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Aufnahmestopps in SH : Flüchtlinge stürmen Tafeln in SH: Lebensmittel werden knapp

vom

Zwei Drittel aller Neukunden sind Asylsuchende. Vor allem in ländlichen Regionen kommt es zu Engpässen. Die Tafeln benötigen dringend mehr Spenden.

shz.de von
erstellt am 05.Okt.2015 | 06:33 Uhr

Kiel | Der Strom von Flüchtlingen stellt die Tafeln im Land vor fast unlösbare Herausforderungen. Immer mehr Asylsuchende versorgen sich bei den ehrenamtlichen Einrichtungen mit Lebensmitteln. Folge: Die Tafeln werden buchstäblich überrannt. Das führt zu Engpässen bei Personal und Lebensmitteln, in Einzelfällen sogar zu Aufnahmestopps. Und die Lage spitzt sich weiter zu. 

„Es werden immer mehr Menschen und das führt zu dramatischen Auswüchsen“, sagt Frank Hildebrandt, Landesvertreter der Tafeln in Schleswig-Holstein und Leiter der Einrichtungen in Kiel und Flintbek. Flüchtlinge hätten kein Geld und kein Einkommen – und somit ein Anrecht auf Hilfe von den mehr als 50 Tafeln im Land, die überschüssige Lebensmittel sammeln und an Bedürftige verteilen. 

Allein bei der Kieler Tafel würden seit Jahresbeginn wöchentlich 40 Neukunden gezählt, von denen zwei Drittel Flüchtlinge seien. Auch landesweit seien mittlerweile bis zu zwei Drittel der Tafel-Neukunden Flüchtlinge.

Auch in Hamburg mussten wegen der hohen Nachfrage viele Ausgabestellen bereits einen Aufnahmestopp verhängen, sagt Ralf Taubenheim, Geschäftsführer der Hamburger Tafel. Nicht nur an Lebensmitteln mangle es, auch Räumlichkeiten, Fahrzeuge und ehrenamtliche Mitarbeiter seien bei einer solchen Auslastung knapp. In den nächsten Monaten erwartet die Organisation einen weiteren „signifikanten“ Anstieg an Bedürftigen. Nach der Erstunterbringung seien Flüchtlinge auch weiter auf Hilfe angewiesen. „Da rollt etwas auf uns zu und wir wissen noch nicht, wie wir es bewältigen sollen“, warnt Taubenheim.

Das befürchtet auch Frank Hildebrandt für die schleswig-holsteinischen Tafeln. Größtes Problem sei die völlige Überforderung vieler Kommunen bei der Versorgung von Flüchtlingen. „Oft werden die neu Angekommenen von den Gemeinden direkt zu uns geschickt. Denen wird gesagt, dort bekommst du etwas zu essen“, so Hildebrandt. Es gebe Fälle, da seien ganze Busladungen von Flüchtlingen zu Ausgabestellen der Tafeln gefahren worden. Aber: „Wir können nicht die Aufgabe der Gemeinden übernehmen. Von uns kann es keine Vollversorgung geben“, sagt Hildebrandt.

Vor allem in ländlichen Regionen kommt es in Schleswig-Holstein zu Engpässen bei der Verpflegung von Flüchtlingen. Denn: Während es an Orten mit Erstaufnahmen dank dortiger Vollverpflegung eher entspannt zugehe, sei es in den nachfolgend zuständigen dezentralen Unterkünften in den Kommunen um so kritischer, je mehr es auf das Land gehe und dort eine Tafel mit kleinem Einzugsgebiet und wenig Infrastruktur stehe, sagt Hildebrandt. 

Etwa in Kappeln im Kreis Schleswig-Flensburg: „Wir sind hier ein Randgebiet, es gibt nicht viele Läden und keine großen Supermärkte, die größere Mengen Ware abgeben können“, so der Leiter Burkhard Rautenberg. Allein vom Oktober bis zum Januar seien 60 bedürftige Familien zu den zuvor 150 Haushalten hinzu gekommen. „Irgendwann ging es nicht mehr, wir mussten ein halbes Jahr eine Aufnahmesperre verhängen und haben erst seit zwei Wochen wieder für neue Kunden geöffnet. 25 Haushalte können wir aufnehmen, mehr ist nicht zu leisten, auch personell.“

In Bad Bramstedt sieht es ähnlich aus, hier gab es vor einem Jahr noch 140 bedürftige Haushalte – jetzt sind es 280. „Wir haben Engpässe und arbeiten an der Belastungsgrenze, nicht nur wegen der Menschenmenge, sondern auch, weil die Discounter immer mehr selbst verwerten und weniger abgeben“, bemerkt Leiterin Sabine Baumbach. Oder die Segeberger Tafel: Von 160 auf 230 bedürftige Haushalte wuchs hier der Kundenstamm in den vergangenen sechs Monaten, so Mitarbeiter Klaus Bülck. „Das muss ja alles ehrenamtlich gemacht werden, wir können in der Zeit nicht mehr schaffen. Was wir in zwei Tagen einräumen, wird am Ausgabetag in zwei Stunden ausgeräumt.“

Mittellose Asylsuchende hätten ein Anrecht auf Hilfe von den mehr als 50 Tafeln in Schleswig-Holstein, so Hildebrandt. Absolute Zahlen für den Norden gibt es nicht, aber „deutschlandweit gehören etwa 150.000 Flüchtlinge zu den Nutzern der Tafeln“,  so der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Tafel, Jochen Brühl.

Auch die Verständigung mit den Flüchtlingen mache Probleme, schildert die Bad Bramstedter Tafel-Leiterin Sabine Baumbach. Zudem müsse sie „ jetzt auch mit einem Türsteher arbeiten“. „Viele Flüchtlinge denken, nur wer zuerst kommt, hat gute Chancen. Die stehen schon zwei Stunden vorher am Eingang, stürmen bei Öffnung der Tür herein und rennen alles um. Es hat schon eine Verletzte gegeben.“ In Bad Bramstedt kommen nun nacheinander kleinere Gruppen mit unterschiedlichen Karten an die Reihe. Bei den Kollegen in Kappeln ziehen die Kunden Nummern, die per Anzeigetafel aufgerufen werden.

Letztlich werde es vielerorts dazu kommen, dass die Kunden bei den Tafeln weniger Lebensmittel zugeteilt bekommen, befürchtet Frank Hildebrandt mit Blick in die Zukunft. „Es müsste dringend mehr gespendet werden, aber das können wir nicht beeinflussen.“

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