Hintergrund und Analyse : Diskussion um zusätzlichen Feiertag: Rasenmähen am Reformationstag?

Martin-Luther-Denkmal in Eisenach: Der Reformationstag könnte ein zusätzlicher Feiertag in Hamburg werden.
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Martin-Luther-Denkmal: Der Reformationstag ist eine denkbare Alternative für einen neuen Feiertag.

Ein Feiertag braucht Inhalte, mit denen die Menschen auch heute noch etwas verbinden, meint Benjamin Lassiwe.

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06. Februar 2018, 15:17 Uhr

Die Zeichen stehen gut für den Reformationstag: Folgt man der Empfehlung der Konferenz Norddeutschland, also der Vertretung der Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen im Bundesrat, soll es für Norddeutschland einen weiteren gesetzlichen Feiertag geben – und zwar am 31. Oktober.

Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht: Denn in den katholischen Ländern Süddeutschlands haben die Menschen nun einmal deutlich öfter frei als hierzulande. Da gebietet es schon die Gerechtigkeit, auch im  Norden einen weiteren Feiertag einzuführen. Freilich darf es am Reformationstag künftig nicht so laufen, wie es gerade in Berlin und Brandenburg geschieht: Dort ist die Situation so, dass im mehrheitlich von Konfessionslosen bewohnten Brandenburg der Feiertag zwar existiert, aber so gut wie gar nicht mit Leben gefüllt ist. Stattdessen sind die Straßen der Hauptstadt, wo der 31. Oktober ein ganz normaler Werktag ist, an diesem Tag in aller Regel gut gefüllt – weil die Nachbarn zum Einkaufsausflug nach Berlin kommen.

Will man sich also für einen zusätzlichen Feiertag entscheiden, sollte man sich rechtzeitig Gedanken darüber machen, was man damit eigentlich will. Nur für die Gartenarbeit oder den dank Brückentagen gut geplanten Kurzurlaub einen neuen Feiertag zu schaffen, ist bei Lichte betrachtet dann doch etwas zu wenig, auch wenn mancher Hotelier an der Lübecker Bucht selbst das vielleicht ein bisschen anders sieht. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Reformationstag, sondern auch für andere Daten, die im Verlauf der Diskussion genannt wurden: Ein Tag des Grundgesetzes ist zwar prinzipiell auch eine gute Idee – aber wie soll er, jenseits einiger weniger offizieller Veranstaltungen, auf denen sich Politiker und Funktionäre gegenseitig beweihräuchern, eigentlich begangen werden? Wie feiert ihn der normale Bürger, abgesehen von einem Arbeitseinsatz zum Rasenmähen und Heckeschneiden?

Evangelische Kirche in der Pflicht

Ein Feiertag braucht Inhalte, mit denen die Menschen auch heute noch etwas verbinden. Und der Andrang, der bundesweit bei den Gottesdiensten am 31. Oktober 2017 spürbar war, zeigt doch, dass dieses Datum ein gewisses Potenzial hat. Wenn man es zu nutzen weiß. Deswegen liegt es jetzt vor allem an der evangelischen Nordkirche, diesen Tag zu profilieren. Dass sie in der Lage ist, Martin Luthers Reformation zeitgemäß und in ökumenischer Eintracht mit Katholiken und Orthodoxen zu begehen, hat sie im letzten Jahr gezeigt. Natürlich gehören große Festgottesdienste, wo man aus voller Kehle Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen kann, in jeder Kirchengemeinde dazu. Doch auch Gemeindefeste und Themenabende rund um Reform- und Erneuerungsbewegungen nicht nur in der evangelischen Kirche wären denkbar, und mit Wittenberger Lutherbrot und Leipziger Reformationsbrötchen gäbe es auch die eine oder andere kulinarische Spezialität zum Fest. Eine evangelische Kirchengemeinde, die den 31. Oktober nach Einführung des staatlichen Feiertages nicht begeht, darf es nach Inkrafttreten der Neuregelung jedenfalls in ganz Schleswig-Holstein nicht mehr geben. Das sind die evangelischen Christen dann schlicht der Gesellschaft schuldig.

Und vielleicht gelingt es ja dank des Reformationsfestes auch, eine der unangenehmsten kulturellen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wieder etwas zurückzudrängen: Das völlig kommerzialisierte amerikanische Halloween, bei dem irgendwelche Inhalte jenseits des Verkleidens und Konsumierens von Süßigkeiten wahrhaftig nicht mehr erkennbar sind, könnte so wieder etwas stärker aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Was insgesamt ganz sicher nicht von Schaden wäre.

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