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Ex-Innenminister von Schleswig-Holstein : Andreas Breitner: Die ganze Wahrheit über seinen Rücktritt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im September 2014 trat Andreas Breitner (SPD) als Innenminister in Schleswig- Holstein zurück – ein Paukenschlag. Ab Mai arbeitet er für die Wohnungswirtschaft. Ist dieser Wechsel für Sie in Ordnung, Herr Breitner?

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2015 | 07:00 Uhr

Kiel/Rendsburg | Einfach mal nichts tun. Andreas Breitner hat Pause gemacht. Er hat es genossen, Ruhe zu haben und Zeit, Zeit für die Familie und für seine Freunde. Endlich einmal „eine berechenbare Größe“ im familiären Alltag zu sein, das ist ihm wichtig. „Früher“, sagt ein ehemaliger Kollege aus Rendsburger SPD-Anfängen, „da war ihm das egal. Frau und Kinder? Völlig wurscht, die Arbeit ging vor. Der hat sich ganz schön verändert, seitdem er selbst Vater ist.“

Breitner verändert sich ständig – jedenfalls beruflich: vom Kripobeamten zum Bürgermeister zum Innenminister. Demnächst wird er Verbandsdirektor der norddeutschen Wohnungsunternehmen sein. Nicht nur Freunde hat er sich mit diesen Veränderungen gemacht. „Erst sagt er, dass er niemals nach Kiel gehen will, dann macht er doch den Abflug und als Innenminister schmeißt er hin, weil ein besseres Angebot aus der Wirtschaft kommt; wundert mich nicht“, empört sich ein enttäuschter Rendsburger Wähler. „Politiker. Hauptsache, das eigene Mäntelchen ist schön warm.“

Äußerlich hat sich der Mann, der das Café betritt, seit September 2014 nicht verändert: schlank, schlaksig, die kurzen, dunklen Haare etwas angegraut, neugierige braune Augen; irgendwie ein großer Junge. Wenn er seine Geschichte erzählt, klingt sie anders, nachvollziehbar. Die Vorwürfe nach seinem Abgang als Bürgermeister und als Minister kennt er. Sie verletzen ihn nicht, er kann sie zum Teil verstehen – „Jeder darf denken, sagen und schreiben, was er meint und möchte“. Allerdings: „Ich habe kein öffentliches Amt mehr und muss mich daher nicht mehr für mein Handeln rechtfertigen. Ein sehr angenehmer Zustand.“

In seinem eigenen Leben will Breitner selbst den Ton angeben und Stillstand kommt für ihn dabei kaum infrage. Dass ausgerechnet der Posten als Innenminister von Schleswig-Holstein ihn nicht selbstbestimmt leben und weder politisch, noch gesellschaftlich frei gestalten ließ, traf den diplomierten Verwaltungswirt überraschend – hatte er doch drei Jahre als Referent für Amtsvorgänger Klaus Buß gearbeitet. Er kannte sich aus im Geschäft. Und doch, was nach dem Amtsantritt kam „das habe ich so nicht erwartet“, räumt der 48-Jährige rückblickend ein. „In allem, was ein Minister tut, ist er abhängig von Absprachen, von vorgegebenen Terminen und Rahmenbedingungen. Inhaltlich arbeitet man auf einer abstrakten Gesetzgebungsebene.“

Ständig unterwegs, selten einverstanden mit seinen beruflichen Möglichkeiten und für die Familie ein Totalausfall, war der Landespolitiker Breitner privat wie beruflich bald unzufrieden und galt in Kiel dennoch als Leistungsträger, ein Sympath, auf dem viele Hoffnungen ruhten. „Ich hätte bis zum Ende gemacht.“ Das sei keine Frage. Die Regierung von Ministerpräsident Torsten Albig war mit anderen schwierigen Personalien genügend beschäftigt. Aber: „Nach fünf Jahren wäre Schluss gewesen, so oder so“ – als Minister, mit der Politik, überhaupt mit allen beruflichen Aufgaben, die nach außen hin machtvoll, tatsächlich aber in hohem Maße fremdbestimmt sind. „Mein Glück: Ich hatte jetzt, eine Alternative. Was 2017 gewesen wäre, weiß niemand.“

Der Anruf kam aus der Wohnungswirtschaft: Ob er 2015 den Posten des Verbandsdirektors übernehmen wolle? Breitner war hin- und hergerissen. Er kannte die Akteure aus dem Verband der Wohnungswirtschaft (VNW) und wusste, welche Herausforderungen, welche Chancen und Möglichkeiten ihn als Verbandschef erwarten. Als früherer Aufsichtsratsvorsitzender einer Rendsburger Baugenossenschaft, als Innenminister und als langjähriges Mitglied der Projektgruppe „Lebensqualität für Städte und Gemeinden“ im SPD-Vorstand ist die Entwicklung modernen Lebensraumes sein ständiges Thema. Sie ist ja Rahmenbedingung für soziales Miteinander. Und die regelmäßigen Arbeitszeiten im Verband versprechen Raum für Familie, trotz der täglichen Fahrten nach Hamburg. Doch als Minister trug er Regierungsverantwortung – wobei: „Ich bin nicht gewählt worden und stand zur Landtagswahl auf keinem Wahlzettel“, gibt Breitner zu bedenken.

In der Regierung sah er sich ersetzbar. Im eigenen Leben und in dem seiner Frau und seiner Kinder ist er es nicht. Die Entscheidung fällt für die Wohnungswirtschaft. Sie fällt schnell, denn einmal getroffen, „wollte ich nicht länger damit schwanger laufen“. Als kommender Verbandsdirektor hätte der Innenminister Breitner der Wohnungswirtschaft gegenüber ohnehin nicht den notwendigen professionellen Abstand wahren können.

Am 24. September 2014 wählte der Verband seinen neuen Direktor. Einen Tag später trat Breitner zurück – ein Paukenschlag, für den er Prügel einsteckte, von Medien und Wählern, von enttäuschten Parteigenossen. Ministerpräsident Torsten Albig, den er in einem persönlichen Gespräch kurzfristig vor vollendete Tatsachen stellte, konnte seine Enttäuschung vor laufenden Kameras nur schwer verbergen. Ob er nicht jedenfalls den Ministerpräsidenten hätte früher einweihen können? Breitner hält kurz inne, die Augen für einen Moment in sich selbst gekehrt. „In der Politik ist jeder Zeitpunkt falsch und es geht oft nur noch um die Frage: ,Wer hat wann was gewusst‘. Ich wollte meine Entscheidung so lange für mich behalten, bis es kein Zurück mehr gab. Das war der Tag meiner Wahl auf dem Verbandstag des VNW in Lübeck. Diesen Termin hatte nicht ich, sondern mein neuer Arbeitgeber festgelegt.“

Und jetzt hat Andreas Breitner, der ehemalige Kriminalbeamte, spätere Bürgermeister, noch spätere Innenminister frei. Wenn er sich verabredet, fragt er seine Frau, ob er das gemeinsame Auto nehmen kann. Er fährt Kinder zur Schule, macht den Abwasch und was ein Hausmann eben sonst so tut. Wie er sich dabei fühlt? „Gut“, sagt er und sein Lächeln ist offen und fröhlich. Er hat die „Zeit dazwischen“ genossen, jene einmalige Spanne zwischen einer erfolgreichen Vergangenheit – „Ich war neun Jahre Bürgermeister in Rendsburg und kann Ihnen wohl zu jedem zweiten Haus hier eine Geschichte erzählen“ – und dem Blick auf künftige Perspektiven, auf „eine soziale Wohnungswirtschaft mit Unternehmen, die sich um ihre Bestände, Mitglieder und Mieter kümmern“.

Wird er je wieder in die Politik gehen? „Ich kann es mir im Moment nicht vorstellen.“ Und was hält er von einer Karenzzeit für Seitenwechsler? „Ich halte es in meinem Fall für unproblematisch, sofort und direkt den Beruf zu wechseln. Der VNW ist nicht an meinen Kontakten – die haben die Wohnungsunternehmen in unserem kleinen Land schon selbst – interessiert, sondern an meiner Kontaktfähigkeit. Das hat wenig bis gar nichts mit meinem letzten Amt zu tun. Mehr mit meiner Person. In anders gelagerten Fällen mag eine Karenzzeit Sinn machen.“

Im Mai beginnt Andreas Breitner seine Tätigkeit für den VNW. Voraussichtlich im Juli wird er Verbandsdirektor sein. Ein Job für die kommenden Jahrzehnte? „Es sieht so aus. Alle, die einmal in der Wohnungswirtschaft gelandet sind, bleiben in der Regel“, sagt der künftige Chef. „Und das hat seine Gründe. Ich bin jetzt erst einmal sehr auf meine eigenen Erfahrungen gespannt und brenne für meine neue Aufgabe.“

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