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Fehmarnbelt-Querung : Dänen warnen vor dem Tunnel-Fiasko

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„Die Steuerzahler erfahren nicht die ganze Wahrheit“: Dänische Verkehrsexperten kritisieren die Kostenkalkulation für die Fehmarnbelt-Querung.

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2014 | 12:20 Uhr

Kopenhagen | Nachdem es in Dänemark bisher stets nur Zustimmung gab, melden sich nun auch dort kritische Stimmen zum Fehmarnbelt-Tunnel: „Das wird ein wirtschaftliches Fiasko“, warnt der Verkehrsforscher Knud Erik Andersen. Der 67-Jährige war leitender Beamter bei der obersten dänischen Straßenbehörde. Dort hat er sowohl am Bau der Querung über den Großen Belt als auch den Öresund mitgewirkt. Zudem saß Andersen mehrere Jahre dem Verband der dänischen Transportwirtschaft vor. Im Juni erscheint ein Buch aus seiner Feder, in dem er das Fehmarn-Projekt schonungslos durchleuchtet.

Nach den vier Monaten, die Andersen auf seine Analyse verwendet hat, ist der Fachmann überzeugt: „Die Steuerzahler haben von der Politik nie die ganze Wahrheit erfahren.“ Anders als behauptet, würden die Mauteinnahmen nie und nimmer reichen, um die per Staatsbürgschaft abgesicherten Kredite an die staatliche Tunnelgesellschaft Femern A/S innerhalb von 39 Jahren zurückzuzahlen. Die Verkehrsprognosen, die diesem Versprechen zu Grunde liegen, seien völlig unrealistisch. Die Femern A/S habe dafür einfach Zahlen von der Öresundbrücke übernommen – ohne die geringste Ähnlichkeit beider Routen. Weder lasse sich die Metropolregion Kopenhagen/Malmö mit dem platten Land beiderseits des Fehmarnbelts vergleichen noch die Art der Verkehrsströme. Ein Großteil der Fahrten über den Öresund – wie auch über den Großen Belt – finde über kurze und mittlere Entfernungen statt. Auf der Vogelfluglinie hingegen handele es sich stets um Langstreckenverkehr. „Wer mehrere 100 Kilometer unterwegs ist, muss sowieso mal eine Pause machen“, stellt Andersen fest. Viele Autofahrer würden daher auch künftig die Fähren wählen.

Und die Fähren, so hat die Reederei Scandlines unmissverständlich klargestellt, sollen nach der für 2022 erwarteten Eröffnung des Tunnels weiterfahren. Nach Einschätzung Andersens hat Scandlines einen Spielraum von 30 bis 40 Prozent, um einen Preiskrieg gegen den kostenpflichtigen Tunnel zu führen. Weiter verweist Andersen auf Studien zur Tunnel-Phobie: Bis zu 30 Prozent der Autofahrer hätten Angst, durch eine 18 Kilometer lange Röhre zu fahren. Das sei in den Verkehrsprognosen nicht berücksichtigt worden, als für den Fehmarnbelt der Schwenk von einer Brücke zu einem Tunnel erfolgte.

Rückendeckung erhält Andersen von Per Homann Jespersen, Verkehrsforscher an der Universität Roskilde. „Die Berechnungen nehmen überhaupt keine Rücksicht darauf, dass ein Fehmarn-Tunnel in einem Markt mit Konkurrenz funktionieren muss“, fasst er zusammen. „Die Kalkulationen müssen deshalb dringend revidiert werden.“ Der Wissenschaftler hält es für „mehr als naiv“, dass die Finanzierung der Fehmarn-Querung auf der Annahme konstanter Fährpreise beruht. „Zwischen Helsingør und Helsingborg hat Scandlines die Fährtickets sofort massiv verbilligt, sobald die Öresundbrücke offen war. Nach der Einweihung des Eurotunnels war es auf den Schiffen zwischen Dover und Calais genauso.“

Jespersen hat mit Computerprogrammen berechnet, inwieweit es sich für das Transportgewerbe lohnt, eine Autobahn unterm Belt zu benutzen. Treibstoffkosten, Fährpreise, Maut, Lohnkosten für Fahrer, Lenk- und Ruhezeiten sind darin eingeflossen. Jespersens Ergebnis: „Wirtschaftlich ist der Tunnel nur für Firmen aus Norddeutschland und von der Insel Seeland interessant.“ Für den Schwedenverkehr und Verkehre ins südlichere oder östlichere Europa werde es günstiger, die Fähren von Trelleborg nach Travemünde oder Rügen oder die Fähre von Gedser nach Rostock zu benutzen.

Die Kosten der Querung werden offiziell mit 5,5 Milliarden Euro angegeben. Dass dies ohne Auswirkungen auf die Haushaltslage bleibt, weil doch nur Bürgschaften  bemüht würden – wie Politiker und Femern A/S beteuern –  mögen Jespersen und Andersen nicht glauben. Sie gehen „angesichts der unrealistischen Kalkulationen“  davon aus, „dass letzten Endes sehr viele Dänen für den Tunnel bezahlen, obwohl sie ihn nicht benutzen“. Neben den Krediten für den Bau müssten auch noch solche für die laufenden Betriebskosten abgestottert werden. Denn nicht einmal die könne Femern A/S in der Anfangszeit aus eigener Kraft begleichen. Die Erfahrung anderer Bauprojekte zeige jedoch: Um einen risikoreichen Wettlauf zwischen Zinsen und Mauteinnahmen zu vermeiden, müssten die Schulden nach spätestens 40, besser noch wie bei Privathäusern nach 30 bis 35  Jahren getilgt sein.

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