zur Navigation springen

Schuljahr 2014/15 : „Bildungsirrsinn“: Kritik am neuen Schulgesetz

vom

Die Oppostion zetert, die Gewerkschaft GEW lobt verhalten, Bildungsministerin Waltraud Wende ist stolz auf das neue Schulgesetz in Schleswig-Holstein. Nach der Grundschule sieht es nur noch Gemeinschaftsschulen und Gymnasien vor.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2013 | 12:40 Uhr

Kiel | Das von Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) am Mittwoch vorgestellte neue Schulgesetz hat heftige politische Kontroversen ausgelöst. Während nach Ansicht der Regierungsparteien SPD, Grüne und SSW das künftige Schulsystem mehr Durchlässigkeit und damit mehr Erfolgschancen bietet, warfen die Oppositionsparteien CDU und FDP der Ministerin „ideologischen Bildungsirrsinn“ und „missionarischen Eifer“ zulasten der Kinder vor. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lobte die Richtung des Gesetzes, es lasse sich aber nur ohne Stellenstreichungen im Bildungsbereich erfolgreich umsetzen.

Dem vom Kabinett gebilligten Gesetzentwurf muss noch der Landtag zustimmen. Zum Schuljahr 2014/15 soll das Gesetz in Kraft treten. Es sieht ein zweigliedriges Schulsystem vor mit Gemeinschaftsschulen und Gymnasien als weiterführenden Schulen. Die bisherigen Regionalschulen werden in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Bis zu 17 von insgesamt 43 Regionalschulen drohen geschlossen zu werden, weil sie nicht mehr die Mindestzahl von 240 Schülern erreichen.

Was bedeutet das zweigliedrige Schulsystem für die Regionalschulen?

Nach der Grundschule können Schüler nur noch zwischen Gemeinschaftsschulen und Gymnasien wählen. Nach Ministeriumsangaben werden 36 der derzeit noch landesweit 47 Regionalschulen zum 1. August in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Sieben Schulen nehmen keine Schüler mehr auf und laufen aus, vier Schulen liegen unter der Mindestschülerzahl von 240 Schülern und werden aufgelöst.

 

Welche Schulabschlüsse gibt es künftig?

Der Hauptschulabschluss und die Mittlere Reife (Realschulabschluss) werden abgeschafft. Stattdessen wird an Gemeinschaftsschulen nach neun Jahren die „Berufsbildungsreife“ erreicht, nach zehn Jahren der „Mittlere Abschluss“ und das Abitur nach 13 Jahren - also neun Jahre nach der Grundschule.

 

Gemeinschaftsschule oder Gymnasium - wer entscheidet das?

Die Eltern. Die bisher verbindliche Schulartempfehlung nach Klasse vier entfällt. Stattdessen gibt es ein obligatorisches Beratungsgespräch. Welche weiterführende Schule das Kind besucht, entscheiden allein die Eltern, unabhängig von der Leistung ihrer Kinder.

G8, G9 oder Y? Wann machen die Schüler Abitur?

Das Abitur wird in der Regel nach acht Jahren (G8) erworben. Bestandsschutz erhalten die landesweit elf Gymnasien mit neunjährigem Bildungsgang und die vier Gymnasien, die G8 und G9  als sogenanntes Y-Modell anbieten.

Sind Kooperationen von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien möglich?

Ja. Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe können mit Gymnasien, mit Beruflichen Gymnasien oder mit Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe eine Kooperation vereinbaren. Schüler kennen dann schon frühzeitig ihre jeweilige künftige Oberstufe.

Was sind „Flexi-Klassen“?

Es soll keine abschlussbezogenen Klassenverbände mehr geben. Eine Ausnahme gibt es: Langsamer lernende Schüler können den Stoff der letzten beiden Schuljahre für den Hauptschulabschluss in drei Jahren im Klassenverband machen - in sogenannten „Flexi-Klassen“. Der Unterricht an Gemeinschaftsschulen findet in binnendifferenzierender Form statt. Ab Jahrgangsstufe 7 sind Lerngruppen in einzelnen Fächern - etwa Mathematik, Deutsch oder Englisch - nach Leistungsfähigkeit möglich.

Gibt es auch Gymnasien und Gemeinschaftsschulen unter einem Dach?

Ja. Bisher sind landesweit sechs Gymnasien und Regionalschulen organisatorisch verbunden - was sich laut Ministerium bewährt hat. Auch nach der Umwandlung der Regionalschulen in Gemeinschaftsschulen sollen deshalb diese mit den Gymnasien weiterhin unter einem Dach organisatorisch verbunden sein.

Sie sei stolz auf den einjährigen Dialogprozess mit Lehrern, Schülern, Eltern, Hochschulen, Gewerkschaften, Kirchen, Kinderärzten und Psychologen, sagte Bildungsministerin Wende. „So viel Konsens bei einem Schulgesetz gab es noch nie“, sagte Wende. Jedes Kind solle unabhängig vom Unterstützungspotenzial seiner Familie die Chance auf einen bestmöglichen Schulabschluss haben. Die Qualität der Schulen werde steigen. Wende bekräftigte, dass die Hälfte der Lehrerstellen, die wegen der sinkenden Schülerzahlen in den nächsten Jahren eigentlich gestrichen werden könnten, im System bleiben werden.

Die CDU-Bildungsexpertin Heike Frantzen hielt Wende vor, keine Ahnung zu haben, „wie sie die drängenden Probleme an unseren Schulen lösen will“. Schüler an Gemeinschaftsschulen, die bis zur zehnten Klasse in gemischten Lerngruppen unterrichtet werden, könnten Lernrückstände in der Oberstufe nicht mehr aufholen. Die FDP-Landtagsabgeordnete Anita Klahn kritisierte die Umbenennung der Schulabschlüsse: Gerade beim Begriff „Berufsbildungsreife“ gehe der humanistische Gedanke des Bildungssystems völlig verloren. „Vielmehr wird allein die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Schulabgänger in den Mittelpunkt gerückt.“ Wende orientiere sich mit ihrem Gesetz an den Bildungsverlierern unter den Bundesländern, nämlich Berlin, Brandenburg und Bremen.

„Allein mit einem neuen Schulgesetz ist es nicht getan“, kritisierte der GEW-Landesvorsitzende Matthias Heidn. Die Schüler bräuchten bessere Lernbedingungen und die Lehrer bessere Arbeitsbedingungen. „Dazu zählen zum Beispiel kleinere Klassen, mehr Doppelbesetzungen und eine intensivere Fortbildung für die Lehrkräfte.“ Als positiv lobte er die Regelungen zur Gemeinschaftsschule, die Wege zum Abitur bei den Gymnasien und die Abschaffung abschlussbezogener Klassen an den Gemeinschaftsschulen. So werde die Wiedereinführung von Haupt- und Realschulklassen durch die Hintertür verhindert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen