Hartz IV : Bildungspaket erreicht arme Familien nicht

Wenn das Geld nicht für neue Kleidung reicht: Dank des Bildungspakets hätten Kinder aus Hartz-IV-Familien zwar die zehn Euro für den Sportverein, könnten aber die Sportschuhe nicht kaufen, meint die Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, Irene Johns. Foto: dpa
Wenn das Geld nicht für neue Kleidung reicht: Dank des Bildungspakets hätten Kinder aus Hartz-IV-Familien zwar die zehn Euro für den Sportverein, könnten aber die Sportschuhe nicht kaufen, meint die Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, Irene Johns. Foto: dpa

In Schleswig-Holstein leben 71.000 Kinder von Hartz IV. Der Kinderschutzbund ruft zum Kampf gegen Kinderarmut auf und kritisiert die in diesem Jahr eingeführten Bildungsgutscheine.

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06. Dezember 2011, 12:51 Uhr

kiel | An diesem Montag feiert der Kinderschutzbund Schleswig-Holstein sein 50-jähriges Bestehen. Doch zum Jubeln besteht kein Anlass. In Schleswig-Holstein leben knapp 71.000 Kinder von Hartz IV. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einen Teil der Kinder verlieren, weil sie nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können," sagt die Landesvorsitzende Irene Johns. Eine Grundsicherung und der Ausbau von Bildungs- und Betreuungsstrukturen sind nach Ansicht des Kinderschutzbunds entscheidend, um Kinderarmut zu bekämpfen. "Wer Kinderarmut verringern will, muss Geld in die Hand nehmen", fordert Johns. Es gehe nicht nur um ein einzelnes Kind, sondern um eine gesellschaftliche Zukunft.
"Die Kinderregelsätze bei Hartz IV sind einfach nicht ausreichend", kritisiert Johns. Sie liegen für 6- bis 13-Jährige derzeit bei 251 Euro. Das in diesem Jahr eingeführte System von Bildungsgutscheinen hält die Landesvorsitzende für zu umständlich. "Der Verwaltungsaufwand ist hoch; das ist Geld, das bei den Kindern nicht ankommt." Außerdem werde das Bildungspaket zu wenig in Anspruch genommen und berge Tücken. "Dann haben Sie die zehn Euro für den Sportverein, können aber die Sportschuhe nicht kaufen."
"Auch versteckte Armut bekämpfen"
Stattdessen plädiert der Kinderschutzbund für eine Grundsicherung für alle Kinder: Sie müsste ein Existenzminimum von 320 Euro beinhalten und zusätzlich 180 Euro für Bildung und Kinderbetreuung, solange der Staat hier nicht die nötige Infrastruktur gebührenfrei bereit stelle, erläutert Johns.
"Bei der Grundsicherung ist der Bund gefragt, und die Länder müssen mitziehen." Von Vorteil wäre auch, dass eine Grund sicherung nicht nur Kindern von Hartz IV-Empfängern zugute käme, sondern automatisch auch Familien mit niedrigem Einkommen. Das würde helfen, die versteckte Armut zu bekämpfen. Derzeit nehmen nach Angaben von Johns nur rund 30 Prozent der eigentlich berechtigten, einkommensschwachen Familien einen Kinderzuschlag in Anspruch.
"Es gibt ein sehr großes gesellschaftliches Engagement für Kin der. Aber das steht im Widerspruch dazu, dass das Geld zum großen Teil doch in andere Bereiche gesteckt wird", kritisiert die Landesvorsitzende. Der Kinderschutzbund hat sich nicht nur den Kampf gegen Kinderarmut, sondern auch gegen Gewalt gegen Kinder und für die Umsetzung der Kinderrechte auf die Fahnen geschrieben.

Kinderarmut in den Kreisen und Kreisfreien Städten
Anteil der armen Kinder unter 7 Jahren an der gleichaltrigen Bevölkerung in Prozent:
Neumünster 35,8
Kiel 33,5
Lübeck 33,1
Flensburg 32,2
Dithmarschen 24,9
Steinburg 19,6
Ostholstein 17,8
Herzogtum Lauenburg 17,5
Schleswig-Flensburg 16,8
Pinneberg 15,9
Rendsburg-Eckernförde 15,2
Segeberg 14,6
Plön 13,7
Nordfriesland 11,8
Stormarn 11,0
Schleswig-Holstein 19,6
Quelle: Bundesagentur für Arbeit,
Statistisches Amt für Hamburg
und Schleswig-Holstein (Mai 2011)

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