Gefahr für Unfallopfer : EU bremst Rettungsflieger in SH aus

Rechnerisch 300 Einsätze fliegen die Retter mit den Helikoptern in Deutschland pro Tag und bringen Verletzte vom Unfallgeschehen zur Versorgung in die umliegenden Kliniken.
Rechnerisch 300 Einsätze fliegen die Retter mit den Helikoptern in Deutschland pro Tag und bringen Verletzte vom Unfallgeschehen zur Versorgung in die umliegenden Kliniken.

Brüssel setzt neue Standards für Landeplätze an Krankenhäusern. Kritiker schlagen Alarm – und warnen vor einer Gefahr für Unfallopfer.

shz.de von
03. Juni 2014, 06:28 Uhr

Kiel/Brüssel | Wenn auf Norddeutschlands Straßen Unfälle passieren, ist immer häufiger die Luftrettung gefordert. Rechnerisch 300 Einsätze fliegen die Retter mit den Helikoptern in Deutschland pro Tag und bringen Verletzte vom Unfallgeschehen zur Versorgung in die umliegenden Kliniken. Doch eine EU-Verordnung, die bislang noch ausgesetzt war, doch jetzt zum 28. Oktober scharf geschaltet wird, könnte den Rettern in Zukunft das Leben schwer machen. Die deutsche Krankenhausgesellschaft schlägt Alarm. Kliniken in Schleswig-Holstein rüsten bereits auf. Die deutsche Luftrettung (DRF) warnt vor Versorgungsengpässen im ländlichen Raum.

Konkret sollen nach der EU-Verordnung 965/2012 die Hubschrauberlandeplätze an Deutschlands Krankenhäusern katalogisiert, kategorisiert und hinsichtlich der Maße und technischen Ausstattung standardisiert werden. Mit womöglich weit reichenden Folgen. „Die Anforderungen an Hubschrauber-Landeplätze an Krankenhäusern sollen so verschärft werden, dass etwa die Hälfte der bisherigen Landeplätze nicht mehr angeflogen werden kann“, warnt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Wie viele Kliniken genau betroffen sein werden, ist noch unklar.

Beim Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) wird der Landeplatz in Kiel derzeit noch geprüft, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilt. Für den UKSH-Hubschrauberlandeplatz in Lübeck steht bereits fest, dass nachgerüstet werden muss. Kosten: Rund 25.000 Euro. An der Flensburger Diako misst der Landeplatz nach EU-Vorgaben mit einmal 10 mal 10 Metern fünf Meter zu wenig auf jeder Seite. Dort setzt man jedoch auf eine Ausnahme-Regel. „Alle Landeplätze die vor 2002 genehmigt worden sind, fallen unter Bestandsschutz“, sagt Karl-Heinz Vorwig, kaufmännischer Vorstand des Klinikums.

Für Kliniken, die sich nicht auf solche Bestandsregeln berufen können oder deren Landeplätze womöglich formal – wie in der Mehrzahl der Fälle – überhaupt nie genehmigt worden sind, könnten zwar Sondergenehmigungen ergehen. Doch auch hier gibt es Regeln. Bis zu 100 Starts und Landungen im Jahr dürften an solchen „Public Interest Sites“ stattfinden – ein sehr geringer Wert angesichts der Schlagzahlen an Deutschlands Krankenhäusern. Allein die Diako zählte im vergangenen Jahr rund 550 Anlandungen – alle 15 Stunden landet im Schnitt ein Rettungshubschrauber. Bei „Public Interest Sites“ dürfte der Helikopter nur einmal in der Woche landen.

„Wir befürchten da eine erhebliche Verschlechterung bei der Versorgung der Bevölkerung“, warnt dann auch die deutsche Luftrettung (DRF), die bundesweit 28 Standorte unterhält. Eine Sprecherin der DRF betont, dass es grundsätzlich ein Thema der ländlichen Gebiete sei. Auf Schleswig-Holstein speziell will sie sich nicht festlegen. Zwar gelten die Regeln nicht für die DRF-eigenen Landeplätze, jedoch könnten die Rettungshubschrauber in Zukunft gezwungen sein, längere Strecken zu fliegen, um das nächste Krankenhaus mit EU-genormten Landeplatz anzusteuern. „Es hat sich durch die Spezialisierung der Krankenhäuser ergeben, dass die Zahl der  Luftrettungseinsätze steigt“, so die DRF-Sprecherin.

Durch die EU-Verordnung droht genau diese Optimierung aber zum Nachteil zu werden. Im Norden unterhält die DRF Standorte in Rendsburg und Niebüll. Und nach weitergehenden Plänen der EU könnte sich auch dort die personelle Situation demnächst verschärfen und könnten die Kosten für Luftrettungseinsätze steigen. So zieht Brüssel künftig nämlich eine Altersgrenze für die Piloten. Ab 60 Jahren dürfen sie dann nicht mehr alleine im Cockpit sitzen. „Man spricht den Piloten von heute auf morgen ab, dass sie im Cockpit sitzen dürfen“, so die DRF-Sprecherin. „Das ist das gleiche, als wenn sie Busfahrern sagen, dass sie mit 60 nicht mehr hinter dem Steuer sitzen dürfen.“ 

Gerade auf den Nachwuchs könne diese Vorgabe aber abschreckende Wirkung haben. Schließlich sei unklar, was mit den Piloten zwischen deren 60. Lebensjahr und dem Eintritt ins Rentenalter geschehe. Zudem hat Brüssel mit seinen Verordnungen die Ruhezeiten neu geregelt. Nach Angaben der DRF werden damit für Hubschrauber-Piloten dieselben Vorgaben gelten wie  für Flugzeugpiloten von Intercontinental-Maschinen. In der Summe sieht sich die DRF damit in der Pflicht, mehr Personal an den Standorten vorzuhalten. „Das wird die Kosten der Luftrettung deutlich erhöhen“, warnt die Sprecherin. Kosten, die auf die Krankenkassen zurollen – und für die am Ende der Verbraucher zahlt.

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