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Alternative für Deutschland : Der heiße Tanz der Euro-Skeptiker

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Die Alternative für Deutschland könnte die Bundestagswahl entscheiden. Wie der Bundesvorsitzende Bernd Lucke im Norden auf Wählerfang geht.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 07:33 Uhr

Rendsburg | Die Stimmung ist gut, bevor er überhaupt ein Wort sagt. Zu den Klängen einer Jazzband wirbelt Bernd Lucke seine schleswig-holsteinische Spitzenkandidatin zu einem Tänzchen über den harten Betonboden der Rendsburger Nordmarkhalle. Und wenn es nach den beiden geht, werden sie in zwei Wochen genauso leichtfüßig in den Bundestag steppen. Den rund 300 Zuschauern gefällt die Einlage des Bundesvorsitzenden der Alternative für Deutschland (AfD), auch weil sie bei anderen Parteien undenkbar wäre. Jedenfalls hat Angela Merkel  in Schleswig-Holstein nicht mit Johann Wadephul eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt.

Dass so viele Zuhörer gekommen sind, überrascht auch Lucke, denn das Wetter  lädt eher zum Grillen ein, und die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt. Erst seit ein paar Monaten gibt es die AfD, die sich anschickt, die CDU rechts zu überholen.  In den Umfragen legt die AfD seit Wochen zu, aber haben die Euro-Kritiker eine Chance, über fünf Prozent der Stimmen zu bekommen?

Es wäre das erste Mal, dass eine frisch gegründete Partei so schnell diesen Sprung schafft. Lucke  breitet in Rendsburg die Arme aus und sagt: „Die Altparteien sind verbraucht.“  Das Publikum jubelt. Es macht Lucke den Auftritt leicht, stehende Ovationen gibt es schon, als er die Bühne betritt. Früher, das sagt er selbst, habe er seine Reden  vom Blatt „abgestottert“. Davon kann nun keine Rede mehr sein. Der Wirtschaftsprofessor von der Uni Hamburg spricht frei. Er ist kein Menschenfänger, aber er weiß wie er auf der Klaviatur der Emotionen der Zuhörer spielen muss. „Die Geschichte der unsäglichen Eurorettung ist eine Geschichte der Irreführung und Lügen der Bundesregierung gegenüber der Bevölkerung“, ruft er.  Solche kämpferischen Sätze wollen die Zuschauer hören. Statt der Eurorettung will Lucke den Rentnern mehr Geld geben oder   marode Straßen sanieren – finanziert aus steigenden Zinseinahmen, die Deutschland erhält, wenn es sein Geld nicht mehr in schlappe Staatsanleihen südeuropäischer Krisenländer steckt. Einfaches Problem, einfache Lösung – das nennt man Populismus. „Diesen Vorwurf weise ich strikt zurück“, sagt der Neu-Politiker und versucht zu erklären, warum die AfD mehr ist als eine Partei, die nur die D-Mark zurück will. Aber dann sagt er Sätze wie:  „Die Debatte gegen den Euro-Rettungsschirm ist das, was die Partei in erster Linie zusammenhält.“ Der 51-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass er auch Protestwähler einsammeln will, eben die, die nur eine neue Partei gegen die Etablierten unterstützen wollen.

Nicht schlecht für einen Professor, der zum Establishment gehört. Angst davor, dass er sich wie andere politische Quereinsteiger vor ihm  im politischen Alltag verschleißen könnte, hat er nicht. Und das, obwohl seine umstrittenen Positionen zum Euro, zur Stellung Homosexueller  oder zur Integration von Asylbewerbern ihn zum Ziel von Protestbewegungen gemacht haben. In Bremen hat ihn kürzlich ein Demonstrant von der Bühne geschubst und mit Pfefferspray attackiert. Ein AfD-Mitglied wurde mit einem Messer verletzt. Jetzt werden Veranstaltungen der Partei von der Polizei geschützt. Wahlplakate werden abgerissen, AfD-Mitglieder  beschimpft   – aber Lucke machen die Attacken nach eigener Aussage wenig aus.

In Rendsburg bleibt sein Auftritt ungestört. Seine Kritiker hören nicht, wie Lucke mit einem „Vorurteil“ aufräumt: „Wir tolerieren keine rechtsradikalen oder rechtsextremen Mitglieder in der AfD.“ Und noch eins: „Wir sind keine Professorenpartei.“ Allerdings sind gleich mehrere auf den Kandidatenlisten der AfD im Norden platziert. Das Gros der Mitglieder sei bürgerlich und eher besser verdienend, meint der Spitzenkandidat, aber man sei offen für alle.

In Rendsburg ist das Publikum in der eher einfachen Nordmarkhalle gemischt, aber die meisten Zuhörer glauben daran, dass die AfD am 22. September über fünf Prozent bekommt. Ein Professor, der für die Alternative kandidiert, ruft sogar in den Saal, dass er an ein zweistelliges Ergebnis in Schleswig-Holstein glaube. Und Lucke? Der meint, dass er nach der Wahl im Bundestag  möglicherweise das Zünglein an der Waage einer bürgerlichen Koalition ist. Der will Lucke allerdings nur angehören, wenn die anderen Parteien auf seinen eurokritischen Kurs einschwenken. „Frau Merkel hat sich schon mehrfach um 180 Grad gedreht“, sagt er. Aber eigentlich geht Lucke von etwas anderem aus: „Ich denke, es wird eine Große Koalition geben – und wir sind in der Opposition.“ Aber bis dahin wären wohl noch ein paar sehr heiße Tänze nötig.

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