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Schlechte Laune : Bitte weiter jammern

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In Deutschland wird mehr geklagt als gelitten – das macht das Land so stark. Ein Kommentar von Helge Matthiesen.

shz.de von
erstellt am 31.Dez.2013 | 14:02 Uhr

Kiel | Deutschland hat schlechte Laune, jedenfalls meistens. Gründe dafür finden sich immer: Die Brücken im Land sind kaputt, auf dem Kanal fahren keine Schiffe mehr, wir zahlen für die Rettung der südeuropäischen Euro-Staaten, der HSV ist in Abstiegsgefahr und in der Politik haben auch wieder die Falschen das Sagen. Wer mit Spaniern, Franzosen oder Engländern spricht, hat immer Schwierigkeiten zu erklären, warum in Deutschland die Stimmung oft so viel schlechter ist als die Lage. In anderen europäischen Ländern ist die Arbeitslosigkeit hoch, die soziale Absicherung gering, der Reformbedarf enorm – und dennoch wird weniger gejammert.

Manchmal tut eine Studie sehr gut, die diese notorische deutsche Defizitdebatte vom Kopf auf die Füße stellt. Ja, es gibt Dinge, die nicht gut funktionieren. Und nein, es geht uns ja nicht wirklich schlecht deswegen. Eher im Gegenteil: Zum Jahreswechsel darf man getrost festhalten, dass es den meisten Deutschen sogar sehr gut geht. Der Wohlstand ist beträchtlich, die wirtschaftlichen Aussichten sind gut, echte Bedrohungen gibt es kaum und die politische Stabilität ist beinahe erdrückend. In Norddeutschland sieht es noch ein wenig besser aus. Ein glückliches Land, das sich um Sepa-Umstellung und Pkw-Maut für Ausländer Gedanken machen darf.

Sollte Deutschland deswegen aufhören mit dem Jammern und sich immer nur freuen? Davor muss gewarnt werden. Erstens passt es gar nicht zu diesem Land und zweitens hat die beharrliche Klage eine positive Pointe. Dass es Deutschland so gut geht, ist eine Folge vieler kleiner Reaktionen auf Probleme, die benörgelt, erkannt und gelöst worden sind. Wer unzufrieden ist, sucht nach neuen Wegen und findet sie offenbar meistens auch.

Freuen wir uns zum Jahreswechsel also über die insgesamt gute Lage und hören wir weiter jenen zu, die daran etwas auszusetzen haben. Auch wenn sie uns manchmal auf den Wecker gehen: Diese Menschen stellen die richtigen Fragen und helfen, Fehlentwicklungen zu verhindern. Deutschland ohne schlechte Laune: einfach unvorstellbar.

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