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Steuerverschwendung in Kiel : Eine Innovation im Landtag rentiert sich erst in 236 Jahren

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Modernste Ökotechnik für das Energiesparen wurde einst im neuen Plenargebäude für viel Geld verbaut – doch die Erneuerung macht sich nicht bezahlt.

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2016 | 17:04 Uhr

Kiel | Als das Landeshaus in den Jahren 2001 bis 2004 für rund 21 Millionen Euro umgebaut und um einen neuen Plenarsaal erweitert wurde, legten vor allem die Grünen Wert auf den Einbau innovativer Gebäudetechnik. Es galt, die Energiebilanz zu verbessern. Mit Spezialbohrern wurden damals 29 Löcher gegraben und Erdsonden in 99 Meter Tiefe eingebracht. Eine „geothermische Kälteanlage“ sollte den gläsernen Plenarsaal auch im Sommer angenehm temperieren – mit grünem Strom. Aufs Dach des Landtages kam eine Photovoltaikanlage.

Viele Städte und Gemeinden würden gerne in Energieprojekte investieren. Der Landtag wollte mit gutem Beispiel vorangehen, scheiterte allerdings. Der Bund der Steuerzahler mahnt zur Vorsicht.

Heute steht fest: Die Investition war ein Flop, und die Energiebilanz des neuen Plenarsaals ist mehr als ernüchternd. Für die Photovoltaik-Anlage haben Experten des Landesrechnungshofs eine Amortisationszeit von 236 Jahren ausgerechnet, und die Kälteanlage rechnet sich erst nach 45 Jahren.

Auf Nachfrage bestätigte die landeseigene Gebäudeverwaltung GMSH, die Photovoltaikanlage erzeuge durchschnittlich eine Strommenge von jährlich rund 6000 KWh. „Um diesen Wert wird der Strombezug aus dem öffentlichen Stromnetz reduziert, womit bei heutigen Strompreisen rund 1000 Euro jährlich eingespart werden“, erklärt GMSH-Sprecherin Barbara Müller.

Bei der Kälteanlage sieht es kaum besser aus: Sie sorgt laut GMSH für eine jährliche Stromkosteneinsparung zwischen 700 und 1500 Euro. Um also in guten Jahren 2500 Euro – in schlechten 1700 Euro – einzusparen, gab der Landtag beim Bau rund eine Viertelmillion Euro aus. Nachdem die GMSH sich jahrelang sträubte, Daten über die Energiebilanz zu veröffentlichen, muss sie jetzt einräumen: „Im laufenden Betrieb und unter den heute bekannten Betriebsbedingungen hat sich gezeigt, dass die eingebaute Technologie den in sie gesetzten Erwartungen nicht entsprechen konnte.“ Die damals in der Planung eingesetzten Rechenmodelle seien deutlich zu optimistisch in ihren Grundannahmen gewesen. „Eine Amortisation ist nicht gegeben.“ Mit dieser Erfahrung würde die Anlage in dieser Konzeption heute so nicht mehr errichtet werden. Allerdings weist Müller darauf hin, dass beide Anlagen „für das Land Pilotcharakter hatten und dem Zweck dienen, Erfahrungen zu sammeln“.

Dass der Staat beim Einsatz regenerativer Energien mit gutem Beispiel vorangehen will, ist für den Bund der Steuerzahler nachvollziehbar. „Trotzdem zeigt das Beispiel, dass ökologische Ambitionen nicht immer ein guter Ratgeber sind“, erklärt Geschäftsführer Rainer Kersten. Wichtig sei es, aus den Fehlern für die Zukunft zu lernen.

Das sei um so bedeutsamer, als die Landesregierung dem Wunsch der Kommunen nachgeben und diesen erlauben will, selbst in Energieprojekte wie Wind- oder Solarparks zu investieren. „Das Ganze geschieht unter dem Vorwand der Energiewende. In der Realität geht es aber ums Geld, die Kommunen wollen mitverdienen“, vermutet Kersten. Seine Sorge: Teure Flops, wie sie der Landtag mit der Geothermie erlebte, könnten künftig auch die Gemeinden treffen und in finanzielle Schieflage bringen. „Bei allem Verständnis für den Groll der Bürgermeister darüber, dass Großbauern sich mit drei Windrädern auf ihrem Acker dumm und dämlich verdienen und den Bürgern nur Schattenwurf und Lärm bleiben, muss der Gemeinderat die Sinnhaftigkeit der eigenen Investition ständig hinterfragen.“ Wenn es beispielsweise um die Amortisation eines Solarparks im Norden gehe, stelle sich die Frage: „Warum macht das kein Privater?“

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