Offener Brief an Sigmar Gabriel : Björn Uhde: „Sigmar, was willst du eigentlich?“

Björn Uhde kann den Zickzack-Kurs von Sigmar Gabriel nicht mehr nachvollziehen.
Björn Uhde kann den Zickzack-Kurs von Sigmar Gabriel nicht mehr nachvollziehen.

Ein SPD-Mitglied aus Bad Segeberg wird bundesweit zum Sprachrohr der Unzufriedenen in der SPD.

shz.de von
10. Juli 2015, 12:45 Uhr

Bad Segeberg/Berlin | Einfache Parteimitglieder, die mit ihrem Vorsitzenden Sigmar Gabriel hadern, gibt es viele. Doch keines hat nur annähernd die Durchschlagskraft von Björn Uhde. Eigentlich dachte der 36-Jährige aus Bad Segeberg „an vielleicht 20 Leser“, als er einen offenen Brief an Parteichef Sigmar Gabriel ins Netz stellte. Der Grafik-Designer veröffentlichte seinen Weckruf auf der Plattform www.deinespd.de. Die hat er Anfang des Jahres initiiert, „um Meinungen direkt von der Basis, unabhängig von langwierigen Beschlüssen in der Partei-Hierarchie zu kommunizieren“. Allein auf der Ursprungs-Seite hatte der Beitrag gestern schon mehr als 30.000 Leser; geteilt über Facebook und Twitter ging der Text so raketenartig ab, dass auch überregionale Medien wie die „Süddeutsche“, „Die Zeit“ und „Die Welt“ darauf einstiegen.

„Zickzack no more“ heißt der direkt an „Sigmar“ gerichtete Aufruf. In dieses Bild kleidet Uhde seine Kritik. Der Schleswig-Holsteiner beobachtet ein Hin und Her statt Standhaftigkeit. Was Uhde übel aufstößt: dass Gabriel zu Griechenland mehrfach den Kurs geändert hat. Dass er Pegida-Anhängern zugehört hat, obwohl als Parteilinie maximale Distanz ausgegeben worden war. Und: Dass Gabriel trotz der arg dürftigen Zustimmung eines Parteitags von 60 Prozent die Vorratsdatenspeicherung durchboxte. „Sigmar, was willst du eigentlich?“, fragt Uhde und stellt fest: „Die Fußsoldaten können deine Schwenks niemandem mehr vor Ort erklären.“ Wie aber Wahlkämpfe bestehen, „wenn keiner mehr mitmacht? „Dich kann ich leider nicht unterstützen.“

Und das, wo der „Zickzack“-Autor von kleinauf in die SPD hineingewachsen ist. Seine Mutter saß für die Partei lange im Gemeinderat eines Münchner Vororts. Mit 16 trat der Sohn ein. Nach 26 Jahren in Bayern und zwei Jahren im Dienst der Service-Hotline von „Apple“ in Irland zog der Freiberufler erst nach Hamburg, 2013 dann auf der Suche nach mehr Ruhe nach Bad Segeberg.

Der Mitt-Dreißiger spricht gar offen den Gedanken aus, 2017 Angela Merkel zu wählen – so wie es nach seiner Prognose eine Mehrheit erneut tun wird, weil sie sich bei der Kanzlerin „gut aufgehoben fühlt“.

„Offenbar habe ich einen Nerv getroffen“, stellt Uhde fest. Das liege offenbar daran, dass er sich vor dem Schreiben erst ein paar Wochen lang mit „30 bis 40“ Sozis aus dem ganzen Bundesgebiet darüber austauschte, wie es denn so aussehe in der Partei. Seit Anfang des Jahres hatte der Autor „das ungute Gefühl, dass irgendwie Redebedarf besteht“. „Zickzack no more“ ist die Essenz.

„Das spricht mir 70-Jährigem voll aus dem Herzen“, lautet einer der kaum überschaubaren Online-Kommentare auf den Beitrag. „Gabriel sollte endlich erkennen, dass die SPD an der Seite der CDU zur alten FDP wird“. Ein anderer Nutzer, der nach 43 Jahren wegen „Beleidigung durch Siggis Arroganz“ ausgetreten ist, applaudiert: „Bravo und hervorragend“.

Auch wenn er jetzt öffentlich als großer Gabriel-Jäger dasteht, beteuert Uhde: „Dies ist keine Forderung zum Abtreten.“ Auch auf Nachfrage mag er keine personelle Alternative nennen. Er wolle einfach, dass Gabriel sein Verhalten ändere. „Gerade weil ich die SPD so liebe, möchte ich, dass sie sich optimal aufstellt.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen