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Kiel, Flensburg, Puttgarden : Flüchtlinge in SH: Das ist am Donnerstag passiert

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Flüchtlinge versuchen von Schleswig-Holstein aus nach Dänemark und Schweden zu kommen. Eine Übersicht der Ereignisse.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2015 | 17:20 Uhr

Flensburg

120 Flüchtlinge haben von Mittwoch auf Donnerstag am Bahnhof in Flensburg übernachtet. Sie wollten weiter nach Schweden. Doch weil die dänische Bahn den Zugverkehr mit Deutschland wegen der Flüchtlinge zeitweilig einstellte, war für sie im hohen Norden der Republik vorläufig Endstation. In Flensburg löste das eine große Hilfsbereitschaft aus. Menschen brachten Wasser, Decken, Windeln, Kekse und zahlreiche weitere Lebensmittel. Auf einem Tisch stapelten sich Pizzaschachteln. Am Donnerstagmorgen hob Dänemark das Fahrverbot auf. Um kurz vor 7 Uhr rollte ein erster Zug mit Ziel Kolding an den Bahnsteig. Etwa 50 Flüchtlinge stiegen ein. Wer einen gültigen Fahrausweis hat, darf mit. Im Laufe des Vormittags beruhigte sich die Lage. Stündlich kommen neue Züge aus Hamburg in Flensburg an. Die meisten Flüchtlinge steigen aber direkt in den Zug nach Dänemark um.

Am Flensburger Bahnhof kursieren Handzettel mit Reisetipps für Flüchtlinge, die weiter nach Schweden wollen. Darin wird den Menschen empfohlen, nicht Dänemark zu passieren, sondern per Schiff direkt nach Schweden zu reisen. Die dänische Polizei registriere die Flüchtlinge, heißt es auf dem Flyer - und dann könnte nur noch in Dänemark Asyl beantragt werden. Stattdessen sollten die Flüchtlinge Fähren von Kiel nach Göteborg, von Rostock nach Trelleborg und von Sassnitz auf Rügen nach Trelleborg nutzen, heißt es. Wer den Flyer veröffentlicht hat, blieb unklar.

Kiel

Eine Flüchtlingsfamilie wartet im Terminal der Stena-Line-Fähre auf die Abfahrt nach Göteborg.

Eine Flüchtlingsfamilie wartet im Terminal der Stena-Line-Fähre auf die Abfahrt nach Göteborg.

Foto: M. Kiosz
 

In Kiel sind im Laufe des Tages um die 200 Flüchtlinge am Stena-Line-Terminal angekommen. Die Flüchtlinge wollen per Fähre nach Göteborg übersetzen und so die Reise durch Dänemark umgehen. 50 von ihnen kamen aus Flensburg, weil sie dort anfangs nicht nach Dänemark weiterreisen konnten. 150 kamen mit Bussen der Landespolizei aus Boostedt in die Landeshauptstadt. Die Polizei hatte am Mittwochabend gestrandeten Flüchtlingen in Flensburg versprochen, sie nach Kiel zu bringen und die Fährkosten nach Göteborg zu übernehmen. Mit der Zusage habe man die Lage beruhigen wollen, sagte ein Sprecher der Landespolizei Schleswig-Holstein - und sprach von einer „Einzelfallentscheidung“.

Puttgarden

 

Die Fährverbindung nach Dänemark über Puttgarden war am Mittwoch eingestellt worden - und auch am Donnerstag waren zunächst keine verschifften Züge unterwegs. Am Fähranleger in der dänischen Hafenstadt Rødby warteten viele Menschen vergeblich auf die Ankunft neuer Flüchtlinge. Dutzende Freiwillige standen stundenlang in der Sonne, unter ihnen Dänen, aber auch Schweden und Norweger. Sie hatten in ihren Autos in den vergangenen Tagen mehrere hundert Migranten zur Grenze nach Schweden mitgenommen. „Wir wissen immer noch nicht genau, ob wir uns damit jetzt strafbar gemacht haben“, sagte einer von ihnen. „Wir wollen ja nur helfen. Manchmal kann man sich schon für sein Land schämen.“

Flüchtlinge, die es nach Rødby in Dänemark geschafft haben, konnten auf der Insel Lolland weiterreisen. Die Menschen wollten jedoch die Züge nicht verlassen, um nicht in Dänemark als Asylbewerber registriert zu werden. 300 Menschen befinden sich noch in einer Unterkunft vor Ort.

Schleswig-Holstein: ein Transitland für Flüchtlinge in Richtung Skandinavien

Reaktionen am Donnerstag

Politiker aus Schleswig-Holstein haben das Verhalten ihres Nachbarn Dänemark kritisiert.

Ministerpräsident Torsten Albig

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) ist über die Entspannung für die Flüchtlinge an der deutsch-dänischen Grenze erleichtert. „Ich bin froh, dass sich die Situation an der dänischen Grenze wieder entspannt hat und der Zug- und Fährverkehr wieder aufgenommen wurde“, sagte Albig am Donnerstag.

Zugleich übte er Kritik an der EU. „Wir brauchen endlich ein europäisch einheitlich abgestimmtes Verhalten. Wir müssen in Brüssel darauf hinwirken, dass ganz klar deutlich wird: Es ist kein deutsches Problem ist, sondern es ist eine europäische Herausforderung.“ Deutschland könne diese Aufgabe nicht alleine auffangen, sagte Albig. „Es kann auch nicht sein, dass europäische Länder Flüchtlinge schnell weiterschieben und nur Deutschland und Schweden Flüchtlinge annimmt.“ Flüchtlingshilfe müsse in ganz Europa stattfinden.

Europaministerin Anke Spoorendonk

In der Flüchtlingskrise hat Schleswig-Holsteins Europaministerin Anke Spoorendonk (SSW) eine abgestimmte einheitliche Linie der Europäischen Union angemahnt. „Notwendig ist ein europaweit koordiniertes Vorgehen in einer humanen Flüchtlingspolitik“, sagte die Politikerin der dänischen Minderheitspartei im Norden am Donnerstag in Kiel. „Nationale Alleingänge helfen da nicht.“ Die derzeitige Situation sei „eine große Herausforderung für uns alle in ganz Europa“. Notwendig seien außerordentliche Anstrengungen, um den Menschen zu helfen. „Daran müssen wir gemeinsam arbeiten“, sagte die Ministerin.

Schleswig-Holsteins SPD-Vorsitzender und Fraktionschef Ralf Stegner

Ralf Stegner hat sich für eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik ausgesprochen. Es mache wenig Sinn, "nationale Alleingänge zu unternehmen", sagte Stegner dem NDR. Zum Beispiel das Dublin-Verfahren müsse geändert werden. Das Interview zum Anhören.

 

Umgekehrt kommt aber auch aus Dänemark Kritik an Deutschland. Der Chef der dänischen Rechtspopulisten, Kristian Thulesen Dahl, erklärte: „Das war Deutschlands Entscheidung, seine Grenzen für Tausende von Flüchtlingen und Migranten zu öffnen. Deshalb muss Deutschland sie auch entgegennehmen, wenn Dänemark sie zurückschickt.“ Die Rechtspopulisten treibt die freie Weiterreise der Flüchtlinge zur Weißglut. Er habe schon vor Tagen gewarnt, dass es in Dänemark keine „Wild-West-Zustände“ geben dürfe - mit Menschen, die auf Autobahnen herumliefen, sagt Dahl. „Wenn Menschen nach Dänemark kommen, können sie entweder Asyl beantragen, wenn sie das wollen. Wenn sie das nicht wollen, müssen sie zurück in das Land, aus dem sie kommen.“ Die populäre Dansk Folkeparti (DF) ist nach den Sozialdemokraten stärkste Partei im Parlament und Architektin der strengen dänischen Ausländerpolitik.

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