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25 Jahre nach dem Mauerfall : 9. November: Björn Engholm feiert ein Doppeljubiläum

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Geburtstag und Mauerfall: Für Björn Engholm fällt beides auf einen Tag. Der Ex-Ministerpräsident von SH über den rührendsten Moment seines Lebens.

Lübeck | Plötzlich riecht es anders in Lübeck. Björn Engholm kommt mit Freunden aus einem Lokal, in dem die Runde den 50. Geburtstag des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten gefeiert hat. „Die ersten 20, 30 Trabis waren eingetroffen“, erinnert sich Engholm an den 9. November 1989. Die Mauer war gefallen. „Die Leute waren völlig perplex, dass ich da stand und ich war perplex, dass sie da standen - das war einer der rührendsten Momente in meinem Leben.“ 25 Jahre später hat Engholm wieder doppelten Grund zum Feiern: Seinen 75. Geburtstag und 25 Jahre Mauerfall. „Man fühlt die Jahre auf dem Buckel; mir geht es im Großen und Ganzen altersentsprechend“, sagt der Mann, der von 1988 bis 1993 in Kiel Regierungschef war sowie von 1991 bis 1993 SPD-Vorsitzender und damit designierter Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 1994.

„Meine subjektive Selbstwahrnehmung ist, dass ich im Kopf keine 75 bin, aber in den Knochen lassen sich die 75 nicht leugnen“, sagt Engholm. „Man übt sich ein bisschen in Bescheidenheit, dankt seinem Schöpfer dafür, dass man so alt geworden ist und hofft auf noch ein paar Jahre dazu.“ Anfang der 90-er Jahre war Engholm der Hoffnungsträger der SPD: Smart, kunstsinnig, mit wohlklingender Stimme ausgestattet und wählbar auch für bürgerliche Wähler. 1993 dann der tiefe Fall: Engholm musste eingestehen, dass er 1987 früher als immer behauptet Hintergründe des verhängnisvollen Barschel/Pfeiffer-Skandals kannte.

Der umtriebige Referent Reiner Pfeiffer war aus der Staatskanzlei von CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel heraus im Landtagswahlkampf über Engholm hergezogen: Er ließ ihn von Detektiven bespitzeln, lancierte eine anonyme Steueranzeige gegen ihn und setzte ihn per Telefon Aids-Verdacht aus. Engholm behauptete damals wahrheitswidrig, er habe davon vor der Wahl im September 1987 nichts gewusst. Ein völlig ahnungsloses Opfer wollte er gewesen sein. Kurz vor der Wahl machte der „Spiegel“ das unerhörte „Waterkantgate“ publik. Wenige Wochen später starb Barschel unter bis heute ungeklärten Umständen im Genfer Hotel „Beau Rivage“. Im Zuge des Skandals gewann Engholm mit der SPD die vorgezogene Landtagswahl 1988 mit absoluter Mehrheit. Nachdem 1993 plötzlich seltsame Facetten des 87-er Skandals hochgekocht waren, gab Engholm zu, dass er schon vor der Wahl im Bilde war über Pfeiffer. Der hatte einen Engholm-Vertrauten eingeweiht. Engholm gab alle Ämter auf; die Bundes-SPD stürzte in eine Führungskrise, die Landespartei in eine tiefe Vertrauenskrise.

Letzteres lag im Wesentlichen auch an diesem schillernden Kapitel: Pfeiffers Ex-Geliebte plauderte aus, dass der frühere SPD-Landeschef Günther Jansen dem Strippenzieher 1988 und 1989 umgerechnet jeweils mindestens 10.000 Euro zustecken lassen hatte. Jansen nannte Mitleid als Motiv, weil Pfeiffer nach der 87-er Affäre keine neue Chance bekam. Da Jansen das Geld in einer Schublade gesammelt haben will, hieß das Ganze „Schubladen-Affäre“. Nach Engholms Rücktritt wurde Heide Simonis Deutschlands erste Ministerpräsidentin, Engholm blieb bis November 1994 einfacher Abgeordneter. Sein Rückblick heute? „Die Geschichte als solche ist abgehakt“, sagt Engholm. Sie berührt und ärgert ihn dann wieder, wenn Menschen seinen Namen reflexartig mit Barschel verknüpfen und nicht mit seinen Leistungen. Ostseekooperation, Hochschulgesetzgebung oder Berufsbildungsreform, hebt Engholm hervor. Er war 1981/82 Bundesbildungsminister.

„Im Kopf liegt das relativ weit in der Vergangenheit“, sagt Engholm über seine Zeit als Spitzenpolitiker. „Das sind alles recht gut verarbeitete Kapitel in meiner Vita, mit denen ich ordentlich leben kann - manche machen Spaß im Rückblick und manche weniger.“ Aktiv ist Engholm weiter, auch wenn er einige Ehrenämter abgab. Um die zehn hat er noch. Von Kirche über Soziales bis zur Kultur reicht das Spektrum. Ein politischer Mensch ist Engholm natürlich geblieben. Die SPD braucht aus seiner Sicht mehr Kompetenz in der Wirtschaftspolitik. Sie müsse links wieder zugewinnen und dürfe nicht einfach eine Mitte-Partei wie andere auch werden. „Aber sie muss in der Mitte beheimatet sein, die Themen der Mitte kennen und auch auf die Probleme des Mittelstandes überzeugende Zukunftsantworten geben.“

Die Arbeit der Landesregierung aus SPD, Grünen und SSW nennt Engholm insgesamt gut. Ministerpräsident Torsten Albig sei ein guter Interessenvertreter und Repräsentant des Landes nach außen. „Manchmal wünsche ich mir, dass er etwas entschiedener politisch durchgreift, mehr die eigene Duftmarke setzt“, sagt Engholm. „Aber vom Ansehen her gibt es zurzeit keinen, von dem ich glaubte, er könnte es besser.“

Seinen 75. Geburtstag feiert Engholm in Wien, wo seine Tochter eine Galerie führt. Armin Mueller-Stahl und andere Prominente werden dabei sein, vielleicht auch Österreichs Bundespräsident. Für gute alte Freunde aus Kultur, Kirche und Partei wird Engholm auch in Lübeck eine Runde ausrichten - diesmal wohl ohne Trabi-Überraschung.

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erstellt am 03.Nov.2014 | 07:31 Uhr

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