Appell an das Land : Flüchtlinge: Schulen fühlen sich alleine gelassen

Viele der Flüchtlingskinder kommen aus Krisengebieten, sie haben Schlimmes erlebt und benötigen psychologische Betreuung. Doch diese können die Lehrer nicht zusätzlich leisten.
Viele der Flüchtlingskinder kommen aus Krisengebieten, sie haben Schlimmes erlebt und benötigen psychologische Betreuung. Doch diese können die Lehrer nicht zusätzlich leisten.

In speziellen Klassen lernen Kinder von Asylbewerbern Deutsch, viele von ihnen sind traumatisiert - nicht nur deswegen eine riesige Herausforderung für die Lehrer.

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08. Dezember 2014, 06:59 Uhr

Rendsburg | Was die 14-jährige Alisar (Name von der Redaktion geändert) aus Syrien alles erlebt hat, mag sich die Leiterin der Schule Altstadt in Rendsburg, Kirsten Koppelmann, gar nicht ausmalen. Das Mädchen ist mit seinen Brüdern aus dem Bürgerkriegsland geflohen, tausende von Kilometern haben sie zu Fuß zurücklegen müssen, ihre Eltern sind bereits verstorben.

Jetzt besucht Alisar die Schule in Rendsburg, schließlich ist sie mit ihren 14 Jahren schulpflichtig. Doch sie spricht kein Wort Deutsch, auch kein Englisch. Die Lehrer sollen das traumatisierte Mädchen trotzdem unterrichten, irgendwie. Alisar und 64 andere Kinder bekommen eine besondere Förderung und besuchen deshalb die Klassen „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) an der Schule Altstadt.

Für die Lehrer ist die Arbeit mit den Flüchtlingskindern eine große Herausforderung und eine enorme Belastung, berichtet Schulleiterin Koppelmann. Viele der Kinder kommen aus Krisengebieten, sie haben Schlimmes erlebt und benötigen psychologische Betreuung. Doch diese können die Lehrer nicht zusätzlich leisten. Es fehle außerdem an geeignetem Unterrichtsmaterial und Dolmetschern. Für einige Sprachen gebe es nicht einmal Wörterbücher und die Stundenzahl der Lehrkräfte reiche für die große Gruppe schon lange nicht mehr aus. 

Stadt und Schulen fühlen sich mit der Betreuung der Kinder vom Land alleine gelassen. Deshalb haben sie jetzt gemeinsam die Initiative ergriffen und Unterstützung aus Kiel gefordert. Vor knapp zwei Wochen war Bürgermeister Pierre Gilgenast mit Vertretern der Schulen im Bildungsministerium, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Und heute ist er zu Besuch im Innenministerium, um erneut über die schwierige Lage zu berichten. „Es ist eine ausgesprochen unbefriedigende Situation“, beschreibt Gilgenast das Problem. Dass sich Rendsburg für die Flüchtlinge öffnen möchte, sei keine Frage. „Wir wollen helfen. Doch die Flüchtlingspolitik gerät in eine Schieflage, wenn sie nicht zu Ende gedacht wird“, sagt er.

Die Schule Altstadt ist in Rendsburg das Zentrum für Deutsch als Zweitsprache. Migranten sowie Asylbewerber werden dort unterrichtet. Doch einige Flüchtlingskinder besuchen bereits die Christian-Timm-Regionalschule, da die Schule Altstadt nicht alle Kinder aufnehmen kann. Das liege nicht am Platz oder zu wenig Lehrern mit DaZ-Qualifikation: „Es fehlt vor allem an Lehrerstunden“, so Schulleiterin Koppelmann.

Besonders schwierig sei die Arbeit mit Kindern, die noch nicht einmal alphabetisiert sind, berichtet sie. Derzeit gehören zehn Kinder dazu: „Sie sind noch nie zur Schule gegangen, sie kennen das System Schule gar nicht und haben schon Probleme damit, 45 Minuten still zu sitzen“, beschreibt sie die Lage.

Deshalb fordern sie und die Stadt vor allem eines vom Land: Zusätzliche Lehrerstunden, sprich mehr Personal. Abhilfe sollen 7,7 Millionen Euro schaffen, die das Land für 2015 zusätzlich zur Verfügung stellt. Das hat Bildungsministerin Britta Ernst am Freitag angekündigt. Mit dem Geld sollen im kommenden Jahr 125 neue Lehrkräfte-Stellen an den landesweit 84 DaZ-Zentren geschaffen werden. Außerdem soll es mehr Unterrichtsmaterialien geben. Bis einschließlich April sei der DaZ-Unterricht zunächst sichergestellt, berichtet Gilgenast. Dafür haben die Rendsburger Serviceclubs mit Spenden gesorgt, durch die auch Kurslehrer der Volkshochschule bezahlt werden.

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