zur Navigation springen

G8- und G9-Jahrgänge : Doppeljahrgang: Abitur im Ausnahmezustand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

14.600 Schüler machen Abi – doppelt so viele wie 2015. Das bringt zahlreiche Kuriositäten mit sich – etwa geteilte Entlassungsfeiern oder Abibälle in weiter Entfernung.

shz.de von
erstellt am 04.Mär.2016 | 18:46 Uhr

Kiel | Die Lösung für die Abi-Zeitung zeigt exemplarisch, wie eng es wird: Statt wie sonst jedem Schüler eine ganze Seite zu widmen, haben sich jeweils zwei Leute zusammengetan. Dafür ließen sie sich miteinander fotografieren und schrieben gemeinsam einen Text über sich selbst. „Sonst wäre das Heft zu dick und zu teuer geworden“, erklärt Felix Kühl. „Denn trotz der höheren Seitenzahl hätten wir nicht mehr Anzeigen einwerben können.“

Der Schülersprecher des Theodor-Mommsen-Gymnasiums in Bad Oldesloe besucht eine der landesweit größten Schulen und ist einer von 14.600 Abiturienten, die in diesem Jahr in Schleswig-Holstein an einem der 71 klassischen Gymnasien ihren Abschluss machen. Das sind laut Bildungsministerium fast doppelt so viele wie vor einem Jahr – denn jetzt trifft der letzte Abi-Jahrgang des auslaufenden neunjährigen Gymnasiums auf die ersten Absolventen des neuen achtjährigen Bildungsgangs. Und das schafft auf Grund der schieren Masse ein Abi im Ausnahmezustand.

Bad Oldesloe: Abiball für 55.000 Euro

250 Prüflinge sind es allein am Theodor-Mommsen-Gymnasium. „Da ist schon die Meinungsbildung schwierig“, schildert Felix Kühl. „Selbst bei Mehrheits-Beschlüssen bleibt leicht eine größere Zahl übrig, die dagegen ist.“ Vor allem der Abschlussball gestalte sich „organisatorisch schlimmer als wir uns das vorgestellt hatten. Das ist derart aufwändig – da meint man manchmal, man würde ein Unternehmen führen.“ Inklusive Begleitpersonen rechnen die Planer mit gut 1300 Teilnehmern. Bis in die 55 Kilometer entfernten Holstenhallen in Neumünster mussten die Oldesloer bei dieser Größenordnung ausweichen. Bei einem voraussichtlichen Ticket-Preis von 45 Euro kalkulieren sie mit einem Etat von 55.000 Euro. „Das ist echt eine Hausnummer, für die wir einstehen müssen“, stellt Felix Kühl fest. „Keiner von uns war so ohne weiteres bereit, das zu unterschreiben.“ Privat gab den Schülern ein Notar den Tipp, extra einen Verein zu gründen – dann müssten sie nur mit dem Vereinsvermögen und nicht persönlich haften.

Glückstadt: Gefeiert wird im Zelt

Wie leicht etwas schiefgehen kann, hat der Abschlussjahrgang des Detlefsen-Gymnasiums in Glückstadt erlebt: Eine Anzahlung von 2000 Euro ist futsch, mit der sie sich für ihren Ball die Elbmarschenhalle in Horst (Kreis Steinburg) sichern wollten. Inzwischen hat der Betrieb Insolvenz angemeldet. „Weil wir jetzt nirgendwo anders mehr einen Saal bekommen, müssen wir in der Schule feiern“, berichtet Schülersprecher Mathes Rausch. „Doch für diesmal 160 Absolventen mit Anhang ist das Gebäude zu klein.“ Mit einem Zelt soll versucht werden, den Raum zu erweitern. Angesichts der Enge des Schulhofs muss das sehr aufwändig und teuer um eine Ecke gebaut werden. „Nicht zuletzt für den ein oder anderen formellen Tanz braucht man ja ein bisschen Fläche“, meint Mathes Rausch. Für ein Catering wird es platzmäßig dennoch nicht reichen. „Wer möchte, kann vorher auf eigene Faust in kleineren Gruppen in verschiedenen Restaurants essen gehen“, sagt der Glückstädter.

Husum und Itzehoe: Entlassung in zwei Schichten

Die Entlassungsfeier mit der Zeugnisübergabe haben nicht nur die Gymnasien in Glückstadt und Bad Oldesloe erstmals gesplittet. Auch die Hermann-Tast-Schule in Husum mit ihren 221 Abiturienten macht es so, eine Hälfte vor-, eine nachmittags. Schon weil die Aula sonst zu klein wäre. „Und alles in einem Abwasch würde jeden Rahmen für das Sitzfleisch sprengen“, meint Rektorin Renate Christiansen. Schon bei der gesplitteten Schülerzahl rechnet sie pro Festakt mit zweieinhalb Stunden Dauer. „Es soll sich ja jeder Schüler angemessen gewürdigt und nicht abgefertigt fühlen.“

Die Kaiser-Karl-Schule in Itzehoe hat deshalb ihre zwei Entlassungen sogar auf zwei getrennte Tage gelegt. Schulleiter Martin Baudach sorgt sich, es könne sonst beim ersten Durchgang Zeitdruck entstehen, weil vor Festakt Nummer Zwei noch aufgeräumt werden müsse. „Dann bestünde die Gefahr, dass alles zur schnellen Nummer wird.“

Die Eckernförder Jungmannschule wiederum weicht mit ihrer Entlassung extra auf die Stadthalle aus, um eine Zeremonie für alle zu ermöglichen. 208 Namen sind vor der Übergabe eines Zeugnis’ aufzurufen. Dennoch: „Weil es ein Jahrgang ist, soll er auch als einer verabschiedet werden“, erklärt Oberstufenleiter Christian Henning. „Wir glauben, dass eine Teilung auf Kosten der Festlichkeit geht.“

Osterferien zum Korrigieren

„Eine andere Herausforderung beim Doppel-Jahrgang sind angemessene Prüf-Bedingungen“, betont Hermann-Tast-Chefin Christiansen. Bereits am 22. März stehen landesweit die Abschlussklausuren im profilgebenden Fach an, eine Art von jedem Schüler gewählten Hauptfach. Angesichts der vielen Jugendlichen sind an dem nordfriesischen Gymnasium gleich zehn verschiedene zustande gekommen. Deshalb gilt es gleich zehn Prüfungsräume freizuhalten, in denen man nicht zu dicht aufeinander sitzt und die abgelegen vom sonstigen Schultrubel sind. Und auch noch so, dass die Abiturienten beim Weg zur Toilette niemandem begegnen, der in den Verdacht geraten könnte, beim Schummeln zu helfen. Wegen der historisch einmaligen Anzahl der Klausuren hat das Bildungsministerium den Termin extra vor Ostern gelegt. So können die Lehrer für das Korrigieren Teile der Ferien heranziehen.

Ist sonst ein Lehrer entweder nur als Erst- oder Zweitkorrektor im Einsatz, „lässt sich diesmal nicht vermeiden, dass der ein oder andere zweifach tätig werden muss“, schildert der Eckernförder Jungmannschul-Oberstufenchef Christian Henning. Als „Dollpunkt“ bei den mündlichen Prüfungen Anfang Juli sieht er „eine Häufung in wenigen Fächern“, vor allem in Biologie und Wirtschaft-Politik. Gerade Bio werde oft gewählt, weil viele Schüler dadurch umgehen können, sich in Mathe, Physik oder Chemie testen zu lassen. Henning: „Da müssen dann fünf Biologie-Lehrkräfte 70 Prüfungen abnehmen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen