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Portrait der neuen AfD-Vorsitzenden : Doris von Sayn-Wittgenstein: „Deutschland ist so unbeliebt wie nie zuvor“

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Aus der Onlineredaktion

Die neue AfD-Chefin glaubt an Werte, Ordnung und Identität. In Kiel muss sie erstmal die eigenen Reihen aufräumen.

Kiel | Eine Kampfkandidatur sei es nicht gewesen, sagt Doris von Sayn-Wittgenstein, die nun anstelle des AfD-Fraktionsvorsitzenden Jörg Nobis die Landesvorsitzende der Alternative für Deutschland ist. Durchgesetzt hat sie sich trotzdem gegen den ehemaligen Spitzenkandidaten, der die AfD bei der Landtagswahl im Mai mit 5,9 Prozent erstmals in den Landtag geführt hatte.

Im sogenannten Akzeptanzwahlverfahren auf dem Landesparteitag in Henstedt-Ulzburg erzielte die Landtagsabgeordnete 68 Prozent der Stimmen und stach Nobis damit aus. Sie übernimmt eine zerstrittene Partei.

„Lust es anders zu machen“ habe sie nun, sagt die Juristin auf die Frage, wie es denn zu der Ablösung des gemäßigten Nobis auf einem hitzigen Parteitag gekommen sei. Vor allem in der Art der Kommunikation wolle sie einiges anders machen. Nach 30 Jahren als Anwältin im Familienrecht habe sie eine ganz andere Art der Organisation und eine andere Arbeitsstruktur, die sie nun einbringen werde. Damit wolle sie Nobis in seiner Aufgabe als Fraktionsführer unterstützen. Dies sei aber nicht als Disqualifikation der Arbeitsweise ihres Vorgängers zu verstehen, sagt sie. Jeder habe eben seine Art und man verstehe sich gut.

So richtig politisiert – und damit ist sie in der AfD mainstream – hat Sayn-Wittgenstein das Verhalten der Bundesregierung bei der Flüchtlingskrise. Ab 2013 hatte sie die Entwicklung der Partei „interessiert“ verfolgt. Nie etwas anfangen konnte sie mit Parteigründer Bernd Lucke, zu dessen Anhängern Nobis gemeinhin gezählt wird. Erst als die Zeit des Ökonomen abgelaufen war und große Teile seiner Gefolgsleute die AfD schon wieder verlassen hatten, fand Sayn-Wittgenstein in der AfD eine politische Heimat. In den Jahrzehnten zuvor, sagt sie, habe das Parteienspektrum für sie nichts hergegeben. Der marktliberale Lucke sei ihr thematisch „zu eng“ gewesen. Politisch aktiv war sie seit dem Studium nicht mehr, damals sympathisierte sie noch mit der CDU. Das hat sich geändert.

„Deutschland ist so unbeliebt wie nie zuvor“ sagt Sayn-Wittgenstein – und mit diesem „nie zuvor“ in ihrer Bestandsaufnahme bezieht sie sich auch nach Nachfrage ausdrücklich nicht auf die Jahre ab 1933, sondern generell. Erwachsen sei diese Unliebsamkeit aus dem Kurs von Angela Merkel. Der Kanzlerin wirft sie eine „desaströse Politik“ mit gravierenden Folgeproblemen vor. Zum Beispiel seien Grenzkontrollen wie nach Dänemark für Berufspendler natürlich eine bedauerliche Entwicklung, aber dies sei auch in direkter Folge der Merkelschen Flüchtlingspolitik zu sehen: „Sowas kommt von sowas, an Dänemarks Stelle hätte ich genauso gehandelt“.

Auch persönliche Konsequenzen aus der Zuwanderung habe sie gezogen: „Seit zwei bis drei Jahren wird verriegelt und verrammelt“, sagt die AfD-Chefin, die in einem Dorf im Kreis Plön lebt und sich Zeiten herbeisehnt, als die Türen noch offen standen. Gerade bei gebrechlichen Menschen wachse Sorge und Angst, betont sie.

Wahlplakat der AfD.
Wahlplakat der AfD. Foto: Screenshot AfD SH.

Nun ist die strukturierte 62-Jährige in mehrfacher Hinsicht als Newcomerin zu bezeichnen. Erst 2016 kam die selbsternannte „Landpomeranze“ aus Hessen nach Schleswig-Holstein – ein Vorgriff aufs Alter, wie sie sagt. Im März des selben Jahres trat sie in die AfD ein und warb ein Jahr später auf Wahlplakaten mit strengem Gesicht für „Heimat statt Multi-Kulti“. Es folgte ein Landtagsmandat und nun der Vorsitz: Eine steile Laufbahn der Fürstin. Wie sie ihre wohlgefallende Wahlheimat Schleswig-Holstein umgestalten wolle, auf diese Reporterfrage hat sie noch keine zündende Politiker-Antwort parat: „Was mir am Herzen liegt, sind die ländlichen Räume. Werte, Zusammenleben, Vertrauen der Menschen untereinander“.

Werte, Homogenität und Identifikation nennt sie die Schwerpunkte ihrer politischen Überzeugung. Als Hardlinerin versteht sie sich jedoch nicht. Ihre Sympathie für die „Identitäre Bewegung“, die sie wie auch die Burschenschaft Germania mit einem Facebook-Like versehen hat, ist eher theoretischer Natur, denn persönlich kenne sie von den „Identitären“ niemanden. Sie verfolge aber die Diskussionen in ihrem Newsfeed. Die als „rechtsextrem dargestellte Bewegung sollte man nicht in Bausch und Bogen verdammen“, sagt sie. G20 habe gezeigt, dass man eher den Linksextremismus vernachlässt habe. Dass aber junge Menschen an ein Europa der Vaterländer glaubten, sei ganz in de Gaulles Sinne, so auch in ihrem.

Auch Helene Fischer hat sich einen Facebook-Daumen der AfD-Frontfrau ergattern können. Dass die Schlager-Königin auf Deutsch singe, sei nicht der ausschlaggebende Punkt für diese Sympathiebekundung, sagt Sayn-Wittgenstein – und fügt hinzu, dass sie bei Gelegenheit auch russische Opern höre. An Fischer gefalle ihr die Bodenständigkeit und die Heimatverbundenheit.

Bevor es an gestalterische Themen geht, muss die Tochter einer Weltkriegsvertriebenen sich erstmal um die Wahrung der Werte in ihrer eigenen Partei kümmern. Die tiefe Spaltung zeigte sich auf dem letzten Parteitag nur zu eindeutig.

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erstellt am 10.Jul.2017 | 15:51 Uhr

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