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Zehn Jahre nach dem „Heide-Mord“ : Die vierfache Niederlage – das ewige Rätsel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auch zehn Jahre nach dem spektakulären Aus für die damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis ist der „Verräter“ noch nicht gefunden – einiges spricht dafür, dass es dabei auch bleibt. Ein Rückblick.

Inzwischen träumt Heide Simonis nur noch selten von den dramatischen Stunden am 17. März 2005 im Kieler Landeshaus. Dem Verräter aber, ob männlich oder weiblich, hat sie nicht vergeben. Sie will wissen, wer es war, der ihre bis dahin so erfolgreiche politische Karriere abrupt beendet hat. Vergessen hat sie die Ereignisse keinen Tag, zum zehnten Jahrestag ihrer persönlichen Schmach rufen Anfragen und Artikel noch einmal alle Einzelheiten derart akut in die Erinnerung als wären sie erst gestern passiert.

Der am 20. Februar vor zehn Jahren gewählte Landtag hat sich zu seiner konstituierenden Sitzung versammelt. Alterspräsident Günter Neugebauer fordert in einer Grundsatzrede mehr politische Kultur. Die Zuschauertribüne ist mit Prominenz und Verwandtschaft der Kandidaten besetzt. In Reihe eins Heide Simonis‘ Schwestern. Die eine ganz in Rot gekleidet, die andere ganz in Schwarz. Zwischen ihnen Udo Simonis. Unten im Plenarsaal, ebenfalls in der ersten Reihe, sitzen die beiden Gegner. Oppositionsführer Peter Harry Carstensen (55), zugleich CDU-Fraktionsvorsitzender, und die amtierende Ministerpräsidentin Heide Simonis (62).

Der Herausforderer ist allerbester Laune, macht witzige Bemerkungen, die in der Nachbarschaft lauthals belacht werden. Heide Simonis wirkt angespannt. Schmal sieht sie aus in ihrem weißen T-Shirt und dem schwarzen Hosenanzug. Immer wieder blickt sie fast flehentlich empor zur Familie auf der Empore.

„Jeder Abgeordnete hat nur eine Stimme“, verkündet sicherheitshalber der frisch gewählte Präsident Martin Kayenburg. Alle 69 Abgeordneten sind anwesend. 35 stellen SPD (29), Grüne (4) und SSW, die sich zur erhofften Koalition zusammengerauft haben. Entfallen alle ihre Stimmen auf Heide Simonis, kann sie weiterregieren. Doch als der Präsident das Ergebnis des ersten Wahlgangs verkündet, entfallen auf Carstensen 33 und auf Heide Simonis 34 Stimmen. Zwei Enthaltungen beweisen, dass auf jeder Seite ein Unzufriedener ein Zeichen gesetzt hat.

Nach dem zweiten Wahlgang steht es 34:34. CDU (30) und FDP (4) haben ihre Reihen geschlossen. Der dritte Wahlgang bringt dasselbe Ergebnis.

Heide Simonis wirkt versteinert, will aufgeben. Aber die Fraktion bekniet sie, einen vierten Versuch zu wagen. Aus Berlin rufen Kanzler Schröder und Parteivorsitzender Müntefering an und fordern ebenfalls: weitermachen. Eine Niederlage wäre ein schwerer Schlag für die rot-grüne Regierungskoalition auf Bundesebene. Im Kieler SPD-Fraktionssaal wird eine provisorische Pappwand aufgebaut, hinter deren schlechtem Schutz alle 29 Abgeordneten für Heide Simonis stimmen.

Als Präsident Kayenburg zum vierten Wahlgang aufruft, ist die Spannung im Plenarsaal mit Händen zu greifen. Selbst Peter Harry Carstensen trommelt nervös auf die Tischplatte und hat das Scherzen vergessen. Die Staatssekretäre und Minister ohne Abgeordneten-Mandat rücken hinter den Sesselreihen wie eine erschrockene Schafherde zusammen und versuchen schon beim Auszählen der Stimmzettel das Ergebnis zu erahnen. Und wieder heißt es 34:34 bei einer Enthaltung. Diesmal schweigt sogar die Opposition betreten und blickt mitleidig auf die versteinert dasitzende Heide Simonis. Theoretisch hätte es noch weitere Wahlgänge geben können, aber alle wissen: Das ist das Ende der bisherigen Ministerpräsidentin. Am nächsten Tag gibt sie bekannt, nicht noch einmal zu kandidieren.

Wie konnte es zu dieser politischen Panne und dem persönlichen Drama kommen? In der Öffentlichkeit war das Ansehen von Heide Simonis nach wie vor groß, obwohl durch die lange Regierungszeit etwas von ihrem Glanz verblasst war. Ihr schlechtes Abschneiden bei der Wahl am 20. Februar 2005 kam selbst für „Insider“ überraschend. Punkte verlor sie nicht zuletzt bei dem traditionellen TV-Duell kurz vor dem Wahltermin. Sie wirkte gesundheitlich angeschlagen, ließ sich vom Herausforderer Carstensen geradezu körperlich in die Enge treiben.

Deutlicher noch als in der öffentlichen Meinung war ihr Imageverlust in der Partei. Es hatte sich herumgesprochen, dass sie sich im Kabinett zuweilen merkwürdig verhielt, um es vorsichtig auszudrücken. Ein ziemlich vernichtendes, vielleicht etwas übertriebenes negatives Bild beschreibt der Journalist Daniel Friedrich Sturm in seiner Biografie über Peer Steinbrück. Dort heißt es: „Während der Kabinettssitzungen, die meist zwei bis drei Stunden lang dauern, verliert sie regelmäßig die Nerven. Die Ministerpräsidentin explodiert, brüllt und kreischt.“

Ein ähnlich negatives Urteil fällt der langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Günter Neugebauer in seinen gerade erschienenen Erinnerungen. Dort heißt es: „Aus der ehemals toleranten und liberalen Heide Simonis wurde eine machtbewusste Politikerin, die sich immer mehr in ihrer Kieler Staatskanzlei einbunkerte.“

Nach dem Verlust der Macht hatte Heide Simonis gehofft, dorthin zurückzukehren, wo sie ihre steile politische Karriere begonnen hatte, nämlich in der Bundespolitik. Doch Kanzler Schröder zeigte ihr die kalte Schulter. Zwar schickte er ihr einen Brief mit guten Wünschen für die Zukunft, gleichzeitig aber teilte er ihr im TV-Interview mit Sandra Maischberger mit, dass er am Kabinettstisch keinen Platz für sie habe. Verbittert stellte die Abgewiesene daraufhin fest, dass es einen solchen Platz für männliche Ministerpräsidenten, die eine Wahl verloren hatten, durchaus gegeben habe.

Bleibt die Frage: Wer war der „Verräter“? Im Lager der vorgesehenen Koalitionspartner gab es niemanden, der Groll gegen die Regierungschefin hegte. Das war innerhalb der SPD anders. Geradezu notgedrungen musste sich der eine oder andere bei der Vergabe lukrativer Posten übergangen fühlen. Folglich kursierten auch Namen von möglichen „Heide-Mördern“ Am häufigsten genannt wurde Finanzminister Ralf Stegner, dem Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs nachgesagt wurden.

Eine interessante These vertritt Günter Neugebauer in seinem schon erwähnten Buch. Er vermutet den Täter in der eigenen Fraktion, und zwar einen Vertreter des nördlichen Landesteils. Dort herrscht nach seiner Erfahrung bei der SPD eine gewisse Abneigung gegen den SSW, der nun auch noch in Kiel ins Koalitions-Boot geholt werden sollte.

Doch das bleiben Spekulationen, es gibt bis heute keinerlei überzeugende Beweise, obwohl Heide Simonis lange Zeit den Eindruck erweckte, sie kenne den Namen des Täters. Sie glaubte, dass es ein Mann aus der SPD-Fraktion war, will sogar den Namen gewusst haben. Inzwischen ist sie von dieser Ansicht abgerückt, verdächtigt Ralf Stegner nicht mehr. Gleichzeitig stellt sie sich aber immer noch die Frage, wie lange der Abtrünnige wohl den Gewissensdruck erträgt.

Da es offenbar keine Mitwisser gibt, darf man bezweifeln, dass sich das Rätsel jemals lösen lässt, zumal wichtige Beweisstücke, nämlich die Stimmzettel, inzwischen vernichtet sind. Einer der Verdächtigen hatte sogar beim Landtagspräsidenten beantragt, den Stimmzettel mit der Enthaltung auf DNA-Spuren untersuchen zu lassen. Die Verwaltung lehnte dies jedoch mit der Begründung ab, durch eine derartige Prüfung werde das Wahlgeheimnis verletzt.

Wenig spricht auch dafür, dass der „Heide-Mörder“ ausgerechnet den Appell von Peter Harry Carstensen erhört und zum zehnten Jahrestag des Dramas von Kiel ein Geständnis ablegt.  

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erstellt am 14.Mär.2015 | 17:54 Uhr

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