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„SNAV Toscana“ und „AF Claudia Prima“ : Flüchtlinge sollen auf Fähren in SH wohnen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Land will zwei große Schiffe mit Platz für 3600 Personen chartern. In welchem Hafen sie liegen sollen, ist noch nicht bekannt. An den Plänen gibt es Kritik.

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2015 | 06:40 Uhr

Schleswig-Holstein wird Flüchtlinge wohl auch auf Schiffen unterbringen. Nach Informationen des sh:z führt das Land Gespräche mit verschiedenen Reedereien. Angedacht ist, zwei große Fähren zu mieten: die „SNAV Toscana“ und die „AF Claudia Prima“. „Wir denken darüber nach, für den Winter Schiffe zu chartern“, bestätigt Vize-Regierungschef Robert Habeck (Grüne) die Verhandlungen.

Beide Schiffe fahren derzeit im Mittelmeer und bieten Platz für insgesamt 3600 Passagiere. Die „Toscana“ wird von ihren Eigentümern, der Società Navigazione Alta Velocità in Neapel (Italien) während der Wintermonate regelmäßig als Unterkunft vermietet. So war sie zum Beispiel 2014 anlässlich der Olympischen Winterspiele in Sotschi als Hotel im Einsatz. Von März bis Mai 2015 diente sie auf den Shetlands (Schottland) als Unterkunft für Arbeiter, die eine Gasverarbeitungsanlage installierten.

Die Landespolizei, die mit der Suche von Liegenschaften für Flüchtlinge beauftragt ist, hält sich bedeckt, spricht von einer „grundsätzlichen Option“. Sprecher Matthias Glamann: „Die Prüfungen dazu laufen. Der Einsatz muss sowohl wirtschaftlich als auch zweckmäßig sein.“ Konkrete Angaben zu Zeiten, Kosten oder Schiffen würden deshalb derzeit nicht gemacht.

Damit wird auch nicht gesagt, in welchem Hafen die Fähren einmal liegen sollen. Bereits in der vergangenen Woche hatte die Landespolizei beim Kreis und der Stadt Rendsburg angefragt, ob Anlegestellen für bis zu fünf Schiffe im Kreishafen oder Obereiderhafen vorhanden seien. Wenig später wurden die Anfragen aber wieder zurückgezogen. Dem Rendsburger Bürgermeister erklärte der stellvertretende Landespolizeidirektor Joachim Gutt, Binnenhäfen kämen als Liegeplätze für die Flüchtlingsschiffe nicht mehr infrage.

Die „Toscana“ ist 168 Meter lang und hat einen Tiefgang von 5,70 Metern, die „Claudia Prima“ bringt es auf immerhin 140 Meter Länge und 5,50 Meter Tiefgang. Am sinnvollsten wäre es daher, die Schiffe in Kiel festmachen zu lassen. Die Marine soll allerdings bereits abgewunken haben – aus Sicherheitsgründen scheide der Tirpitzhafen aus. Der Ostuferhafen dürfte ebenfalls keine Option sein. Zur Gefahrenabwehr nach den Terroranschlägen vom 11. September gilt dort der International Ship and Port Facility Security Code (ISPS-Code), der die Hafenanlage abschottet.

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hat angekündigt, die Zahl der Erstaufnahmeplätze kurzfristig von 8500 auf 15.000 aufstocken, der Einsatz von Fähren oder Wohnschiffen könnte helfen, die Mammutaufgabe zu stemmen. Aber nicht alle sehen in dieser Option eine gute Lösung.

Martin Link vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein: „Menschen auf einem Schiff unterzubringen, führt zu Reibung. Das weiß ich aus meiner Hamburger Zeit.“ Vor 25 Jahren hatte Hamburg Flüchtlinge auf dem ausgemusterten Kreuzfahrtschiff „Marco Polo“ und Wohnschiffen wie der „Bibi Altona“ untergebracht. Eine Möglichkeit zum Spielen gab es nicht, die Kinder tobten durch die engen Gänge, und Winterstürme brachten die Wohnschiffe zum Schwanken, viele Bewohner übergaben sich. Dazu kamen Streitereien, oft unter Einsatz von Messern.

Martin Link: „Die Wohnschiffe waren ursprünglich reine Schlafgelegenheiten für Bohrinselarbeiter, gar nicht für dauerhaftes Wohnen ausgelegt.“ Er hat die Hoffnung, dass es bei den Fähren, sollten sie kommen, ein wenig entspannter ist. „Weil es dort Kapazitäten für Gemeinschaftsräume gibt“, so Link.

Doch auch für größere Schiffe gelte, dass eine Unterbringung kritisch sei, weil Flüchtlinge in der Erstaufnahme keinen Arbeits- oder Bildungstag hätten, sondern dazu verdammt seien, nichts zu tun. „Ich bin der Meinung, die Unterbringung in der Enge eines Schiffs ist nur kurzfristig zumutbar. Doch das Gegenteil wird politisch geplant. Berlin will die zulässige Aufenthaltszeit in der Erstaufnahme auf sechs Monate verlängern, damit Menschen ohne Bleibeperspektive nicht erst auf die Kommunen verteilt werden.“

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