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Neue Datenschützerin in SH : Facebook, NSA und Co.: Fünf Fragen an Marit Hansen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schleswig-Holsteins oberste Datenschützerin sieht Technik nicht nur als Risiko: Marit Hansen im sh:z-Gespräch über soziale Netzwerke, die Vorratsdatenspeicherung und die Fußstapfen ihres Vorgängers Thilo Weichert.

Kiel | Manchmal spricht Marit Hansen ganz lange Sätze. Dann weiß der Zuhörer am Ende gar nicht mehr, wie der Satz angefangen hat. In diesen Moment sucht sie sich noch im neuen Amt. Und dann spricht sie wieder ganz kurz und klar: „Mein Amt ist sehr politisch“, sagt sie etwa. Oder: „Datenschützer müssen nicht nur kritisieren. Sie müssen auch Lösungen anbieten.“ Und: „Wir Datenschützer sind keine Wegducker. Wir warten auch nicht ab, bis sich die Parteien sortieren.“

Seit Mitte Juli ist Hansen oberste Datenschützerin Schleswig-Holsteins, Chefin der Behörde mit dem etwas ungelenken Titel „Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz“. Wenn sie da so sitzt an einem Tisch in ihrem Büro in einem schmalen, schmucklosen Bürogebäude in der Kieler Innenstadt, merkt man: Die 46 Jahre alte Informatikerin hat sich einiges vorgenommen. Ihren Weg muss sie aber noch finden.

Wie sollte es auch anders sein. Die kurze Zeit im neuen Job ist gar nicht der Punkt. Hansens Punkt hat einen Namen: Thilo Weichert. Ihr Vorgänger war quasi „Mr. Datenschutz“ in Deutschland, omnipräsent in den Medien, immer mit einer klaren Position, immer zitierfähig.

Hansen ist ganz anders als ihr Vorgänger. Vor allem ist sie keine Juristin, wie es die obersten Datenschützer in Deutschland traditionell sind. Sie ist Informatikerin. Ihr Anliegen ist es, „Lösungen aus der Wissenschaft für die Praxis nutzbar zu machen“. Sie will nicht nur motzen, sie will helfen.

Der Alleinunterhalter, den ihr Vorgänger oft auch bundesweit gegeben hat, will sie nicht werden: „Eine Verteilung der Last wäre gut“ zwischen den Datenschutzbeauftragten der Länder und auch des Bundes. Dabei weiß sie, dass nicht nur ihre Reputation in der Fachöffentlichkeit gut ist, sondern auch die Erwartungen hoch. „Sie leitet eine der europaweit renommiertesten Datenschutz-Aufsichtsbehörden“, erinnerte sie etwa der Fachdienst Heise. Als ob sie das nicht wüsste.

Seit 20 Jahren arbeitet Hansen in der Kieler Behörde. Sie ist gleich von der Uni Kiel dorthin gewechselt. Beeindruckt hatten sie zum Ende ihres Informatikstudiums in den 90er-Jahren die Vorlesungen des damaligen Datenschutzbeauftragten Helmut Bäumler. In den letzten acht Jahren war sie Weicherts Stellvertreterin. Er der Jurist und Lautsprecher, sie die Technikerin im Hintergrund, die auch in internationalen Gremien für pragmatische Lösungen kämpfte.

Auf den gängigen sozialen Netzwerken ist Hansen laut eigener Aussage vertreten: „Ich probiere die wichtigen Netzwerke aus, aber unter Pseudonym.“ Schließlich müsse sie wissen, wie sie funktionieren und was dort los sei. Privat nutzt sie Threema, eine Schweizer App ähnlich Whatsapp, die stark unter Datenschutzaspekten entwickelt wurde und bei der die Kommunikation verschlüsselt ist. „Ich sehe Technik nicht nur als Risiko, sondern als Chance“, sagt sie, um mit einem gängigen Vorurteil gegenüber Datenschützern aufzuräumen.

Hansen ist klar in ihren Positionen. Sich als Chefin einer angesehenen Behörde auch Gehör zu verschaffen und durchzusetzen, das wird ihre größte Aufgabe. Vorgänger Weichert sagte in einem seiner letzten Interviews, er halte es für ein Versäumnis, auf die Haushaltslage des Landes zu sehr Rücksicht genommen und zu wenig für mehr Personal gekämpft zu haben. Sie kenne das Zitat, sagt sie mit einem Schmunzeln. „Da hat er mir einen Ball zugeworfen.“ Und fängt sie ihn auch auf? Schon, meint sie. Es gelte aber auch, Synergien zu finden, bundesweit oder etwa auch mit Dänemark im Hinblick auf den grenzüberschreitenden Verkehr und dessen Überwachung. Wie eine Kampfansage an die Finanzministerin klingt das nicht. Hansen ist lange genug im Geschäft, um zu wissen: Politik kann ein mächtiger Gegner sein kann.

Fünf Fragen an Marit Hansen


Welche Aufgabe, die Sie gerade bearbeiten, hat die höchste Priorität?
Informationstechnik, die nicht vertrauenswürdig ist –  das ist der Kernpunkt unserer Sommerakademie am 31. August. Nach der politischen Sommerpause kommt wieder der ganze Bauchladen an Datenschutzthemen dran.

Bitte einen Satz zu Facebook.
Facebook gehört wie auch die anderen marktdominierenden Internetfirmen zu den viel zu wenig kontrollierten Datensammel-Riesen, die das europäische Datenschutzrecht immer noch nicht ernst nehmen.

Und zur NSA.
Danke an Edward Snowden dafür, dass er uns gezeigt hat, wie stark NSA und Co. auch in Deutschland überwachen und manipulieren können – ich bin aber entsetzt, dass bislang daraus kaum Konsequenzen gezogen wurden.

Und zur Vorratsdatenspeicherung.
Massenhafte Datenspeicherungen von unverdächtigen Bürgern auf Vorrat sind ein mächtiger Eingriff in die Privatsphäre und bergen ein erhebliches Missbrauchsrisiko – Massenüberwachung verträgt sich nicht mit unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.

Welche App verbieten Sie Ihren Kindern?
Verbote sind aus meiner Sicht oft der falsche Weg – stattdessen überlegen wir gemeinsam, welchen Nutzen und welche Risiken Apps haben und welche Alternativen es gibt.

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von
erstellt am 15.Aug.2015 | 11:36 Uhr

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