Debatte über Berufswahl : Eignungstests für Lehrer: Wer darf unsere Kinder unterrichten?

Ein Test zeigt: 40 Prozent der angehenden Lehramtsstudenten sind ungeeignet für den Beruf. Ihnen droht ein Burnout.

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18. Mai 2015, 11:58 Uhr

Viele Lehrer sind am Ende, ausgebrannt, krank und lustlos. Doch nicht nur schwierige Kinder und zu große Klassen sind Schuld an dieser Misere – auch die falsche Berufswahl spielt häufig eine Rolle. An der Universität Passau gibt es deshalb einen deutschlandweit einzigartigen Eignungstest für künftige Lehramtskandidaten, bei dem Experten emotionale Stabilität, pädagogische Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen und Empathie der jungen Kandidaten unter die Lupe nehmen.

Das Ergebnis ist erschreckend: „Bis zu 40 Prozent der Lehrer sind für diesen Beruf eigentlich ungeeignet“, so das aktuelle Fazit von Norbert Seibert, der an der bayrischen Universität Professor für Schulpädagogik ist. Das sei für Betroffene und Schüler gleichermaßen fatal.

Während die CDU in Schleswig-Holstein die Einführung von Eignungstests sogar im Wahlprogramm stehen hat und sich jetzt „durch die Passauer Ergebnisse bestätigt sieht“, wie die Abgeordnete Heike Franzen am Wochenende mitteilte, hält sich das Ministerium eher bedeckt. Man rate allen, die sich für den Lehrerberuf interessieren, an einem Selbsttest teilzunehmen, der auf der Homepage des Ministeriums steht. „Intensive Beratung und Selbstprüfung ist immer die beste Voraussetzung dafür, den richtigen Beruf zu finden“, erklärte Ministerin Britta Ernst (SPD).

Doch Konsequenzen hat es keine, wenn Studenten im stillen Kämmerlein beim Selbsttest durchfallen. Dabei zeigen alle Untersuchungen, dass für den Beruf ungeeignete Kandidaten später unter der Last des Schulalltags schneller zusammenbrechen. In Schleswig-Holstein haben im Jahr 2014 nur 15 Prozent aller Lehrkräfte bis zum Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze gearbeitet. Ein Lehrer mit Burnout kostet den Staat rund 375.000 Euro. Erstaunlich auch: Jeder vierte Studienanfänger wollte ursprünglich gar nicht Lehrer werden, sondern beschreibt die Studienauswahl als Notlösung.

Für den Chef des Philologenverbandes, Helmut Siegmon, ist das ein Alarmzeichen. Eignungstests sind für ihn zwar ein probates Mittel, um hochmotivierte, geeignete Lehrer auszuwählen. Doch vom Auswählen könne im Norden keine Rede sein. „Wir können froh sein, wenn überhaupt jemand hier Lehrer werden will“, so Siegmon.

Er beobachtet: „Inzwischen wenden sich die klugen Köpfe ab, wegen der Unsicherheiten über die Studiengänge in Kiel und Flensburg. Wer will schon ein Schmalspurstudium an Unis, die sich in einem Wettbewerb nach unten befinden.“ Längst habe sich herumgesprochen, „dass Studenten, die in Kiel durch die Matheklausur fallen, nach Flensburg gelockt werden, wo jeder besteht.“ Von dänischen Verhältnissen, wo nur die Besten Lehrer werden dürfen, sei Schleswig-Holstein besonders bei naturwissenschaftlichen Fächern „meilenweit entfernt“.

Wer in der Schule gut in Mathe ist, wird nicht automatisch auch ein guter Mathelehrer. Doch meist ist es zu spät, wenn Studenten im fünften oder sechsten Semester feststellen, dass der Lehrerberuf doch nicht das Richtige für sie ist. „Leider ist das Lehramtsstudium eine Sackgasse – wer anfängt, bleibt dabei, weil es kaum andere Berufsfelder gibt, in denen man außerhalb der Schule tätig sein kann“, beklagt die Landtagsabgeordnete Anita Klahn. Die FDP-Frau spricht sich deshalb klar für Eignungsprüfungen zu Studienbeginn aus. „Wir sollten dem Vorbild der Uni Passau folgen. Selbsttests im Internet sind zu grob und haben nicht die nötige Aussagekraft.“

Gerade weil viele Jugendliche in den Lehrerberuf drängen, die nicht wissen, was sie sonst studieren sollen oder in der guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie Vorteile sehen, sei ein Eingangstest um so nötiger, meint Klahn. Auch in Österreich sei er seit 2014 Pflicht. „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass nur geeignete und motivierte Lehrer unsere Kinder unterrichten, alles andere ist nicht zu verantworten“, so Klahn.

Doch nicht alle sehen in solchen Tests die Lösung. Jürgen Budde etwa, Pädagogik-Professor an der Uni Flensburg, findet es „bedenklich, schon zu Beginn des Studiums eine Prognose abzugeben“. Schließlich sei es Aufgabe der Uni, den jungen Menschen das Rüstzeug für den Lehrerberuf beizubringen. „Das sollen sie doch bei uns erst lernen, man kann doch nicht das Ergebnis vorwegnehmen“, meint Budde, der sich für intensive Beratung und Begleitung der Studiosi stark macht.

Auch das Ministerium weist auf Beratungsgespräche hin, die mit dem neuen Lehrkräftebildungsgesetz im Rahmen des Bachelor-Studiums verpflichtend eingeführt wurden. Zudem helfe die stetige Ausweitung des Praxis-Anteils in der Lehrer-Ausbildung frühzeitig zu erkennen, ob man die richtige Berufswahl getroffen hat, heißt es in Kiel.

Fraglich ist aber, ob das wirklich reicht. Im aktuellen Hochschulbildungsreport ist nachzulesen, dass „die besten Schüler deutlich seltener Lehrer werden, als Schüler mit mittelmäßigen Noten“. Schlimmer noch: Nur 13 Prozent halten sich für durchsetzungsstark, und nur 16 Prozent behaupten Selbstvertrauen zu haben und öffentlich gut rüberzukommen – Eigenschaften, die bei 30   mitunter aufmüpfigen Schülern nötig wären.

Die Gefahr, später an einem Burnout zu erkranken, sei umso größer, je stärker man sich überfordert fühlt, sagt der Passauer Pädagogikprofessor Norbert Seibert. Er rät dringend zu einer Eignungsprüfung, bei der es darum geht, Potenziale und Studierfähigkeit der jungen Menschen zu erkunden. „Gelingt es uns dabei, pro Jahrgang nur drei ungeeignete Aspiranten von ihrem Studienwunsch abzuhalten, spart das dem Staat jährlich gut eine Millionen Euro“, so seine Rechnung. Auch die Kinder profitierten, denn nur wenn Lehrer für ihren Beruf brennen und an der Jugend interessiert seien, stelle sich auch schulischer Erfolg ein.

FDP-Bildungsexpertin Anita Klahn verbindet mit Eignungstest noch eine andere Hoffnung: „Wenn künftig vor allem die Motivierten Lehrer werden, wird sich auch das Image des Berufes deutlich verbessern“.

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