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Umstrittenes Buch : Als Helmut Kohl in Kiel keinen Kuchen bekam

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die „Kohl-Protokolle“ zeigen: SH-Ministerpräsident Stoltenberg hatte in den 70ern bei Helmut Kohl keine guten Karten.

Als leidenschaftlicher Esser ist Altkanzler Helmut Kohl bekannt. Wie ungehalten und ungeduldig er werden konnte, wenn er darben musste, aber auch wie schlecht sein Verhältnis zum inzwischen verstorbenen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg war, illustriert eine Begebenheit aus den 70er-Jahren bei einem Besuch Kohls in der Kieler Staatskanzlei. Heribert Schwan und Tilman Jens schildern sie neben vielen anderen in ihrem gestern erschienenen Buch „Vermächtnis – die Kohl-Protokolle“.

Kohl war damals noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, aber schon CDU-Bundeschef. An die Visite bei seinem Parteifreund Stoltenberg in Schleswig-Holstein erinnert er sich im Gespräch mit Buchautor Schwan so: „Ich saß bei ihm im Landeshaus an der Förde, und er machte überhaupt keine Anstalten, Kaffee oder Ähnliches anzubieten.“ Für Kohl kein Wunder: „Stoltenberg war berühmt, wenn nicht berüchtigt für seinen Geiz.“

Also handelt Kohl kurzerhand selbst: Als Stoltenberg zwischendurch in den Landtag muss und ihn mit seinen Sekretärinnen – „zwei ganz reizende Damen, eher verschüchtert“ – zurücklässt, veranlasst Kohl das Nötige: „Ich legte mein Portemonnaie auf den Tisch und fragte, ob nicht jemand einen großen Zwetschgenkuchen kaufen und einen schönen Kaffee kochen könnte. Ich gab der Dame mein Portemonnaie, so wie ich das immer in meinem Büro gemacht habe.“ Diese vertrauensbildende Methode habe „sich bewährt – vor allem bei Frauen“, rühmt sich Kohl.

Als Stoltenberg zurückkehrt, erwarten ihn Berge von Kuchen. „Stoltenberg fragte: Wieso?“, berichtet Kohl. „Ich sagte: Weil ich das bestellt habe und nicht einsehe, hier zu sitzen ohne Kuchen.“ Dann gibt die Sekretärin die Brieftasche an Kohl zurück – und Stoltenberg erstarrt: „Wenn ich in diesem Moment den beiden Damen unter den Rock gelangt oder die Brüste betastet hätte, hätte er nicht so bestürzt sein können wie bei der Tatsache, dass ich seinen Sekretärinnen mein Portemonnaie gegeben habe“, freut sich Kohl ziemlich anzüglich. „Das ging nicht in seinen Kopf.“

Auch sonst wird in dem Buch klar, dass der Altkanzler seinen Parteifreund selbst dann nicht lieber mochte, als der sein Finanz- und später Verteidigungsminister wurde. Zwar habe Stoltenberg „seine Arbeit gut gemacht“, räumt Kohl ein. Doch sei der „immer dubios“ gewesen, da er sich „für den Besseren“ gehalten habe. Die Konfrontation wagte Stoltenberg dennoch nicht, stellt Kohl fest: „Er kam nie aus dem Loch raus.“ Auch als eine Gruppe um Baden-Württembergs Regierungschef Lothar Späth Kohl 1989 stürzen wollte, sei Stoltenberg „hinterfotzig, aber nicht mutig“ gewesen, lästert Kohl: „Er war immer feige, in protestantischer Weise feige und falsch.“

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erstellt am 08.Okt.2014 | 14:55 Uhr

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