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Verurteilte Straftäter in SH : Bewährungshelfer: „Wir brauchen mehr Zeit“

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Ein Bewährungshelfer in SH betreut rund 70 verurteilte Straftäter – zu viel, um sich angemessen um jeden Einzelnen zu kümmern.

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 18:17 Uhr

Kiel | Matthias ist am Boden. Buchstäblich. Denn der Mann, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt und  älter aussieht als die 22 Jahre, die er alt ist, hockt nicht nur auf dem Rasen des Schützenparks in Kiel, sondern er sagt es auch: „Ich bin ganz unten.“ Seit Jahren sei er drogenabhängig und schon viele Male straffällig geworden. „Klar hatte ich auch Bewährungshelfer, die haben auch echt was gemacht, aber mein Leben ist trotzdem im Arsch.“ Und mehr will Matthias dann auch nicht mehr erzählen, sondern lieber seinen Hund streicheln.

Nur eine Straße weiter sitzen Marietta Stenken und Arne Hoffmann in ihrem Büro. Die Bewährungshelfer kümmern sich um Menschen wie Matthias. „Wir reden mit denen, mit denen sonst keiner redet“, sagt Hoffmann. Doch zum Reden bleibt den Bewährungshelfern nicht viel Zeit. 65 Stellen gibt es im Land, allerdings betreuten die Bewährungshelfer Ende 2013 genau 4823 Probanden, wie die Verurteilten in der Sprache der Sozialpädagogen heißen – jeder also über 70 Straftäter.

Das Land hat 2013 vier neue Stellen geschaffen, aber der Druck bleibt groß. „Statistisch haben wir 115 Minuten im Monat für einen Probanden. Das reicht vielleicht gerade mal, um die Akte zu lesen“, sagt Stenken. Zu der Arbeit gehöre aber noch viel mehr: Gerichtsprozesse begleiten, unzählige Telefonate, Organisation von Therapieplätzen und Hilfestellungen sowie die Dokumentation. Und wenn man Probanden auf dem Land habe, komme noch die Fahrtzeit dazu. Dazu würden die Probleme der Menschen komplexer. „Und man muss sich eben kümmern, denn wir haben eine Klientel, die eben nicht gewohnt ist, Termine einzuhalten oder gar einen bürgerlichen Lebenswandel zu führen“, sagt Stenken. Sie will ihre Fälle aber nicht abhaken, sondern die Probleme verstehen, die zu der Straftat geführt haben. Dann werde Bewährungshilfe wirklich effektiv. „Das kostet aber Zeit und davon wünsche ich mir mehr. Und klar: Eine intensivere und nachhaltige Betreuung erfordert auch mehr Kapazitäten“, meint die 46-Jährige, die auch Mitglied des Sprecherrats der Landesarbeitsgemeinschaft der Bewährungshelfer ist. Sprich: Mehr Stellen.

Darauf reagiert das Justizministerium überrascht. „Um zusätzliche Stellen für die Bewährungshilfe zu finanzieren, müsste die Gesamtsumme der Fallzahlen der Bewährungshilfe deutlich erhöht werden“, sagt Sprecher Oliver Breuer. Die Erhöhung müsste so hoch sein, dass Abteilungen oder kleine Justizvollzugsanstalten geschlossen werden könnten. Allerdings müssten dort dann auch weitere Stellen eingespart werden. Zudem sei die Zahl der Bewährungsfälle in den vergangenen drei Jahren gesunken, so Breuer. Allerdings ist sie im Vergleich etwa zu 2007 leicht gestiegen. Die Betreuungsquote der Bewährungshilfe bewege sich jedoch im Bundesschnitt, so Breuer weiter.

Die Arbeit sei nur zu bewältigen, weil die Bewährungshelfer ihre Zeit verteilen könnten, sagt hingegen Arne Hoffmann. „Am Anfang investiert man mehr, um den Probanden kennenzulernen und Vertrauen zu schaffen.“ Gegen Ende der Bewährung sei die Betreuung weniger intensiv. Und das spare dem Staat Geld. Wie viel, ist jedoch unklar. „Wir können nur sagen, dass Bewährung ein Bruchteil von einem Haftplatz kostet“, sagt Hoffmann. Und die Rückfallquote sinke, je mehr sich ein Bewährungshelfer in seine Arbeit knien könne.

In der Brust der Bewährungshelfer schlagen zwei Herzen. „Auf der einen Seite freuen wir uns über die besonders sozial pädagogisch tickenden Richter in Schleswig-Holstein, die viele Strafen zur Bewährung aussetzen“, sagt Hoffmann. Auf der anderen Seite müssten die Verurteilten aber auch adäquat betreut werden. Und dabei schauen die Bewährungshelfer oft in Abgründe, die andere Menschen zum Verzweifeln bringen würden. „Manchmal darf ich selbst nicht hören, wie ich rede“, sagt Marietta Stenken, die den Job seit 15 Jahren macht. „Gewalt, Drogen, Sexualdelikte – das gehört für uns zum Alltag.“ Und Arne Hoffmann sagt: „Und weil das bei uns so ist, sagen viele Kollegen halb im Scherz: Wir bekommen kein Gehalt, sondern Schmerzensgeld.“

Bei all dem Leid, das die Bewährungshelfer täglich sehen, geht es oft gar nicht mehr darum, die Probanden voll zu resozialisieren. Der Auftrag lautet offiziell, die Menschen davor zu bewahren, weitere Straftaten zu begehen – aber auch das ist nicht immer möglich. „Wenn einer, der seit 20 Jahren stark drogenabhängig ist, nur noch einmal in der Woche Heroin und sonst ein bisschen Cannabis braucht, dann ist das zwar immer noch illegal, aber wir freuen uns über so einen Fortschritt“, sagt Hoffmann. „Denn auch wenn das in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen wird: So ist die Welt da draußen.“

Da draußen sitzt Matthias. Immer noch. Fraglich, ob er je einen Fortschritt machen wird. Sein Hund liegt mit dem Kopf auf seinem Schoß. Beide sind eingedöst.

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