Zeitverträge für Lehrer : „Das Land zeigt sich hier als mieser Arbeitgeber“

Hofft nach über 20 Verträgen auf Entfristung: Die Flensburger Deutsch- und Russischlehrerin Maria Matz.
Hofft nach über 20 Verträgen auf Entfristung: Die Flensburger Deutsch- und Russischlehrerin Maria Matz.

In den vergangenen drei Jahren hatten 482 Lehrer in Schleswig-Holstein mehr als zehn befristete Verträge. Eine Person kam sogar auf über 48 verschiedene Anstellungsverhältnisse.

shz.de von
02. Mai 2015, 17:10 Uhr

Kiel | Sie leben von einem Vertrag zum nächsten: 482 Lehrerinnen und Lehrer in Schleswig-Holstein arbeiteten in den vergangenen drei Jahren in sogenannter Dauerbefristung mit mehr als zehn Verträgen. Die Anstellungen liefen ein halbes Jahr, drei Monate oder sogar nur wenige Tage. Dann ging es weiter – mit Glück zur nächsten Schule, mit Pech direkt zum Arbeitsamt.

Es ist eine traurige Rangliste, die das Ministerium für Schule und Bildung auf Nachfrage des Piraten-Abgeordneten Sven Krumbeck aufstellen muss. Die fünf Lehrkräfte mit den meisten Verträgen hatten 48, 38, 31, 28 und 27 Anstellungsverhältnisse im öffentlichen Schuldienst. Die Gründe dafür seien überwiegend Krankheit, Mutterschutz oder Elternzeit der vertretenden Lehrer, heißt es in der Antwort der Landesregierung.

Unabhängig von diesen „Kettenverträgen“ ist die Zahl der befristet Beschäftigten noch viel größer. Von 28.256 Lehrkräften waren im vergangenen Schuljahr 1862 und damit 6,6 Prozent der Lehrer befristet angestellt. Das teilte das Bildungsministerium Schleswig-Holstein am Sonntag mit. „Bevor man Schlussfolgerungen zieht, muss man sich jeden Einzelfall genau ansehen“, sagte Ministeriums-Sprecherin Patricia Zimnik. Sie verweist darauf, dass auch im Ruhestand befindliche Lehrkräfte oder Personen, die die Wartezeit auf ein Referendariat überbrücken, befristete Verträge erhalten. Immerhin: 219 der insgesamt 482 dauerbefristeten Lehrerinnen und Lehrer seien mittlerweile verbeamtet oder unbefristet angestellt.

Auf dieses Glück wartet Maria Matz noch. Die 33-jährige Flensburgerin weiß, was Dauerbefristung bedeutet. „Ich habe in nur drei Jahren über 20 Verträge angesammelt“, sagt die Deutsch- und Russisch-Lehrerin. Und das trotz eines sehr guten Abschlusses im zweiten Staatsexamen. Von schwerer Krankheit bis Erziehungsurlaub – wo es an den Schulen brannte, war Matz zur Stelle. Dafür gab es viel Lob von Eltern, Kollegen und der Schulleitung. Nur eine Festanstellung lies bislang auf sich warten. „Es ist unheimlich kräftezehrend, neben der Arbeit ständig Bewerbungen zu schreiben und sich auf jede Klasse oder Schule neu einzustellen.“ Den Schulen gibt Maria Matz dafür allerdings nicht die Schuld: „Ich bin an Flensburg gebunden und habe zwei Kinder. Meine Tochter ist pflegebedürftig. Ich kann also nicht einfach die Stadt oder sogar das Bundesland wechseln, wie mir vom Ministerium empfohlen wurde.“ Hinzu komme, dass die Fächerkombination Deutsch und Russisch aktuell nur wenig gesucht werde. Sie mache deshalb eine Weiterbildung für das Drittfach Philosophie. An der Situation müsse sich trotzdem dringend etwas ändern. „Der Beruf macht Spaß, aber ich spiele mit dem Gedanken, ihn komplett an den Nagel zu hängen.“

Damit bestätigt die Flensburgerin die Befürchtungen von Bernd Schauer, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Es kann nicht sein, dass das Land geeigneten Lehrkräften keine Perspektive bietet.“

Die hohe Zahl von 482 Dauerbefristungen sei ein Indiz für den Lehrermangel in Schleswig-Holstein. Immer mehr Schulen könnten Ausfälle nicht mehr mit dem eigenen Personal kompensieren.

„Wir brauchen hier klare und landesweit gültige Regelungen." So müsste das Land geeigneten Lehrkräften Angebote für Weiterbildungen machen, durch die eine unbefristete Anstellung möglich wird. Ebenfalls als Lösungsansatz bewährt hätten sich die sogenannten Feuerwehrlehrkräfte. Sie sind für zwei Jahre befristet angestellt und dabei nicht nur einer Schule, sondern einer festgelegten Region zugeordnet. Wo Bedarf ist, springen diese Lehrkräfte ein. „Häufig ergibt sich daraus eine unbefristete Anstellung.“ Schauer bezeichnet die Situation als Dilemma. Schwangerschaften, Elternzeitvertretungen oder Krankheiten seien für befristete Verträge gute Gründe. Auch der Personalkörper sei mit 28.000 Menschen im Schuldienst sehr groß. „Das ist nicht einfach, aber mit gutem Management ist da mehr drin.“

Zu härteren Tönen greift der Philologenverband Schleswig-Holstein. „Die hohe Zahl der Kettenverträge ist skandalös. Das Land zeigt sich hier als ganz mieser Arbeitgeber“, sagt der Vorsitzende Helmut Siegmon. Gilt Schleswig-Holstein bei Lehrern erst einmal als unattraktives Land, würden die klügsten Köpfe in andere Bundesländer abwandern. Auch Siegmon hält das Modell der „Feuerwehrlehrkräfte“ für einen sinnvollen Lösungsansatz. Das Modell biete zumindest Verlässlichkeit. Doch auch Siegmon betont das Strukturproblem Lehrermangel: „Vorrangig muss eine 100prozentige Unterrichtsversorgung gewährleistet werden.“

Dem schließt sich der bildungspolitische Sprecher der Piraten, Sven Krumbeck, an: „Personalressourcen im Schuldienst sind so knapp genäht, dass kürzeste Arbeitsausfälle nicht kompensiert werden können.“ Er fordert nun für die Betroffenen einen Aufschlag auf den Mindestlohn von 8,33 Prozent. „Letztlich erwirbt das Land einen Vorteil zu Lasten der befristet eingestellten Personen.“

Für einige der betroffenen Lehrer könnte vielleicht etwas Bewegung in die Sache kommen. Ministeriums-Sprecherin Patricia Zimnik sagte gegenüber Schleswig-Holstein am Sonntag: „Wir nehmen das Ergebnis der Anfrage noch einmal zum Anlass, jeden Fall genau zu überprüfen.“

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