Flüchtlinge in der GS Brachenfeld : Aus der Hölle von Homs in die Turnhalle von Neumünster

Nach langer Flucht endlich ausruhen: Flüchtlinge schlafen in der Turnhalle der Gemeinschaftsschule Brachenfeld in Neumünster.
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Nach langer Flucht endlich ausruhen: Flüchtlinge schlafen in der Turnhalle der Gemeinschaftsschule Brachenfeld in Neumünster.

Die Turnhalle der Gemeinschaftsschule füllt sich mit Menschen. Die Flüchtlinge kommen aus Srien, Eritrea, Afghanistan.

shz.de von
11. Juli 2015, 18:21 Uhr

Sie sind müde und glücklich, auch wenn sie in der Fremde erst einmal in einer Notunterkunft leben müssen. Die Flüchtlinge kommen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, dem Irak und anderen Krisenländern. Auch viele Albaner sind dabei. Nach und nach treffen die Frauen, Männer und Kinder in Neumünster ein. Weil die zwei Erstaufnahme-Einrichtungen in Schleswig-Holstein und Unterkünfte in anderen Ländern übervoll sind, beziehen die Flüchtlinge den Sporthallenkomplex der Gemeinschaftsschule Brachenfeld. Um die 125 waren es bis Samstagnachmittag, bis zu 300 könnten es Sonntagabend sein.

Welcome und Bienvenue steht über dem Eingang. Ein paar Männer sitzen draußen und rauchen, auf dem Hof fahren Kinder Dreirad. Andere Kinder spielen Ball auf dem Sportplatz, Erwachsene Volleyball.

Bewegung und Ablenkung nach der strapaziösen Flucht.
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Bewegung und Ablenkung nach der strapaziösen Flucht.

Sieben bis zehn Tage soll das Provisorium für diese Flüchtlinge herhalten. Für die Schüler, die am Montag bis zur Zeugnisausgabe noch ein paar Projekttage bis zu den Ferien vor sich haben, ist die Sporthalle damit gesperrt.

Schulleiterin Silke Rohwer hat die Schüler vor dem Wochenende auf die unmittelbare Nachbarschaft mit den Flüchtlingen vorbereitet. Zu ihnen gehört Samer Barahmh. Er kommt nach eigenen Angaben aus der syrischen Horrorstadt Homs. Aus Angst vor Tod und Vergewaltigung seiner Frau Rawan (25) floh der 31-Jährige mit seiner kleinen Familie. Töchterchen Lilian ist gerade zehn Monate alt.

Samer al Barahmh aus Homs in Syrien mit seiner Frau Raunh und Tochter Lilian.
Foto: dpa
Samer al Barahmh aus Homs in Syrien mit seiner Frau Raunh und Tochter Lilian.

Der Libanon, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn waren die Stationen vor Deutschland. Zu Fuß, mit Bus und Zug waren sie unterwegs. „Ich bin glücklich“, sagt Barahmh. Der Koch will in Deutschland rasch Arbeit finden und eine Zukunft für die kleine Lilian aufbauen. Und die Notunterkunft?: „No problem“.

Gleich mit fünf Kindern und Ehefrau kam Ibrahim Najjar aus Idlib in Nordwestsyrien. „Very nice“ sei es hier, nur zum Schlafen für die ganz Kleinen ziemlich kalt in der Sporthalle. 300 Feldbetten stehen in dem Komplex, Frauen und Kinder haben einen abgetrennten Bereich.

Piktogramme weisen den Weg durch die provisorische Flüchtlingsunterkunft in Neumünster.
Foto: dpa
Piktogramme weisen den Weg durch die provisorische Flüchtlingsunterkunft in Neumünster.

Obwohl so viele Menschen da sind und Kinder spielen, ist es überall erstaunlich ruhig. In die Warteschlange vor dem Arztzimmer reihen sich alle geduldig ein. Ab und zu holt sich jemand was zu trinken, wie der 23-jährige Adam aus Somalia. Ab und zu kommen Helfer und auch Anwohner vorbei, mit Essen oder Spielzeug. Was mit am meisten fehlt, sind Steckdosen: Sehr viele der Asylbewerber haben ein Smartphone.

Niemand habe damit gerechnet, dass die Zahl der Flüchtlinge in diesen Tagen noch einmal plötzlich so kräftig steigen wird, sagt der Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, Ulf Döhring. Rund 1250 neue Asylbewerber kamen an den ersten zehn Juli-Tagen zur Erstaufnahme nach Neumünster. Zuletzt waren es 130 am Tag, 50 mehr als sonst. Derzeit leben in der offiziellen Erstaufnahme-Unterkunft 1100 Flüchtlinge, 650 ist die reguläre Kapazität. Im nahen Boostedt sind derzeit rund 400, 350 sollen es eigentlich höchstens sein.

Und da sollen die neuen Flüchtlinge schon in einigen Tagen das Turnhallen-Provisorium verlassen können? „Das ist realistisch“, sagt Döhring. Binnen einer Woche würden in Boostedt 100 Plätze mehr geschaffen sein. Bis zu 100 würden in einer freiwerdenden Schulungsstätte der Polizei in Eutin frei und außerdem werden mehr Flüchtlinge an die Kreise weitergegeben, zunächst mehr als 400 aus Boostedt und in der Woche darauf gut 500 aus Neumünster.

Erst am Mittwoch hatte das Innenministerium den Oberbürgermeister Olaf Tauras gebeten, weitere Unterkunftsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Am Freitagabend war der Turnhallenkomplex in dem ruhigen Stadtteil hergerichtet, mit Schlafsälen, Speiseraum und allem, was nötig ist. Eilig wurden 300 Hygienepakete mit Handtüchern, Shampoo und Zahnputzzeug gepackt.

Unser Video zeigt den Aufbau am Freitag.

Ein Arzt und zwei Arzthelferinnen stehen bereit. Auf den Fluren weisen Piktogramme den Weg zu Dusche und Toilette. „Wir helfen den Menschen gerne“, hatte der Oberbürgermeister nach dem Hilferuf des Ministeriums gesagt. Dann folgten schnelle Taten den kurzen Worten. Zweieinhalb Wochen ist es her, dass die Bürgerschaft in Lübeck den Bau einer Erstaufnahme-Einrichtung für 600 Flüchtlinge im Neubaugebiet Bornkamp abgelehnt hat.

In den ersten sechs Monaten des Jahres hat Schleswig-Holstein 7300 neue Flüchtlinge aufgenommen und damit fast so viele wie im ganzen vergangenen Jahr (7600) und weit mehr als im ersten Halbjahr 2014 (2500). Bis zu 20000 könnten es 2015 werden, erwartet die Regierung, die dafür die Mittel auch schon kräftig aufgestockt hat. Ein großes Problem ist der Kapazitätsmangel für die Erstaufnahme.

Erst im Herbst nächsten Jahres wird es neue reguläre Unterkünfte für je 600 Menschen in Kiel und Flensburg geben, zur Überbrückung öffnen Provisorien in diesem September in Kiel und im Oktober in Eggebek. Wann eine gleich große Einrichtung in Lübeck dazu kommt, ist offen.

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