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Bildungseinrichtungen in freier Trägerschaft : Bessere Bildung kaufen? SH debattiert über Privatschulen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine neue Privatschule in Pinneberg sorgt für Schlagzeilen. „Der Geldbeutel darf nicht über die Zukunft der Kinder entscheiden“, mahnt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB).

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2016 | 12:12 Uhr

Kiel | Egal, ob er auf der Leiter steht und große Schaufensterscheiben abledert oder im Privathaus die Spiegel poliert – Ömir U. hat sein Ziel fest vor Augen. Der Kieler Türke will, dass seine Kinder den Aufstieg schaffen und später einmal studieren können. Deshalb besucht sein Sohn nicht die Grundschule vor Ort mit einem Migrantenanteil von 80 Prozent, sondern eine Privatschule.

Die amtliche Statistik belegt, dass sich Privatschulen in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreuen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es derzeit 5770 Schulen in freier Trägerschaft – ein Plus von fünf Prozent binnen drei Jahren. Jeder elfte Schüler besucht inzwischen keine staatliche Bildungseinrichtung.

Der Trend geht auch am Norden nicht vorbei – obwohl hier das Angebot im bundesweiten Vergleich eher mager ist. Doch jetzt sorgt die Gründung einer neuen Privatschule in Pinneberg für Schlagzeilen. Weil sie monatlich 570 Euro Schulgeld erheben will, ruft das sogar den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) auf den Plan. Dessen Chef Uwe Polkaehn spricht sich eindeutig gegen den weiteren Ausbau nicht öffentlicher Schulen aus. „Alle Schüler sollten die gleichen Bildungschancen erhalten“, meint Polkaehn. Eine Unterscheidung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern sei grundgesetzlich verboten.

Eine große Rolle bei der Wahl einer Freien Schule spielt bei vielen Eltern – auch bei Ömir U. – der Wunsch nach einer individuellen Betreuung für ihr Kind. „Auch ein enger Austausch mit den Lehrern und der Schulleitung, ein motivierendes Lernumfeld und Bildungsangebote über den Unterricht hinaus sind gefragt“, erklärt Dietmar Schlömp, Bundesgeschäftsführer der Privatschulen.

Allerdings ist Ömir U. aus Kiel alles andere als ein Paradebeispiel für ein Elternteil mit Privatschulkind. Wissenschaftler haben nämlich herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit des Privatschulbesuchs für Kinder, deren Eltern Abitur oder zusätzlich einen Hochschulabschluss haben, fast doppelt so hoch ist wie für Kinder, deren Eltern nur den niedrigsten Schulabschluss aufweisen.

Dabei ist nicht das Schulgeld die entscheidende Hürde für den Besuch einer Privatschule, sondern eher die Distanz bildungsferner Familien zu dem dort vorherrschenden Mittelschicht-Milieu. Und in der 2014 veröffentlichten Jakoo-O-Studie wurde ermittelt: Steigt das Jahresbruttoeinkommen der Eltern über 40.000 Euro, nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder eine Privatschule besuchen, um 130 Prozent zu.

Deshalb wohl auch der Protest des DGB. Polkaehn fürchtet, dass sich die ohnehin vorhandenen Ungleichheiten der Bildungschancen weiter verstärken, was insbesondere die Aufstiegschancen der Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern verringert. Der Geldbeutel dürfe nicht über die Zukunft der Kinder und ihre Aufstiegschancen entscheiden. „So eine Bezahlschranke wie in Pinneberg vor einer öffentlich geförderten Bildungseinrichtung darf nicht hingenommen werden“, sagte Polkaehn. Der DGB-Chef weist auf die Praxis der Hamburger Schulbehörde hin, die gegen mehrere Privatschulen vorgegangen ist, weil diese ein zu hohes Schulgeld verlangten. Wegen des Pinneberger Falles solle jetzt auch Kiel aktiv werden.

Dabei gilt längst auch in Schleswig-Holstein eine Höchstgrenze, die mit 235 Euro nur knapp über der Hamburger liegt. Was Polkaehn offenbar nicht weiß: Sie gilt nur für Ersatzschulen, die staatliche Förderung (hierzulande 83 Prozent der Ausgaben) bekommen, nicht jedoch für Internationale Schulen, die als Ergänzungsschulen gelten und keinen Cent vom Land bekommen.

Entsprechend unwirsch fällt auch die Reaktion beim Privatschulverband Nord aus. Dessen Sprecher Christian Schneider rät dem DGB-Chef, ins Grundgesetz zu schauen: „Dort findet er eine klare Absage an das Bildungsmonopol des Staates und ein Bekenntnis zu Wahlfreiheit der Eltern.“ Schleswig-Holstein als Land mit dem geringsten Privatschulanteil überhaupt solle eher Neugründungen befördern, um Anschluss an den Rest der Republik zu halten, statt Gründern Knüppel zwischen die Beine zu werfen, so Schneider.

Wohlbetuchte Eltern in Pinneberg haben längst mit den Füßen abgestimmt: Für die neue Privatschule, die der Hamburger Bildungsträger Wabe derzeit auf dem Areal der früheren Eggerstedt-Kaserne errichtet, liegen bereits 40 feste Anmeldungen für das neue Schuljahr vor. Später sollen einmal bis zu 1100 Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur zwölften Klasse die Schule besuchen und dort ab dem Schuljahr 2020/21 das Internationale Abitur ablegen. Der Träger rechtfertigt die Schulgebühren so: „Wir liegen damit am unteren Ende dessen, was bei internationalen Schulen üblicherweise anfällt“.

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