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Untersuchungsausschuss des Landtags SH : Fall Friesenhof: Mitarbeiter verteidigt Heimaufsicht

vom

In Friesenhof-Jugendheimen soll ein System aus Strafen und Demütigungen geherrscht haben. Was wusste die Heimaufsicht?

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2016 | 17:49 Uhr

Kiel | Der Friesenhof war auch für die Heimaufsicht ein ungewöhnlicher Fall - auch was die Intensität der Betreuung angeht. Das sagte der für die Einrichtung zuletzt zuständige Mitarbeiter der Heimaufsicht am Montag vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA). Ihm sei nicht bekannt, dass eine andere Einrichtung ähnlich intensive Aufmerksamkeit verlangt habe. In rund 20 Monaten zwischen Ende Oktober 2013 bis zur Schließung im Juni 2015 waren er und ein Kollegen acht Mal in den Häusern des Friesenhofes, allein sechs Mal in den umstrittenen Mädchencamps „Nanna“ und „Campina“.

Die Einschätzung der Heimaufsicht steht im Gegensatz zu Zeugenaussagen. Ehemalige Mitarbeiter und Bewohnerinnen des Friesenhofes hatten vor dem Ausschuss ein System aus Strafen, Repressalien und Demütigungen geschildert. Die Einrichtung in Dithmarschen war Anfang Juni 2015 nach massiven Vorwürfen unter anderem wegen menschenunwürdiger Methoden im Umgang mit untergebrachten Mädchen geschlossen worden.

Der Fall Friesenhof zeige, dass die rechtlichen Möglichkeiten der Heimaufsicht nicht ausreichend seien, sagte der 50-Jährige weiter. Er betonte, es werde intensiv an der Verbesserung der Situation gearbeitet und es sei auch schon einiges getan worden. Die gesamte Heimaufsicht setze sich dafür ein, dass sich so ein Vorfall nicht wiederhole.

Der Sozialpädagoge hatte die Arbeit der Behörde vor dem PUA verteidigt. Alle Vorgänge seien engagiert bearbeitet worden, sagte der 50-Jährige. Es sei aufgrund von Beschwerden eine Nachbesserung des Konzepts gefordert worden, eine konkrete Kindeswohlgefährdung habe bei einem Besuch vor Ort im Herbst 2013 und nach Gesprächen aber nicht festgestellt werden können, sagte der Zeuge.

Es habe weitere Gespräche mit der Betreiberin und auch örtliche Begehungen gegeben, setzte der Mann hinzu. Die Einschaltung eines Anwalts habe seine Arbeit erschwert, da pädagogische Maßnahmen der Aufsicht nun auch juristisch bewertet werden mussten.

Es gebe eine Diskrepanz zwischen sozialpädagogischer und juristischer Bewertung. Schritte wie eine Untersagung der Tätigkeit würden mit dem Hinweis auf mögliche Klagen und Schadensersatzforderungen verwehrt werden. Die juristische Bewertung sei seiner Wahrnehmung nach so gewesen, dass man im Klageverfahren keine Chance gehabt hätte.

Der Zeuge betonte, dass es keine turnusmäße Überprüfung von Einrichtungen gebe. Diese wären zwar aus seiner Sicht wünschenswert, sie seien aber angesichts der Vielzahl an Einrichtungen pro Sachbearbeiter unrealistisch. Das sei auch jetzt, wo bereits mehr Mitarbeiter eingestellt worden seien, nicht möglich. Daher seien Beschwerden oder ähnliches auch so wichtig für die Heimaufsicht, die daraufhin einen Besuch vor Ort abstatten könne.

Im Januar 2015 habe es eine Auflagenverfügung seitens der Heimaufsicht gegeben, da er nach gut einem Jahr keine grundsätzliche Verbesserung der Situation gesehen habe. Da diese nicht eingehalten worden sei, sei die Einrichtung nach einer Überprüfung dann im Sommer 2015 geschlossen worden, sagte der Sachbearbeiter.

Die Einrichtung in Dithmarschen war im Juni 2015 nach massiven Vorwürfen unter anderem wegen menschenunwürdiger Methoden im Umgang mit untergebrachten Mädchen geschlossen worden. Die Opposition hält der Heimaufsicht des Landes und Ministerin Kristin Alheit (SPD) vor, im Fall Friesenhof zu spät und unzureichend reagiert zu haben. Alheit hat den Vorwurf des Missmanagements entschieden zurückgewiesen In der Sitzung wurde auch aus einem Vermerk der Sachbearbeiter vom 22. Juni 2015 - also nach der Schließung der Heime - zitiert. Es ging unter anderem um die vom Landtag geforderte Akteneinsicht. Demnach war das Vertrauensverhältnis zwischen der Leiterin der Heimaufsicht und ihren Mitarbeitern gestört. Anlass war ein zunächst verschwundener Originalvermerk. Es wurde von den Sachbearbeitern vermutet, dass auch weitere Originale in den Akten fehlen könnten.

Ministerin Kristin Alheit (SPD) hatte Ende Juni 2015 wegen des Verdachts der Aktenmanipulationen in ihrem Ministerium Strafanzeige gegen unbekannt gestellt. Es soll um das Löschen von E-Mails und einen verschwundenen Vermerk gehen.

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