Christoph Jessen : Der Schlichter für den Fehmarnbelt

Christoph Jessen: 'Unser Dialog fängt an, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.' Foto: staudt
Christoph Jessen: "Unser Dialog fängt an, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist." Foto: staudt

Christoph Jessen, Deutschlands Ex-Botschafter in Dänemark, will die Planung des Groß-Projekts befrieden, bevor "Stuttgart 21"-Verhältnisse drohen. Wird er der Heiner Geißler des Nordens?

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22. August 2011, 08:25 Uhr

kiel | Die Einladungen sind soeben herausgegangen, und am 5. September trifft es sich zum ersten Mal im Kreishaus in Eutin: das Dialogforum Fehmarn-Belt. 20 Beteiligte, darunter Deutsche Bahn und Straßenbauverwaltung, Bürger-Initiativen und Umweltschützer, Touristiker und Unternehmer, hat die Landes regierung zu dieser festen Runde ein geladen, um eine norddeutsche Variante eines "Stuttgart 21" zu vermeiden. Wie das gehen soll, erklärt der Sprecher des Forums, Christoph Jessen. Der 64-Jährige geht mit reichlich diplomatischer Erfahrung an die heikle Aufgabe heran - er war bis Ende Juni Botschafter der Bundesrepublik in Kopenhagen.
Herr Dr. Jessen, sind Sie der Heiner Geißler des Nordens?
Nein, ich heiße Jessen, bin Schleswig-Holsteiner, war Botschafter, kein Politiker. Wichtiger aber noch ist ein anderer Unterschied: Heiner Geißler ist gerufen worden, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Unser Dialog fängt an, bevor ein Kind in den Brunnen gefallen ist. Wir wollen, um bei diesem Bild zu bleiben, den Brunnen von vornherein so gestalten, dass niemand hineinfällt. Wir werden die gesamte Planungsphase begleiten. Das ist wirklich nicht mehr Business as usual, sondern etwas Innovatives. Es kann Modellcharakter bekommen für andere Großprojekte - etwa für die Planung der Hochspannungsleitungen, die durch die Energiewende nötig werden.
Kann das Dialogforum zur festen Fehmarnbelt-Querung dennoch etwas aus "Stuttgart 21" lernen?
Ja, und zwar, dass man den Prozess so gestaltet, dass er für alle akzeptabel ist. Bei uns werden die Betroffenen zu Beteiligten. Es wird darauf ankommen, Lösungen zu finden, bei denen alle Beteiligten das Gefühl haben: Ihre Sorgen sind ernst genommen worden und haben zu einer Optimierung des Lösungsweges geführt.
Wie wollen Sie vermeiden, dass das Forum - wie Kritiker befürchten - eine Alibi-Veranstaltung wird?
Indem ich mit allen, die gleichberechtigt an unserem runden Tisch sitzen, eine gemeinsame Position erarbeite. Nur wenn das gelingt, ist das Forum stark und wird Einfluss auf Politiker und Planer nehmen. Das Forum ist zwar von der Landesregierung berufen worden, es wird aber völlig unabhängig von ihr arbeiten. Es geht innerhalb des Forums nicht darum, irgendeinem anderen seine Meinung aufzudrücken. Zweitens: Wenn wir Einfluss ausüben wollen, müssen wir rechtzeitig Position beziehen. Also sollten wir zügig einen Fahrplan darüber aufstellen, welche Themen wann entschieden werden, und bis wann sich das Forum dazu eine Meinung bilden muss. Es macht ja keinen Sinn, dass wir über eine Frage herum diskutieren, zu der die Entscheidung an anderer Stelle bereits gefallen ist.
Die "Allianz gegen eine feste Fehmarnbelt-Querung" hat in Frage gestellt, dass Sie unparteiisch sind - weil Sie bis vor wenigen Wochen als deutscher Botschafter in Dänemark das Verkehrsprojekt positiv nach außen vertreten haben. Halten Sie sich für Ihre neue Aufgabe für neutral genug?
Was die Planung der vieldiskutierten Hinterlandanbindung in Schleswig-Holstein betrifft, komme ich unstreitig von außen und bin unvoreingenommen. Ansonsten: Als Botschafter war ich Beamter der Bundesrepublik. Somit gehörte es zu meinen Dienstpflichten, den Staatsvertrag nach außen zu vertreten, den Deutschland mit Dänemark über die feste Fehmarnbelt-Querung abgeschlossen hat. Als Sprecher des Dialogforums ist meine Aufgabe eine andere. Ich habe die Haltung des Forums zu vertreten. Meine Aufgabe im Forum ist: Den Meinungsbildungsprozess so steuern, dass alle berechtigten Interessen berücksichtigt werden. Ein Sprecher spricht erst, nachdem er nachgedacht hat. Und vor dem Nachdenken sollte er zuhören, sich alles anhören. Ich denke, diese Vorgehensweise ist auch bei einem Treffen akzeptiert worden, zu dem ich mich kürzlich mit der "Allianz" zusammengesetzt habe.
Wird die "Allianz" der Gegner - anders als bisher angedroht - also doch im Dialogforum mitarbeiten?
Zumindest haben wir uns untereinander auf ein nächstes Treffen geeinigt. Ich denke, die Beteiligten werden zu der Frage ihrer Mitarbeit nun Rücksprache mit ihrer Basis halten.
Gab es in Ihrer diplomatischen Laufbahn Aufgaben, aus denen Sie konkret Erfahrung auf die jetzige Rolle übertragen können?
Im KSZE-Prozess war ich Sprecher einer Gruppe von Ländern. Unter meiner Führung hat die KSZE damals zum ersten mal ein Umweltkapitel erarbeitet. Bei der Welthandels- und Entwicklungskonferenz Unctad hatte ich eine vergleichbare Sprecherfunktion bei der Unctad-Reform in Cartagena.
Versteht man in Dänemark überhaupt, dass es in Schleswig-Holstein eines Amtes wie des Ihren bedarf?
Man ist dort beruhigt darüber, dass wir diese Fragen jetzt im Dialog aufnehmen. In Dänemark ist die Situation anders, weil dort die Bevölkerung nach den positiven Erfahrungen mit den Brücken über den Großen Belt und Öresund positiv eingestellt ist. Was in Dänemark in Sachen Fehmarnbelt-Querung diskutiert wird, sind nur noch pragmatische Einzelfragen. Etwa: Was machen wir mit Fahrradfahrern?
Wie lange wird das Dialogforum arbeiten?
Das bestimmt das Forum selber. Wahrscheinlich doch bis zum Ende des Projektes.
Welche Einzelfrage bei dem Riesen-Projekt steht auf Ihrer persönlichen Prioritätenliste ganz oben?
Schlicht und einfach, das Forum zusammenzuhalten, bis die Aufgabe erledigt ist. Dann möchte ich mit allen Mitgliedern des Forums in Frieden und Freude mit einem Glas Sekt in der Hand unseren Erfolg feiern können.

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