Freiwilligendienst : Bufdis stellen Sozialträger in SH vor Probleme

Werden gebraucht: In einem AWO-Seniorenheim wird ein Bewohner von einem „Bufdi“ betreut.
Werden gebraucht: In einem AWO-Seniorenheim wird ein Bewohner von einem „Bufdi“ betreut.

Zu jung, zu wenig und ohne Führerschein – vor allem im ländlichen Raum sind soziale Einrichtungen mit dem Bundesfreiwilligendienst unzufrieden.

shz.de von
17. Mai 2015, 07:00 Uhr

Fast vier Jahre gibt es ihn nun schon – den „Bufdi“. Trotzdem scheint der Bundesfreiwilligendienst (BFD) noch nicht an den Zivildienst, den er mit Aussetzen der Wehrpflicht 2011 ersetzte, heranzukommen. „Es werden immer weniger BFD’ler“, berichtet Hannes Juhl, Abteilungsleiter für das betreute Wohnen des Holländerhofs Flensburg. In der Einrichtung mit angeschlossener Werkstatt leben 150 behinderte Menschen. Hilfe ist willkommen. Doch beschäftigte man zu Zivildienst-Zeiten noch durchschnittlich 21 Freiwillige, sind von mittlerweile 14 Stellen nur neun besetzt.

Ein Problem, über das in Schleswig-Holstein noch mehr Einrichtungen klagen. Auch die Husumer Werkstätten berichten von schleppenden Bewerbungen. Von 14 Stellen für den kommenden September sei bislang erst eine vergeben, sagt die Freiwilligendienst-Beauftragte der Einrichtung, Rita Friedrichsen. „Es ist schwieriger geworden“, bestätigt sie. „Heute sind die Freiwilligen oft erst 15 oder 16 Jahre alt, kommen frisch von der Schule und haben keinen Führerschein.“ Dieser sei jedoch zum Beispiel für Fahrten zum Arzt zwingend erforderlich. Die Husumer Werkstätten betreuen 550 Beschäftigte mit Behinderungen. Im vergangenen Jahr konnten nur zwölf der 14 Plätze für BFD’ler besetzt werden.

Die Zahl der BFD-Leistenden insgesamt stieg 2014 um knapp 50 Freiwillige auf 1270 im Vergleich zum Vorjahr. Das teilte das zuständige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAfzA) auf Anfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag mit. Auch im Bundestrend erhöhe sich die Zahl der Freiwilligen, von denen der weitaus größte Teil unter 27 Jahre alt ist. 43.000 Menschen leisteten in Deutschland 2014 den Dienst als Bundesfreiwillige. „Das Interesse am BFD ist nach wie vor sehr hoch“, sagt Peter Schloßmacher, Sprecher des BAfzA. Dennoch heißt es aus dem schleswig-holsteinischem Sozialministerium: „Dass die Nachfrage das Angebot an BFD-Plätzen übersteigt, ist bekannt“, so Ministeriums-Sprecher Frank Strutz-Pinor. Grundsätzlich seien die Plätze an eine Kontingentierung durch den Bund gebunden. „Unserer Information nach plant der Bund zurzeit aber keine Aufstockung von Mitteln und damit auch Plätzen.“

Boy Büttner vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein sieht ein grundsätzliches Problem: „Anders als das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) hat der BFD noch kein gefestigtes Image“, meint der Leiter Freiwilligendienste. Das vorgegebene Kontingent zu erfüllen, sei dennoch kein Problem. Die 190 zur Verfügung stehenden Plätze habe der Wohlfahrtsverband besetzen können. Während Zivildienstleistende von alleine kamen, müssten die Einrichtungen jetzt aktiver um Freiwillige werben. Eine Entwicklung, die der Paritätische Wohlfahrtsverband grundsätzlich begrüße: „Es zwingt die Einrichtungen, für ein attraktives Angebot zu sorgen.“

Manfred Klaar vom Diakonischen Werk stellt fest, dass sich junge Menschen immer später für einen Freiwilligendienst melden. „Von 800 Plätzen für den kommenden Sommer sind jetzt erst 126 belegt“, berichtet er. Klaar beobachtet auch Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen und Typen von Einrichtungen. Die Behindertenhilfe hätte es im ländlichen Raum tatsächlich schwieriger. Hinzu kommt der Konkurrenzkampf mit Hochschulen und der Wirtschaft. „Auf dem Ausbildungsmarkt spürt man eine Aufbruchstimmung“, stellt Klaar fest. Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein – die größte BFD-Anlaufstelle im Norden – setze deshalb verstärkt auf arbeitslose Erwachsene, die einen Wiedereinstieg in das Berufsleben suchen. „In diesem Personenkreis ist der BFD noch nicht bekannt genug. Dabei kann man sich hier viele Qualifikationen erwerben.“

Das bestätigt auch Wiebke Miltner, Teamleiterin bei der Stiftung Drachensee. Die Einrichtung mit 620 Werkstatt- und 200 Wohnplätzen für Menschen mit Behinderung beschäftigt 60 BFD’ler. Nachhaltige Probleme mit der Umstellung habe es nicht gegeben: „Es ist nach wie vor ein ganz wichtiges Angebot, das unsere hauptamtlichen Kräfte ergänzt und unterstützt.“

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