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Jörg Asmussen : Die Rückkehr des „Unverzichtbaren“

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EZB-Direktor Jörg Asmussen ist einer der Mächtigsten und Kundigsten in der Finanzwelt. Der Flensburger wird Staatssekretär unter Andrea Nahles. Ein Porträt.

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erstellt am 16.Dez.2013 | 11:25 Uhr

Frankfurt | In der Finanzwelt kennt jeder Jörg Asmussen. Viele Jahre hat er seit den 90ern unter vielen Finanzministern in Berlin gedient. Seit Januar 2012 ist der gebürtige Flensburger Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Manche sagen: einer der mächtigsten Männer Europas. In seiner Machtfülle zwar hinter EZB-Chef Mario Draghi. In jedem Fall aber auf Augenhöhe mit Bundesbankpräsident Jens Weidmann oder Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Manche meinen sogar: mit der Kanzlerin.

Der 47-Jährige ist es, der als „Außenminister“ der EZB mit internationalen Partnern wie der US-Notenbank Federal Reserve spricht. Oder im Namen der Troika mit Griechenlands Regierung über die Rettung des Landes verhandelt. Dabei hilft ihm sein immenses Netzwerk in der Fachwelt.

Einer breiten Öffentlichkeit ist Asmussen eher unbekannt. Wer die Hintergrundseiten der Wirtschaftsteile der Tageszeitungen überblättert, dem muss der Name Jörg Asmussen nichts sagen. Man kennt vielleicht allenfalls seinen markanten Glatzkopf aus der zweiten Reihe von Tagesschau-Berichten aus den Krisenjahren 2008 bis 2010, als fast täglich die Welt gerettet werden musste. Asmussen war immer dabei.

Oder man kennt ihn als Gast aus abendlichen Talkshows der Öffentlich-rechtlichen, wo er gerne als Finanzexperte auftritt. Ein Mann, der im Hintergrund wirkt, dem aber dennoch eine gewisse Eitelkeit nicht abzusprechen ist. Klug will er sein. Und „unverzichtbar“. Ein Wort, das im Zusammenhang mit seinem Namen regelmäßig auftaucht.

Asmussen wurde 1966 in Flensburg geboren und besuchte dort die Goetheschule im Stadtteil Jürgensby. Zum Volkswirtschafts-Studium ging er dann nach Gießen, Bonn und Mailand. Einer seiner Professoren war der spätere Bundesbankpräsident Axel Weber, einer seiner Mitstudenten in Bonn der heutige Bundesbankchef Weidmann.

Dann folgte die Beamtenkarriere des Beamtensohnes. Im Bundesfinanzministerium diente er unter Ministern seit Theo Waigel. Peer Steinbrück machte ihn 2008 zum Staatssekretär. Beim Regierungswechsel 2009 übernahm CDU-Mann Wolfgang Schäuble Asmussen - trotz SPD-Parteibuch. „Unverzichtbar“ hatte er sich gemacht durch seine Sachkompetenz insbesondere im Rahmen der Schockwellen durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers.

In die Jahre davor fällt das, was ihm manche heute noch vorwerfen: Er hatte sich für die Deregulierung der Finanzmärkte stark gemacht. „Asset Backed Securities“ gefördert, die später die Krise auslösten. Die Einführung von Hedge-Fonds in Deutschland propagiert. Als Aufsichtsrat der Skandalbank IKB erkannte er deren hochriskante Fehlspekulationen nicht. Er sei für die Krise mitverantwortlich, hieß es damals auch in der seriösen Presse, „Agent des Finanzkapitals“ hieß er bei Linken.

Asmussen machte dennoch weiter Karriere, bis hinauf in die Spitzenetage der EZB in Frankfurt. Dort machte er sich vor allem als Gegenspieler von Bundesbanker Weidmann einen Namen. Tadelte dessen kritische Äußerungen gegenüber der Politik von EZB-Chef Draghi und propagierte eine einheitliche Linie der EZB nach außen. Ein weiterer Karriereschritt, den zum EZB-Chefvolkswirt, blieb ihm vergangenes Jahr versagt, obwohl sich die Kanzlerin persönlich für ihn einsetzte.

Nach innen soll Asmussen durchaus auch mal mit Draghi aneinder geraten sein. “Ich persönlich werde ihn vermissen“, sagt der zum Wechsel Asmussens nach Berlin.

Asmussen gilt als asketisch. Als hart gegen sich selbst. In der Krise seien Arbeitstage von 16, 18 Stunden kein Problem gewesen. Auch gilt Asmussen als äußerst penibel und verantwortungsbewusst. Deutlich wird das etwa an einer Anekdote, die „Die Zeit“ im Sommer dieses Jahres aufschrieb: Beim Schleswig-Holstein-Musik-Festival sollte er eine Rede halten. Ausgerechnet an einem Sonntag. Die gemeinsame Zeit mit der Familie perdu. Als er mit dem Auto im Stau steht und den eher unwichtigen Termin absehbar nicht wahrnehmen kann, ist es für ihn das Wichtigste, sich beim Veranstalter zu entschuldigen.

Rein familiäre Gründe habe es, dass er nun von Frankfurt nach Berlin wechselt, trotz Vertrag bei der EZB bis 2020. Von Mario Draghi zu Andrea Nahles. Vom Leitzins zum Mindestlohn. Von der Geldmarktpolitik zur Rentenpolitik. Angesichts dessen, was sich Asmussen in den vergangenen zehn Jahren für seine Karriere zugemutet hat, wirkt das überraschend. Aber vielleicht wechselt er gerade deshalb zum Wohnort seiner Frau und seiner zwei Kinder, weil er sich so viel zugemutet hat. Eines hat er dabei bestimmt: einen Plan.

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