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Keine Geschenke zu Weihnachten : Altersarmut: Viele Senioren in SH in der Schuldenfalle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rund 280.000 Schleswig-Holsteiner sind überschuldet. Mancher rutscht durch den Druck zu schenken noch mehr in die Miesen.

Kiel | „Zwar zieht sich das Problem durchs ganze Jahr – aber gerade vor Weihnachten wird der Druck besonders groß. Das Risiko sich zu überschulden, ist nie so hoch wie im Advent.“ Die Frau, die davor warnt, kennt sich bei dem Thema aus wie kaum jemand sonst: Alis Rohlf ist Leiterin der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung Schleswig-Holstein in Rendsburg, der Dach-Organisation von 35 Schuldnerberatungsstellen verschiedener Träger im nördlichsten Bundesland.

Als Indikator, wie stark die Altersarmut wächst, nennt der Sozialverband Deutschland die Zahl derer, die Grundsicherung beantragen. Pi mal Daumen hat darauf jemand Anspruch, der durch seine Rente nur rund 700 Euro monatlich zum Leben hat. 19.600 Schleswig-Holsteiner über 64 beziehen laut Statistikamt Nord Grundsicherung. 29 Prozent mehr als 2009.

Mehr als 26.000 Menschen befinden sich dort in einer längerfristigen, oft mehrjährigen Betreuung. Eine stagnierend hohe Nachfrage. Und doch machen sie nur ein Teil der Betroffenen aus: Der Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform verzeichnet in diesem Jahr für Schleswig-Holstein eine Schuldnerquote von 10,77 Prozent. Der durchschnittliche Schuldenstand beträgt stattliche 34.000 Euro.

Als überschuldet gilt, wer seine Zahlungspflichten nicht mehr fristgerecht bedienen kann. Wenn demnach mehr als jeder Zehnte zwischen Nord- und Ostsee überschuldet ist, macht das rund 280.000 Betroffene. Darunter mit zunehmender Tendenz alte Menschen. Bei den über 70-Jährigen nahm die Fallzahl in den letzten zwei Jahren laut Schuldneratlas um 35,4 Prozent zu, bei den 60- bis 69-Jährigen um 12,4 Prozent.

Das spiegelt sich auch in den Beratungsstellen wider, und gerade vor den Feiertagen sieht Rohlf die Senioren extrem unter Zugzwang: „Auch wer eigentlich kein Geld für Geschenke hat, möchte unterm Weihnachtsbaum leuchtende Augen der Enkel sehen.“ Und neige umso leichter dazu, doch Präsente zu kaufen. Zunehmend online, weil man da nicht immer vor dem Versand bezahlen muss oder Ratenzahlung angeboten wird. „Viele lassen sich leicht überzeugen, dass sie kleine Beträge abstottern können“, beobachtet die Expertin.

Doch sie weiß auch: „Wenn dann irgendwas Unvorhergesehenes an Zahlungsverpflichtungen kommt, etwa größere Reparaturen oder Ausgaben für Gesundheit, bricht alles zusammen.“ Gerade in dieser Jahreszeit muss es noch nicht mal Unvorhersehbares sein. Es kann sich auch nur um verdrängte handeln – wie alle möglichen Versicherungs-Jahresbeiträge, die meist im Januar fällig werden.

Guido Bauer, Sprecher des Sozialverbands Deutschland (SoVD) in Schleswig-Holstein, bezeichnet den Advent ebenfalls als besonders bitteren Jahresabschnitt für arme Senioren. „Die sparen sich für die Enkel Geschenke regelrecht vom Munde ab und sind in ihrer eigenen Lebensqualität noch weiter eingeschränkt als ohnehin schon. Das ist ein unhaltbarer Zustand.“

Der offenbar vergleichsweise selten daran liegt, dass die Betroffenen früher über ihre Verhältnisse gelebt haben. „Immer mehr Menschen haben überhaupt keine Chance, Rücklagen zu bilden“, stellt Beraterin Rohlf fest. „Die Hauptursache für Schulden ist nicht der Kauf auf Pump, sondern Einkommensarmut.“

Dahinter stecken neben Arbeitslosigkeit prekäre, oft nur befristete, Arbeitsverhältnisse, die trotz einer Berufstätigkeit zum Aufstocken per Hartz IV zwingen. Hat jemand im erwerbsfähigen Alter entsprechend geringe Rentenansprüche erworben, setzt sich die Misere im letzten Lebensabschnitt fort. Außerdem fällt Rohlf auf, dass etwa Erwerbsminderungsrenten gesenkt worden sind, schon niedrigere Renten als früher besteuert werden und für medizinische Leistungen mehr und mehr aus der eigenen Tasche gezahlt werden muss – was überdurchschnittlich kranke, alte Menschen eher trifft.

Christian Schultz, Referent für Sozialpolitik beim SoVD, schätzt, dass nur die Hälfte der Berechtigten überhaupt bei ihrer Kommune einen Antrag auf Grundsicherung stellt: „Viele schämen sich. Gerade haben wir eine neue Broschüre aufgelegt, um die Grundsicherung bekannter zu machen und Berührungsängste abzubauen.“ „Darin stellen wir auch klar, dass sich das Sozialamt die Grundsicherung nicht bei den Kindern wiederholt, wie es ja teilweise bei Pflegekosten der Fall ist.“ Rohlf bestätigt, dass gerade überschuldete Senioren einen Anstoß brauchen, sich helfen zu lassen. Viele scheuten sich davor aus falschem Stolz. „Es ist ein Personenkreis, der besonders lange versucht, allein zurecht zu kommen.“

 

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erstellt am 12.Dez.2015 | 18:40 Uhr

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