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Arriba in Norderstedt : Deutschland debattiert über sexuelle Gewalt in Schwimmbädern

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Mit Zeichnungen und mehrsprachigen Regeln erklären viele Schwimmbäder in Deutschland, wie Besucher sich zu benehmen haben. Es geht dabei auch um kulturelle Unterschiede.

shz.de von
erstellt am 04.Mär.2016 | 18:33 Uhr

Norderstedt | „Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag“ dröhnt es am Freitag im „Arriba Erlebnisbad“ in Norderstedt bei Hamburg. Am Sonntag soll hier eine 14-Jährige von einem Gleichaltrigen und einem 34-Jährigen im Wildwasserkanal vergewaltigt worden sein. Die mutmaßlichen Täter sitzen in Untersuchungshaft. Überwachungskameras hatten sie gefilmt, das Badpersonal hatte sie nach Hinweisen des Opfers und seiner Begleiterin festgehalten.

Der Fall hat der Debatte um sexuelle Belästigung und Gewalt in Schwimmbädern neue Nahrung gegeben. Sogar Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) äußerte sich und mahnte einen ausgewogenen Umgang mit tatsächlichen oder vermeintlichen Übergriffen unter Beteiligung von Flüchtlingen oder Asylbewerbern an. Medien, Politik und Gesellschaft dürften nicht das Maß verlieren, warnte er bereits am Dienstag. Bei den mutmaßlichen Vergewaltigern handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um Flüchtlinge aus Afghanistan.

Das Arriba - mit 800.000 Besuchern im Jahr eines der meistbesuchten Erlebnisbäder in Deutschland - reagierte schnell auf den Vorfall. Seit Freitag steht ein Plakatständer im Bad mit Zeichnungen, die jeder versteht: So ist eine blonde Frau im Bikini von hinten zu sehen, dahinter ist eine ausgestreckte Hand in einem roten Kreis mit Verbotsbalken zu sehen. Der Text dazu: „Keine verbale und körperliche sexuelle Belästigung gegenüber Frauen in jeglicher Bekleidung!“.

 

Die Zeichnungen stammen von den Stadtwerken München, die vor drei Jahren die Motive entwarfen. „Uns ging es vor allem darum, die allgemeinen Baderegeln zu erklären“, sagt Stadtwerke-Pressesprecher Michael Solic am Freitag. „Viele Nichtschwimmer sind ins Schwimmerbecken gegangen, ohne sich dessen bewusst zu sein.“ Es gehe in dem Flyer aber auch um interkulturelle Themen. In München leben viele Ausländer, dem habe man Rechnung tragen wollen.

Inzwischen haben sich nach Angaben von Solic rund 60 Bäder in ganz Deutschland bei den Stadtwerken erkundigt. Den Flyer gibt es in drei Varianten und sieben Sprachen: Arabisch-Deutsch-Somali sowie Dari-Deutsch-Pashto (Sprachen aus Afghanistan) und Deutsch-Englisch-Französisch.

Großes Interesse an ihrem Informationsblatt „Ihre Sicherheit im Schwimmbad“ verzeichnet auch die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen, wie deren Sprecher Joachim Heuser in Essen sagt. Es enthält allgemeine Sicherheitshinweise und Baderegeln. Das im September erstellte Infoblatt in acht Sprachen wurde im Dezember um den Aspekt sexuelle Belästigung ergänzt. Jetzt heißt es darin: „Sexuelle Belästigungen, z. B. durch anzügliche Gesten, Äußerungen und körperliche Annäherungen sowie unerwünschte Berührungen sind nicht erlaubt.“

Verallgemeinerungen sollten vermieden werden, sagt Heuser. „Sexuelle Belästigung hat es schon immer in Schwimmbädern gegeben, von Menschen jeder Nationalität.“ Es sei auch oft schwierig, den Begriff „sexuelle Belästigung“ zu definieren, etwa wenn jemand eine Frau einige Sekunden lang anstarre. Manche Besucher aus dem arabischen Raum hätten nun mal „Null Bad-Erfahrung“, sagt Heuser.

Nach dem Verbrechen im Arriba haben die Badbetreiber außer den Plakaten weitere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Es sollen zusätzliche Überwachungskameras zu den bisher vorhandenen 48 angeschafft werden. Und Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst mischen sich als vermeintliche Badegäste unter die Besucher, um das Geschehen zu beobachten. Außerdem sollen Attraktionen im Bad wie der Wildwasserkanal als Test in bestimmten Zeiten nur für Frauen oder Kinder zugelassen werden. Spezielle Schwimmzeiten nur für Frauen seien aber, anders als in anderen Bädern, nicht vorgesehen.

Badbesucher zeigen sich am Freitag nachdenklich. „Idioten gibt es überall“, sagt ein junger Mann, der mit seiner Partnerin aus Mölln gekommen ist. Eine ältere Dame aus Hamburg bekennt, zunächst sei sie wütend gewesen, jetzt nur noch traurig. Eine Frau aus Elmenhorst sagt: „Das macht schon Sorge.“ Insgesamt sei das Bad, das sie seit 20 Jahren besuche, sehr kultiviert und wunderschön.

In dem Schwimmbad in Bornheim bei Bonn, das im Januar vorübergehend keine männlichen Flüchtlinge mehr zuließ, ist keine Geschlechtertrennung an den Rutschen geplant. Seit den Vorkommnissen im Januar und einer Aussprache mit Flüchtlingen habe es keine Vorfälle mehr gegeben, sagt am Freitag ein Stadtsprecher.

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