zur Navigation springen

Vor Silvester : Diskussion: Sollte öffentliches Feuerwerk verboten werden?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Polizeigewerkschaft in SH würde das Knallen gerne verbieten - zur Kieler Woche noch lieber als an Silvester. Doch es gibt Gegenstimmen.

Kiel | Der Norden ohne knallende Böller und bunte Raketen? Wenn es nach Thomas Nommensen, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft in Schleswig-Holstein, geht, ein durchaus vorstellbares Szenario. Besonders Feuerwerk in Zusammenhang mit Menschenmengen berge Probleme. Bei größeren Veranstaltungen bestehe immer die Gefahr einer Massenpanik mit vielen Toten und Verletzten.

Nach den Terroranschlägen in diesem Jahr ergibt sich eine neue Situation. Viele Menschen sind angesichts der latenten Terrorgefahr in Deutschland und nach den Anschlägen in Paris verunsichert.

„Ich persönlich würde sagen, ein grundsätzliches Verbot von Feuerwerk bei öffentlichen Events wie etwa der Kieler Woche, bei Weihnachtsmärkten, Jahrmärkten oder Fußballspielen ist sinnvoll.“ Der Landesgesetzgeber könnte darüber nachdenken, solche Verbote zu erlassen. „Diese Diskussion anzustoßen ist legitim.“

Losgetreten wurde die Debatte von einem prominenten Grünen-Politiker. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele forderte unlängst ein Verbot besonders lauter Böller, weil sie an Bombenexplosionen erinnern. „Sinnvoll ist ein Verbot von größeren Feuerwerkskörpern mit der drei- bis zehnfachen Knallkraft normaler Böller“, sagte Ströbele. Extrem laute Silvesterkracher versetzten viele Menschen in Schrecken: „Die Leute wissen ja nicht, was das ist, was so fürchterlich bumst.“ Außerdem sprach sich der Berliner Rechtsanwalt für die Ausweitung knallfreier Zonen aus.

 

Rund 124 Millionen Euro haben die Deutschen laut Onlineportal Statista vergangenes Jahr für Silvester-Feuerwerk ausgegeben. Das sind 33 Millionen mehr als zehn Jahre zuvor – und die Branche rechnet auch dieses Jahr mit leichten Zuwächsen. Nur 37 Prozent der Deutschen sind laut Umfragen für ein Verbot von privatem Feuerwerk.

Ganz anders sieht es bei unseren Nachbarn in den Niederlanden aus, wo 60 Prozent der Bevölkerung ein Verbot befürworten, weil sie vom Lärm, rücksichtslosen Feuerwerkern und den Müllbergen genervt sind. In 56 Städten ist das private Abbrennen von Feuerwerk ganz oder teilweise verboten.

„Die Kollegen der holländischen Städte haben gut nachvollziehbare Argumente“, sagt Claudia Zempel, Dezernentin für den Ordnungsdienst im Städteverband Schleswig-Holstein. Hinzu kämen noch die diversen Rettungsdiensteinsätze für Verletzte und die üblichen Sachbeschädigungen. „Wir geben keine generelle Empfehlung, aber Städte könnten unter Einbeziehung der örtlichen Gegebenheiten auf die Idee kommen, derartige Verbote umzusetzen“, so Zempel. Ohnehin illegal ist nach der deutschen Sprengstoffverordnung das Abbrennen von Feuerwerk im 200-Meter-Umkreis von Krankenhäusern, Altenheimen, Kirchen – und Fachwerkhäusern. Auf Sylt etwa gilt deswegen seit mehr als 30 Jahren ein Verbot. Doch wie auf Sylt, so auch in den Städten und Kommunen – es hält sich nicht jeder Bürger daran.

Während in Nordrhein-Westfalen den Bewohnern im Bereich ihrer Flüchtlingsunterkünfte das Zünden von Feuerwerk untersagt ist, gibt es in Schleswig-Holstein keine offiziellen Verbote: „Wir haben die Betreuungsverbände informiert, dass aus Sicherheitsgründen in den Unterkünften kein Feuerwerk stattfinden soll“, sagt Ulf Döhring, Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten. Damit wolle man zudem Rücksicht auf eventuell traumatisierte Menschen aus Kriegsgebieten nehmen. Alle Bewohner würden entsprechend informiert. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigten allerdings, dass Flüchtlinge ohnehin nur sehr selten Feuerwerk zünden, so Döhring. „Asylsuchende bekommen je nach Alter und Status gerade einmal 80 bis 140 Euro Taschengeld pro Monat und haben andere Sorgen.“

Karl-Hermann Rehr vom Landesverband der Gewerkschaft der Polizei sieht keinen Sinn in einem generellen Verbot von privatem Feuerwerk. „Eine Kontrolle solch eines Verbots wäre der Polizei überhaupt nicht möglich.“ Rehr kann sich gut an den Tod eines 18-Jährigen zu Beginn dieses Jahres in der Silvesternacht erinnern. Der junge Mann hatte über das Internet gekaufte illegale Böller gezündet. „Wichtiger ist es, dass nur lizensierte Ware auf dem Markt kommt“, sagt Rehr. „Das müssen wir unbedingt kontrollieren.“

 

Bei Hans-Christian Ströbeles schleswig-holsteinischen Parteifreunden steht man zwar dem Feuerwerk grundsätzlich kritisch gegenüber – setzt aber trotzdem auf Freiwilligkeit. „Wir sind nicht der Meinung, dass eine Diskussion über ein Verbot sinnvoll ist“, sagt Eka von Kalben, Fraktionschefin der Grünen im Kieler Landtag. Die Menschen sollten von sich aus vernünftig genug sein, sich in der Nähe von sensiblen Orten wie Kliniken oder auch Flüchtlingsunterkünften zurückzuhalten. Ströbeles Vorstoß sei verständlich, aber nicht angemessen. „Wir brauchen keine schärferen Gesetze, sondern ein achtsames Miteinander.“

Was meinen Sie: Sollte öffentliches Feuerwerk verboten werden?

zum Ergebnis
 

 

zur Startseite

von
erstellt am 29.Dez.2015 | 13:38 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen