zur Navigation springen

BSE-Tierärztin : Der Fall Margrit Herbst wird neu aufgerollt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 20 Jahren stellte Veterinärin Margrit Herbst Fragen, die keiner hören wollte und warnte vor BSE-Kühen – dann wurde sie entlassen. Nun will die Linke den Fall neu aufrollen.

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2014 | 15:03 Uhr

Bad Segeberg | Er galt schon immer als schlauer Fuchs. Jetzt stellt der ehemalige Landrat des Kreises Bad Segeberg, Georg Gorrissen, diesen Ruf erneut unter Beweis. Bei der für morgen anberaumten Sondersitzung des Hauptausschusses im Kreishaus ist er verhindert. Er ist in den Urlaub gefahren. Einziger Tagesordnungspunkt der Sitzung im Kreishaus: Der Fall der Tierärztin Margrit Herbst. Die Umstände, warum Herbst vor fast 20 Jahren von Gorrissen entlassen wurde, nachdem sie mit ihrem BSE-Verdacht an die Öffentlichkeit gegangen war, müssen also ohne den Juristen ergründet werden. Gorrissen war von 1990 bis 2008 Landrat und damit Dienstvorgesetzter der Veterinärin. Den Medien gegenüber will er sich nicht zum Fall äußern und beruft sich darauf, dass er keine Aussagegenehmigung des Kreises habe. „Das stimmt, aber Herr Gorrissen hat sie auch gar nicht beantragt“, stellte gestern der Chef des Landratsbüros, Gernot Schramm, klar. Wo kein Antrag, da auch keine Genehmigung. „Das ist eine bequeme Möglichkeit, zum Fall zu schwiegen“, interpretiert Schramm das Verhalten des Ex-Kreischefs. Einen Maulkorb für Gorrissen gebe es auf jeden Fall nicht.

Den wollte der Jurist anno 1995 am liebsten der Tierärztin Herbst verpassen. Ihre Meldungen über Tiere, die sich auf dem Schlachthof in Bad Bramstedt auffällig benahmen, aggressiv waren und stürzten, sollten die Bürger besser nicht hören. Wie berichtet, wurde die Veterinärin entlassen nach dem sie bei Günter Jauch im Fernsehen von ihren Beobachtungen berichtete. Die heute 74-Jährige galt daraufhin als Denunziantin, fand nie wieder Arbeit und lebt von einer Minirente in der Nähe von Neumünster.

Jetzt rollt die Linke im Segeberger Kreistag den Fall neu auf. „Der Fall ist aus heutiger Sicht neu zu bewerten, Herbst muss rehabilitiert und entschädigt werden“, so der Antrag vom Heinz-Michael Kittler von der Linkspartei. In der Sondersitzung dürfte auch das Urteil des Landesarbeitsgerichtes eine Rolle spielen, das Herbst beruflich das Genick brach und von Politikern noch heute gerne zitiert wird. So teilte etwa Minister Robert Habeck (Grüne) kürzlich mit: „Die Rechtmäßigkeit der Kündigung durch den Kreis ist eindeutig durch Urteil des Landesarbeitsgerichtes bestätigt.“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ein Wiederaufnahmeverfahren sei allein aus prozessrechtlichen Gründen nicht möglich, betonte damals die Gerichtspräsidentin. Zugleich kritisierte sie, dass die Vorinstanz „die grundrechtliche Problematik“ des Falles übersehen habe und Herbst sich auf ihre Meinungsfreiheit hätte berufen können. Die Richterin riet deshalb dem Landrat, „zu prüfen, ob nicht die Möglichkeit einer Wiedereinstellung der Klägerin besteht“. Dieser Teil des Urteils wird seit 15 Jahren verschwiegen. Genauso wie die Tatsache, dass das Oberlandesgericht Schleswig Herbst in einem vom Schlachthof angezettelten Schadenersatzverfahren Recht gab. Herbst, so die Richter, durfte „in Anbetracht der für die Bevölkerung drohenden großen Gesundheitsgefahren ihren nicht widerlegten BSE-Verdacht an die Öffentlichkeit bringen“, heißt es im Urteil. Und die Richter wurden noch deutlicher. Es habe sich der Verdacht aufdrängen können, „dass staatliche Stellen im Einklang mit den Fleischerzeugenden und verarbeitenden Betrieben sehr daran gelegen war, einen amtlichen BSE-Nachweis wenn möglich zu verhindern“. Welche Rolle damals der Landrat dabei spielte, bleibt für die Öffentlichkeit geheim. Zunächst wird der Fall in Segeberg hinter verschlossenen Türen verhandelt. Ob es später eine öffentliche Sitzung gibt, ist noch nicht klar.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen