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Uni-Pläne in SH : Doppelte Ausbildung und halbe Lehrer

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Das Land ist zu arm, um sich mit Kiel, Lübeck und Flensburg drei Unis leisten zu können. Warum die Neuausrichtung von Schleswig-Holsteins Universitätslandschaft in die Irre führt.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2014 | 12:54 Uhr

Kiel | Würden Sie ein Auto kaufen, dem die nötige Typ-Zulassung fehlt, weil der Nachweis der Fahrtauglichkeit noch aussteht? Wohl kaum. An der Uni Flensburg studieren jedoch junge Menschen Fächer, die keine akademische Anerkennung haben. So teilte das Präsidium kürzlich mit, dass die Akkreditierung für die am 1. Oktober eingeführten Studiengänge für das Lehramt an Gemeinschaftsschulen „zur Zeit läuft“ und erst nach Studienstart abgeschlossen werden  kann. Für die Studenten eine hoch riskante Situation, denn in der Vergangenheit sind die Flensburger Bildungsgänge schon mehrfach bei den strengen Prüfern durchgefallen. Dabei mag (organisatorisches) Unvermögen und schlechte Präsentation eine Rolle gespielt haben, entscheidend war jedoch die Mini-Personalausstattung, die zu deutlicher Abwertung führte.

Zu wenig Professoren hier, verrottete Gebäude dort – den Hochschulen geht es schlecht. Der Grund liegt auf der Hand: Das Land ist zu arm, um sich mit Kiel, Lübeck und Flensburg drei Universitäten leisten zu können. Der Landesrechnungshof hat das am Donnerstag erneut kritisiert: Das Geld reiche nicht einmal, um die Landesuniversität in Kiel auskömmlich zu finanzieren. Jetzt Geld in den Aufbau neuer Studienfächer in Flensburg zu stecken sei problematisch, da es diese Studiengänge in Kiel bereits gibt. „Ich bezweifele, dass diese Doppelstrukturen dauerhaft zu finanzieren sind,“ erklärte Präsidentin Gaby Schäfer.

Es ist erlaubt, Fehler zu machen, aber zweimal den gleichen zu machen, ist fatal. Ein Fehler war es, aus regionalpolitischen Gründen eine Hochschullandschaft aufzubauen, die den Haushalt des Landes sprengt. Das trifft – wie heute hinter vorgehaltener Hand fast jeder Landespolitiker zugibt – sowohl auf die Gründung der medizinischen Fakultät in Lübeck zu als auch für den mit viel  Landes- und Bundesgeld gebauten Campus zur Lehrerausbildung in Flensburg.   

Doch statt den einmal eingeschlagenen kostspieligen Irrweg zu verlassen, bleibt die Albig-Regierung auf Kurs. Beispiel: In Flensburg wurde bisher ausdrücklich auf den Bau kostspieliger Laboratorien für angehende Biologie-, Physik- und Chemielehrer verzichtet, weil diese Infrastruktur reichlich und gut in Kiel vorhanden ist, wo bislang alle Gymnasiallehrer für das Land ausgebildet wurden. Dieser Plan ist plötzlich Makulatur.

Jetzt wird auch in Flensburg aufgerüstet – und das kommt nicht von ungefähr. Der neue Lehrertyp, den die Landesregierung im Blick hat, soll Schüler an Gymnasien, Gesamtschulen und beruflichen Schulen von Klasse fünf bis 13 unterrichten können. Die Kultusministerkonferenz  (KMK) schreibt hierfür das Studium  in zwei Fächern vor. Entscheidet sich der Student zum Beispiel für Englisch und Chemie, konnte er letzteres Fach in Flensburg nach den Plänen der Bildungsministerin Waltraud Wende nicht auf „Gymnasialniveau“ studieren. In diesem Fach, so ihr Vorschlag, sollte der Kandidat nur bis Klasse 10 unterrichten – nicht jedoch in der Oberstufe. Hamburg hat offenbar für solche „halben Gymnasiallehrer“ den Wechsel an die Elbe ausgeschlossen. Auch der SSW soll deutlich seinen Unmut über die „kastrierte“ Fächerwahl in Flensburg bekundet haben. Auf der letzten Kabinettssitzung, in der Wendes Gesetzentwurf unter „Verschiedenes“(!) behandelt wurde, gab es keine Einigung. Ministerpräsident Albig hat angeblich die Notbremse gezogen und  veranlasst, dass in Flensburg statt der verabredeten sieben Fächer künftig 13 auf Gymnasialniveau angeboten werden.

„Er hatte nur die Wahl zwischen Pest und Cholera“, vermutet die Opposition. Entweder die KMK haut ihm den Studiengang um die Ohren oder er verschiebt noch mehr Geld von Kiel nach Flensburg. „Der ehemalige Kieler OB entschied sich dann in der ideologisch verursachten Not für die zweite Variante“, stellte die FDP hämisch fest. Experten sprechen von jährlichen Mehrausgaben von sechs Millionen Euro, die diese „Einheitslehrerausbildung“ in Flensburg zusätzlich kosten wird: für neue Professorenstellen samt Mittelbau und Assistenzpersonal. Das Minimum, um bei der Akkreditierung überhaupt eine Chance zu haben.  

Mit den Betroffenen wurde erst gesprochen als die Entscheidung stand. Entsprechend sauer ist man an der CAU über diesen Nicht-Dialog. Dort fürchtet man nun wohl zu recht, dass ganze Studiengänge in Kiel mittelfristig wegbrechen werden, da die Landesregierung in der nächsten Konjunkturkrise zwangsläufig die Lehrerausbildung komplett nach Flensburg verlagert. „Dort kann man ja nichts anderes streichen, die Uni hat ja nur die Lehrerausbildung“, so die Logik der Kieler. Die Furcht ist nicht ganz unbegründet: Schon einmal musste Kiel einen Studiengang nach Flensburg abgeben, nämlich 2007 die Ausbildung der Realschullehrer. Ein Aderlass von rund 300 Studierenden, die mehrheitlich jedoch nie in in Flensburg ankamen, sondern auf andere Universitäten auswichen. 

Jenseits des politischen Streits muss die Entscheidung, Flensburg auf Kosten Kiels auszubauen, unter zweierlei Aspekten beurteilt werden: Einerseits geht es um die Frage, ob Flensburg überhaupt in der Lage ist, Lehrer in der Qualität auszubilden, die Schüler, Eltern und Schulen sich wünschen. Zum andern muss geklärt werden, wie stark man die Kieler Uni noch schröpfen kann, ohne im bundesweiten Vergleich in die akademische Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Ohne Geld und ohne die erforderliche kritische Masse an Studenten, Professoren und Studiengängen ist wissenschaftliche Exzellenz ausgeschlossen.

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