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Kommentar zur Pflege : Der Generationenvertrag ist überholt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dass sich Kinder zu Hause um ihre gebrechlichen Eltern kümmern, ist ein Auslaufmodell. Ein Kommentar von Margret Kiosz.

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2014 | 20:23 Uhr

So wie Eltern für ihre Kinder haften, haften auch Kinder für ihre bedürftigen Eltern. Das war über Jahrzehnte Grundkonsens in unserer Gesellschaft. In der Regel bestand die Haftung darin, dass Kinder – meist Töchter oder Schwiegertöchter – sich unentgeltlich um gebrechliche Väter und Mütter kümmerten.

Doch das ist ein Auslaufmodell. Wer heute auf Job und Karriere verzichtet, um seine Eltern zu pflegen, erntet genauso viel gesellschaftliches Unverständnis wie Hausfrauen, die Kinder groß ziehen. Wirtschaft und Politik fordern von jedem absoluten Einsatz und grenzenlose Mobilität. Oft liegen zwischen Elternhaus und Arbeitsstätte Hunderte von Kilometern. Der Generationenvertrag ist überholt. Die körperlich wie psychisch schwere Pflegearbeit wird ausgelagert – sprich von Fremden erledigt –, und das kostet Geld.

Viel zu lange hat man uns im Glauben gelassen, die Pflegeversicherung werde das Problem schon lösen. Dass wir heillos unterversichert sind, wurde geflissentlich verschwiegen. Jetzt ist das Geschrei groß, weil Pflegegeld plus Rente nicht reichen, um das Heim zu bezahlen. Die finanzielle Haftung wollen und können die wenigsten Kinder noch übernehmen. Als Sandwichgeneration fühlen sie sich mit der Aufzucht des eigenen Nachwuchses und der Versorgung der Alten überfordert. Der Staat muss es richten, nicht mehr die Familie. Gegen diesen Zeitgeist können selbst die Karlsruher Richter nichts mehr ausrichten, die gestern einen verstoßenen Sohn zur „Haftung“ für den herzlosen Vater verdonnerten.

Für Senioren, die am Ende ihres Lebens zu Sozialhilfebeziehern werden, ist das eine bittere Erfahrung. Für Kinder, die sich am anderen Ende der Welt sorgen, ob Vater im Heim genug zu Trinken bekommt, ist die Situation bedrückend. Das Bruttosozialprodukt wird zwar durch außerhäusliche Pflege gesteigert – die Menschlichkeit nicht unbedingt. Für unsere Gesellschaft sollte die Entwicklung ein Lehrstück dafür sein, Politik auch vom Ende her zu denken. Wer an wichtigen Stellschrauben dreht, muss auch die Folgen beachten.

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