Neue Regelung in der Kritik : Düngeverordnung in SH bringt mehr Gülle auf die Straße

Vom Acker auf die Straße: Die neue Gülleverordnung soll noch in diesem Jahr in Kraft treten.
Vom Acker auf die Straße: Die neue Gülleverordnung soll noch in diesem Jahr in Kraft treten.

Eine Million Tonnen Gülle müssten jährlich mehr per Lkw transportiert werden. Das Expertenfazit: Das ist ökologisch betrachtet „bizarr“.

shz.de von
29. Mai 2015, 06:30 Uhr

Kiel/Rendsburg | Werden jährlich bald viele Hunderttausend Tonnen Gülle per Lkw durch Schleswig-Holstein transportiert? Davor warnt zumindest der Kieler Agrarwissenschaftler Friedhelm Taube. „Nach der neuen Düngeverordnung müssten konservativ gerechnet zusätzlich rund eine Million Tonnen Gülle pro Jahr über Kreisgrenzen hinweg transportiert werden“, sagt der Experte für Ökologischen Landbau an der Christian-Albrechts-Universität. Dieser Anstieg ziehe wiederum Transportkosten von fünf Millionen Euro und über 1,5 Millionen Transportkilometer nach sich, wodurch Treibhausgasemissionen von etwa 2600 Tonnen CO2 erzeugt würden. Taube: „Das ist vom ökologischen Standpunkt aus betrachtet bizarr, weil der Düngerwert dann in keiner Relation mehr zu den Transportkosten steht.“

Die neue bundesweite Düngeverordnung soll noch dieses Jahr in Kraft treten. Wichtigstes Ziel der vom Agrarministerium in Berlin erarbeiteten Regelung: die Einhaltung der von der EU vorgegebenen Nitratwerte im Grundwasser. Denn gegen Deutschland läuft seit 2013 ein Vertragsverletzungsverfahren, weil die derzeitige Verordnung EU-Anforderungen nicht genügt und die Nitratwerte in einigen Regionen knapp unter der Grenze von 50 Milligramm/Liter liegen.

„Die Gärreste von Biogasanlagen werden dabei zukünftig folgerichtig als Dünger berücksichtigt, sie stellen in Schleswig-Holstein einen Anteil von etwa 20 Prozent des anfallenden Düngers, das hat enorme Konsequenzen für die Geest-Region mit ihrer sehr hohen Konzentration an Viehhaltung und Biogasanlagen.“ Vor allem aus Schleswig-Flensburg und Nordfriesland, wo landesweit ohnehin schon die höchsten Überschüsse an Gülle anfallen, werde dann von vielen Betrieben die Grenze von 170 Kilo Gülle pro Jahr und Hektar überschritten. Es müsse folglich Dünger in Regionen mit Aufnahmekapazitäten transportiert werden, so Taube.

Wenn man den Transport nicht wolle, würden dies in der Konsequenz bedeuten, Viehbestände abzustocken, sagt Landesbauernpräsident Werner Schwarz. Das könne aufgrund der von der EU geforderten höheren Effizienz in der Landwirtschaft nicht gewollt sein. „Es gibt schließlich Bedarf bei Betrieben, die Gülle abnehmen, in Ostholstein, Plön und an der Westküste.“ Die Verbringung von Gülle in Bedarfsregionen könne nur kurz bis mittelfristig eine Lösung bedeuten, heißt es aus dem Kieler Landwirtschaftsministerium. „Es muss aber für die Zukunft Alternativen zum Gülletourismus über weite Entfernungen geben“, so Umweltminister Habeck. Deshalb fördere das Land neue Stallbauten nur, wenn nachgewiesen sei, dass nicht mehr Gülle produziert wird als die Fläche aufnehmen kann.

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