verbandes der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern die Dorschfischerei in der westlichen Ostsee zum Erliegen. „Es wird keine Dorschfischerei mehr möglich sein“, sagte Verbandschef Norbert Kahlfuß. Die verbleibende Quote werde für die Beifangfischerei übrig bleiben müssen.

Nach Angaben des Fischereibiologen Zimmermann ist in der deutschen und dänischen Ostsee der Dorschnachwuchs flächendeckend auf weniger als zehn Prozent der Vorjahre zurückgegangen. „Das ist der schlechteste Wert seit Messbeginn im Jahr 1994“, sagte er. Von einem Einbruch der Reproduktion seien auch die Bestände im Kattegat und in der Nordsee betroffen. Die genauen Ursachen für den Rückgang seien noch unklar. Bislang durften die Fischer jährlich 12.700 Tonnen Dorsch in der westlichen Ostsee fangen, im kommenden Jahr könnten es dann nur noch 1500 Tonnen sein - davon rund 340 Tonnen für die deutschen Fischer. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Das ist für uns der Todesstoß“, sagte der Hiddenseer Fischer Steffen Schorrenberg.

Angesichts der seit Jahren angespannten Situation der Fischerei tue jedes Prozent weh. Der Präsident des Deutschen Fischerei-Verbandes, Holger Ortel, forderte für 2017 eine politische Quote, um die Fischerei nicht in der Existenz zu gefährden.

Schleswig-Holsteins Fischereiminister Robert Habeck (Grüne) äußerte sich besorgt über den festgestellten Rückgang des Dorsches: „Die Situation ist ohne Zweifel existenziell.“ Mit Blick auf die Fischereibetriebe im Haupt- und Nebenerwerb im Norden gelte es zu überlegen, „wie man die Lasten auf alle Schultern gleichmäßig verteilt“. Denn statt des erwarteten Anstiegs bei der Dorschmenge hatte der ICES einen nahezu vollständigen Ausfall des Nachwuchsjahrgangs registriert.

Dorsch stellt vor allem in Schleswig-Holstein als „Brotfisch“ die wichtigste Einkommensquelle der Fischer dar. Im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern gilt vor allem der Hering als „Brotfisch“. Dessen Bestände hatten sich nach drastischen Quotenkürzungen vor acht Jahren wieder deutlich stabilisiert, seit drei Jahren steigen die Quoten wieder. Im kommenden Jahr darf nach Empfehlung des ICES rund acht Prozent mehr Hering gefangen werden.

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