Neuer Beruf im Rettungswesen : Ärzte warnen vor dem Notfallsanitäter

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Für Patienten stellt sich die Frage, ob wichtige medizinische Entscheidungen künftig nicht mehr vom Notarzt, sondern vom Notfallsanitäter getroffen werden.

Besser ausgebildete Rettungswagen-Besatzungen sollen die Ärzte an Unfallstellen entlasten – nicht nur die Befugnisse sind in Schleswig-Holstein umstritten.

shz.de von
24. Juni 2014, 06:53 Uhr

Kiel | Im Rettungswesen gibt es einen neuen Beruf: Den Notfallsanitäter. Er wird länger ausgebildet und hat mehr medizinische Befugnisse als sein Vorgänger, der Rettungsassistent. In Schleswig-Holstein sorgt das für eine heftige Diskussion. Krankenkassen warnen vor einer Kostenexplosion, Mediziner vor dem „Notarzt-light.“

Menschen sollen in Notfällen besser versorgt werden – besonders in ländlichen Regionen. Mit dieser Idee hat die Bundesregierung 2013 das Notfallsanitätergesetz auf den Weg gebracht, Anfang des Jahres ist es in Kraft getreten.

Doch wird die Erstversorgung damit wirklich verbessert? In Schleswig-Holstein trifft der Rettungswagen häufig zuerst am Einsatzort ein, da es nicht in jeder Rettungswache einen Notarzt gibt. Laut Gesetz müssen die neuen Notfallsanitäter die Lage einschätzen – und sind verpflichtet, invasive Maßnahmen vorzunehmen, die bisher nur ausgebildeten Ärzten erlaubt waren.

Für Patienten stellt sich die Frage, ob wichtige medizinische Entscheidungen künftig nicht mehr vom Notarzt, sondern vom Notfallsanitäter getroffen werden. Jan-Thorsten Gräsner, Ärztlicher Leiter der Notfallmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, sagt: „Das könnte der Fall sein, diese Sorge kann man nicht vom Tisch wischen.“

Bisher durften Rettungsassistenten nur in lebensbedrohlichen Fällen „ärztlich“ tätig werden. Es ist ihnen zum Beispiel erlaubt, einem durch Unterzuckerung bereits ohnmächtigen Diabetiker eine Infusion zu legen. „Notkompetenz“ heißt das. Verboten hingegen ist es, einem Patienten mit Bruch, der vor Schmerzen schreit, Schmerzmittel zu verabreichen. Er schwebt ja nicht unmittelbar in Lebensgefahr.

Jan-Thorsten Gräsner erklärt: „Künftig wird die Notkompetenz fast zur Regelkompetenz.“ Die Bundesärztekammer zeigte sich von diesem „Notarzt light“ nicht angetan, warnt vor einer „viel zu weitgehenden Freigabe“ ärztlicher Maßnahmen. Dies führe zu einer Überforderung der Berufsgruppe. Selbst die künftig dreijährige Ausbildung bereite nicht annähernd auf die Beherrschung möglicher Komplikationen vor. Ihr Fazit: „Es ist eine Verschlechterung der notfallmedizinischen Versorgung und eine Verminderung der Patientensicherheit zu befürchten.“

Notfallmediziner Gräsner teilt diese pessimistische Sicht nicht. Er sitzt in den Fachgremien, die für Schleswig-Holstein die Umsetzung des Gesetzes festklopfen. Der Bund hat keinen Regelkompetenz-Katalog für die neuen Notfallsanitäter erstellt, das ist Aufgabe der Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes in den Kreisen und Städten. „Daran arbeiten wir und wägen sehr sorgfältig ab, was in der neuen Ausbildung erlernt und beherrscht werden kann“, erklärt Gräsner. Ganz sicher nicht dazu gehören werde die Erlaubnis, einen Patienten zu intubieren. Aber es werde etwa eine beschränkte Liste von Schmerzmitteln geben, die verabreicht werden dürfen.

„Wir Notärzte freuen uns darauf, bald mit noch kompetenteren Kollegen arbeiten zu dürfen“, betont Gräsner. Es gehe auch nicht darum, den Notarzt zu ersetzen, sondern ihn zu entlasten. „So steht er für schwere Einsätze schneller zur Verfügung.“

Geld gespart wird durch das neue Modell übrigens nicht. Rettungsassistenten mussten in ihrer zweijährigen Ausbildung den schulischen Teil oft selbst bezahlen. Notfallmediziner Gräsner: „Jetzt gibt es einen echten Ausbildungsberuf, an dem die Schüler vom ersten Tag an Geld verdienen, obwohl sie noch nicht auf dem Rettungswagen arbeiten.“

Tragen sollen die Mehrkosten von Ausbildung und Umschulung laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen, was für starken Unmut sorgt. „Allein für Schleswig-Holstein sind es 15 Millionen Euro“, sagt Armin Tank, Leiter des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) in Schleswig-Holstein. „Da wir an das Prinzip des Wirtschaftlichkeitsgebots gebunden sind, werden wir darum kämpfen, hier zu deckeln.“ Das Land sieht dafür keine Chance. Christian Kohl, Sprecher im Kieler Gesundheitsministerium: „Wir setzen Bundesrecht um, Entscheidungsspielräume bestehen nicht.“

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