Interaktive Karte : Ausländer in SH: Der Weg auf den Arbeitsmarkt ist schwer

Irina Terre hat es geschafft: Sie kam aus Russland und kann mittlerweile wieder in ihrem Beruf als Ärztin in Deutschland arbeiten.
Irina Terre hat es geschafft: Sie kam aus Russland und kann mittlerweile wieder in ihrem Beruf als Ärztin in Deutschland arbeiten.

Wie die Rückkehr in den Beruf einer Migrantin in SH gelingt. Eine interaktive Karte zeigt einige Überraschungen.

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03. Dezember 2014, 11:00 Uhr

Kiel | Mit dem „Ü“ steht Irina Terre noch immer auf Kriegsfuß. „Meine Tochter ist jetzt in Lubegg“ erzählt sie. Ansonsten klappt das mit der Sprache tadellos. Der gestelzte Volkshochschul-Satzbau ist längst durch flüssige Umgangssprache ersetzt worden, nur noch ganz selten sucht sie nach passenden Worten. Das war nicht immer so. Als sie 2004 mit Mann, Tochter und Koffern voller Hoffnung nach Deutschland kam, konnte sie sich kaum verständigen. In der russischen Universitätsstadt Archangelsk – dort war sie 22 Jahre als Gynäkologin tätig – hatte sie zwar nach Dienstschluss an einem Sprachkurs teilgenommen. Doch das reichte gerade einmal um im Aufnahmelager Friedland die wichtigsten Anweisungen halbwegs zu verstehen. Mehr aber auch nicht.

Doch damit gab sich Terre nicht zufrieden. Sie lernte. Erst deutsche Vokabeln und Redewendungen, später medizinische Fachausdrücke. Von morgens bis abends: Beim Fensterputzen und Radfahren, im Bus und in der Küche hatte sie die Kopfhörer ihres Walkmans im Ohr, der ihr Begriffe wie Herzinsuffizienz, MRT und Sinuskurve eintrichterte.

Nur so – das wusste sie schnell – hatte sie eine Chance, wieder als Ärztin zu arbeiten. Ihr russischer Facharztabschluss, den sie als 24-Jährige erworben hatte, wurde hier nicht anerkannt. In Russland kann man nach dem Abitur direkt Gynäkologie studieren, in Deutschland ist nicht nur die Schulzeit länger, sondern auch ein grundständiges Medizinstudium Voraussetzung für die Facharztausbildung. Die Ärztekammer in Bad Segeberg sagte damals „njet“, als Terre wegen der Anerkennung ihres Diploms vorstellig wurde.

Rund 400.000 Migranten werden in Deutschland nach Schätzungen von Experten unter ihrer beruflichen Qualifikation eingesetzt, fahren Taxi oder gehen putzen. So wollte Terre nicht enden. Abends ging es zum Deutschkurs in die Volkshochschule, zwischendurch absolvierte sie ein Praktikum am Krankenhaus in Preetz und im Herbst 2006 – zwei Jahre nach ihrer „sprachlosen“ Ankunft in Deutschland – stand sie vor der Prüfungskommission der Ärztekammer in Bad Segeberg. Es wurde abgefragt: „Chirurgie, Innere, Kardiologie, der ganze Kanon“, erinnert sich die zurückhaltende, eher schüchterne Frau. Nie zuvor habe sie solch eine Prüfungsangst gehabt. Unbegründet: Mit Bravour bestand sie die Gleichwertigkeitsprüfung und war wieder Ärztin – nur sechs Migranten schafften dies damals pro Jahr.

Eine schwere Zeit? „Nein“, betont Terre, „nicht schwer, sondern schwierig.“ Sie habe sich durchgebissen, von Mann und Tochter Rückhalt bekommen und einfach Glück gehabt. „Glück“ ist das Wort, das im Gespräch am häufigsten fällt. Glück war es, dass sie nach Schleswig-Holstein kam. Glück hat sie mit Nachbarn, die ihre Deutschfehler geduldig korrigierten. Glücklich ist sie jetzt an jedem Morgen, wenn sie per Auto nach Damp zur Arbeit in der dortigen Reha-Klinik fährt.

Wie geht es anderen Ausländern in Schleswig-Holstein?

In Schleswig-Holstein leben insgesamt rund 150.000 Ausländer. Das entspricht einem Anteil von 5,4%. Sie verteilen sich wiefolgt auf die Kreise:

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Insgesamt leben in Schleswig-Holstein 188 verschiedene Nationalitäten. Die Hauptherkunftsländer der in SH lebenden Ausländer sind:

1. Türkei 29.636 20,56%
2. Polen 16.602 11,53%
3. Dänemark u. Färöer 6886 4,78%
4. Russische Föderation 6404 4,45%
5. Italien 4068 2,82%

Doch längst nicht alle sind im goldenen Westen so schnell auf die Füße gefallen wie Irina Terre. Zwar ist die Erwerbstätigkeit als eigener Aufenthaltszweck im Aufenthaltsgesetz verankert. Damit wird klargestellt, dass der Zugang ausländischer Arbeitnehmer zum deutschen Arbeitsmarkt zu den Eckpfeilern der deutschen Zuwanderungspolitik gehört. Doch niedrige Schulabschlüsse, niedrigeres Qualifikationsniveau und geringere Deutschkenntnisse sind nach Angaben von Sultan Erdogan von der Türkischen Gemeinde in Kiel oft ein Hindernis.

  • 42,4% aller ausländischen Schulabgänger haben in Schleswig-Holstein einen Hauptschulabschluss gemacht.
  • 9,5% der ausländischen Schüler in SH verlassen ohne Abschluss den Bildungsgang. 2011 waren es 8,1% (bundesweit: 9,3%).
  • Berufstätig sind 73,8% der Bürger ohne Migrationshintergrund und 61,7% der Bürger mit Migrationshintergrund.
  • Angewiesen auf öffentliche Transferleistungen in Schleswig-Holstein sind 17,4% der Bevölkerung mit und 7,1% bei Personen ohne Migrationshintergrund.

Was ist der Unterschied zwischen Ausländern und Migranten?

Als Migrant gilt man, wenn man selbst oder Vater/Mutter oder Opa/Oma nach 1945 nach Deutschland gezogen ist. Terre ist also Migrantin, Ausländerin ist sie nicht mehr, seitdem sie einen Deutschen Pass hat.

  • In Schleswig-Holstein haben rund 352.000 Menschen einen Migrationshintergrund.
  • Dies entspricht einem Anteil an der Bevölkerung von 12,4 Prozent (bundesweit 19,2 Prozent).
  • Der Migrationsanteil wird weiter steigen: Heute haben 21 Prozent der unter Dreijährigen im Norden bereits einen Migrationshintergrund.
  • 56% der Ausländer in Schleswig-Holstein leben länger als zehn Jahre in Deutschland – 32% länger als 20 Jahre.

Die Landesregierung erkennt das Potenzial dieser Menschen. „Sie alle können ein wertvoller und bereichernder Teil unserer Arbeitsgesellschaft sein“, so Ministerpräsident Albig. Längst hat man erkannt, dass man dieses Potenzial heben muss. Schafften 2002 nur sechs Mediziner die deutsche Prüfung, waren es im vergangenen Jahr bereits 38. Dem Regierungschef ist klar, dass globale Trends künftig verstärkt auch die Entwicklungen in Schleswig-Holstein beeinflussen. 232 Millionen Menschen, 3,2 Prozent der Weltbevölkerung, lebten im vergangenen Jahr außerhalb des Landes, in dem sie geboren wurden. Rund 90 Prozent sind fortgezogen, um in einem anderen Land zu arbeiten. Nur ein relativ kleiner Teil des weltweiten Wanderungsgeschehens beruht auf Flucht und Vertreibung aus Kriegsgebieten, wie derzeit aus Syrien. Entsprechend ist auch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Schleswig-Holstein mehr als doppelt so hoch wie der der Ausländer.

Was rät Irina Terre anderen Ausländern?

Die Sprache zu lernen und sich anzustrengen wieder in den Beruf zu kommen, das sei eine Selbstverständlichkeit, betonte Terre . „Ich freue mich, wenn meine Vorgesetzten und vor allem meine Patienten mit mir zufrieden sind“, betont die 56-Jährige sie. Bedauert hat sie den Schritt nach Deutschland nie. Hier, in „Lubbegg“, lebt ihre Tochter, die trotz ihres russischen Psychologiediploms in Kiel noch einmal drei Jahre an die Uni musste. Und vor allem lebt hier ihr Schatz, die sechsjährige Enkelin, mit der sie Russisch spricht, „weil ich ihr gutes Deutsch nicht mit meinem Akzent verderben will“. Später wird die kleine Olga russische Klassiker aus Omas Bücherschrank im Original lesen können. Einmal im Jahr fliegt sie in ihre alte Heimat, nach Archangelsk, einer Großstadt 250 Kilometer südlich des Polarkreises. Dies ist die einzige Reminiszenz der Ärztin aus der Taiga an ihr früheres Leben. Ihre neue Heimat ist Deutschland, hier ist sie angekommen und hier ist sie zufrieden.

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