SH nach dem 2. Weltkrieg : 75 Jahre Landeshauptstadt: So befreite sich Kiel von den Trümmern

Avatar_shz von 15. August 2021, 00:03 Uhr

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Fast nur die Ufersäume der Förde verdeutlichen der Nachwelt: Das Bild zeigt tatsächlich Kiel. So sieht es aus, als die zu 80 Prozent zerbombte Stadt 1946 Sitz von Regierung und Parlament des Bundeslandes Schleswig-Holstein wird. Blick vom Kleinen Kuhberg über die Innenstadt Richtung Osten.
Fast nur die Ufersäume der Förde verdeutlichen der Nachwelt: Das Bild zeigt tatsächlich Kiel. So sieht es aus, als die zu 80 Prozent zerbombte Stadt 1946 Sitz von Regierung und Parlament des Bundeslandes Schleswig-Holstein wird. Blick vom Kleinen Kuhberg über die Innenstadt Richtung Osten.

Ausgebombtes Kiel im Jahre 1946: Fünf Millionen Kubikmeter Trümmer und Schutt liegen an der Förde. Es wird sechs Jahre dauern, bis Schleswig-Holsteins neue Landeshauptstadt von den Trümmern des Krieges geräumt ist.

Kiel | Vor 75 Jahren schlug die Geburtsstunde Schleswig-Holsteins als Bundesland: Die britische Besatzungsmacht löste die einstige preußische Provinz im August 1946 auf, bereits im Juni des Jahres beschloss der Landtag eine vorläufige Verfassung. Eine Serie zeichnet die ersten Gehversuche im Norden auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs nach. Trotz akuter Einsturzgefahr von 98 Gebäuden mit 2254 Wohnungen: Selbst darin leben auch ein knappes Jahr nach Ende des Krieges im Frühjahr 1946 Menschen in Kiel. Es mangelt schlicht an Alternativen. Schleswig-Holsteins werdende Landeshauptstadt zählt zu den am stärksten zerbombten Städten Deutschlands überhaupt. Nur 20 Prozent der Gebäude sind unversehrt – Quittung der gegnerischen Briten dafür, dass Kiel als Reichskriegshafen und Rüstungsschmiede ein Motor nationalsozialistischer Weltherrschaftspläne gewesen ist. Regen und Frost haben die Standfähigkeit der Ruinen zusätzlich beeinträchtigt. Bei Sturm kommt es wiederholt zu Unglücken, weil sich Bauteile losreißen. Fünf Millionen Kubikmeter Schutt Riesige Schuttberge türmen sich zunächst zwischen den Straßen und Plätzen von Schleswig-Holsteins größter Stadt auf. Ein Bericht des örtlichen Bauaufsichtsamts vom November 1946 zeigt, wie mühsam die Räumung vonstatten geht: Erst 400.000 Kubikmeter sind da geräumt. Ohne Freiwillige, auch und gerade an den Wochenenden, wäre es nur ein Bruchteil davon gewesen. Gewerbliche Räumdienste mit schwerem Gerät sind auch dabei, können aber nur ein begrenztes Arbeitskräfte-Reservoir aufbieten. Mehr einzustellen, brächte nichts. Denn die öffentliche Hand hat bei weitem nicht das Geld, um alle Räumaufträge zu vergüten. Während die Stadt beim Einsatz gewerblicher Kräfte mit 8,50 Mark je Kubikmeter Schutt kalkuliert, sind es bei einem Freiwilligen-Einsatz nur drei Mark. Denn bei der zweiten Variante gilt es lediglich Arbeitsgeräte und Fahrzeuge zu finanzieren. Priorität im Chaos genießt, dass Dächer übergangsweise wetterfest gemacht werden, Kanalisation und Stromleitungen freigelegt oder repariert, Straßen passierbar werden. Bei den öffentlichen Bauten stehen Krankenhäuser und Schulen im Vordergrund. Das Fundament unseres Neuaufbaues ist der Geist des Friedens und der Geist unbeugsamer Selbstbehauptung. „Generalbebauungsplan“ prägt das zukünftige Stadtbild Am 29. Mai 1946 beschließt die Ratsversammlung einen „Generalbebauungsplan“. Er stellt die Weichen für das bis heute bestehende Gepräge der Landeshauptstadt. Zum Beispiel entstehen dadurch in der Innenstadt die großen Durchgangsstraßenzüge. Und bei aller Not des Augenblicks legt der Plan vorausschauend ein Netz von Grüngürteln fest, das die früher fast lückenlose Bebauung durchbricht. Soweit irgend möglich, werden Teile des Schutts wiederverwertet. Eine eigens errichtete Trümmeraufbereitungsanlage hilft dabei. Von 1946 geborgenen 20 Millionen Ziegelsteinen gelingt es, Dreiviertel für den Wiederaufbau verfügbar zu machen. Bei Eisenteilen klappt das nur bei knapp der Hälfte. Mit dem, was nicht mehr brauchbar ist, wird Gelände aufgeschüttet. So entsteht zum Beispiel der Untergrund für die Straße, über die der Autoverkehr entlang der Förde am Ostrand der Innenstadt vorbeifließt, etwa in Höhe des NDR-Landesfunkhauses. Lübeck und Neumünster ebenfalls zerbombt Größere geräumte Flächen werden übergangsweise mit Baumsetzlingen begrünt. Dass dies der Tristesse entgegenwirkt, ist ein Begleiteffekt. Es geht vor allem darum, Erosion durch Wind zu vermeiden. Denn angesichts von Material- und Geldmangel kann es dauern, bis Neubauten entstehen. Zumal Druck, für neue Behausungen zu sorgen, auch anderswo besteht: Lübeck ist ebenfalls stark zerbombt, Neumünster hat auch viel abbekommen. Dort sind 1946 von 16.624 Wohnungen nur 5762 gar nicht beschädigt; 3700 sogar total zerstört. Ihre Schlüsselrolle für den Eisenbahnverkehr in Schleswig-Holstein und die hohe Industriedichte hat die Stadt zur Zielscheibe von Luftangriffen gemacht. Betriebsstätten mit rund 40 Prozent der Arbeitsplätze Neumünsters sind zerstört. Und in den heil gebliebenen sonstigen Ecken des neuen Bundeslandes gilt es, rund eine Million Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten möglichst bald aus Baracken und Zwangseinquartierungen herauszubekommen. Das Glücksspiel fördert den Wohnungsbau Ein erstes größeres Wohnungsbauprogramm entwickelt das SPD-geführte Landesministerium „für Umsiedlung und Aufbau“ Ende 1947. Zwölf Monate später sind landesweit 13.000 in Bau oder fertig. Einigermaßen in Gang gekommen sind die Aktivitäten erst nach der Währungsreform am 20. Juni 1948. Das hilft allmählich den wirtschaftlichen Kreisläufen und der Materialversorgung auf die Beine. Für Bauvorhaben von Privaten wiederum bringt die Reform den Nachteil, dass sich Kapital in Luft auflöst. Sparguthaben werden im Verhältnis 10:1, sonstige Verbindlichkeiten im Verhältnis 6,5:1 getauscht. Das Land legt deshalb noch im Sommer 1948 eine erste Förderung auch für Kleinsiedlerstellen auf. Im November folgen Richtlinien für Fördergelder zum Instandsetzen beschädigter Gebäude. Der Wiederaufbau, wenn auch in bescheidenem Stil, wie bis heute an vielen Straßenzügen ablesbar, bricht sich Bahn. Ohne gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften wäre es nicht gegangen. Allein in Kiel sind Ende der 40er-Jahre 21 davon aktiv. Unter anderem mit Hilfe des Marshall-Plans erhalten Schleswig-Holsteiner neue Dächer über ihren Köpfen. Eine eigene Geldquelle dafür tut die SPD-Landesregierung mit der neugegründeten Spielbank in Travemünde auf. Die Genehmigung wird nur erteilt, um sämtliche Einnahmen daraus in den Wohnungsbau zu lenken. Ab November 1948 stellt das Land den Kommunen auch Zuschüsse für die Beseitigung von Trümmern zur Verfügung, um mehr Tempo hineinzubringen. Selbst 1949 liegen in Kiel trotzdem noch 3,3 Millionen Kubikmeter Trümmer. Erst 1951 ist die Herkulesarbeit ihrer Beseitigung vollbracht. Mit einem auch nur annähernden Abschluss des Neuaufbaus ist das nicht gleichzusetzen. Noch 1955 hält Kiels Stadtbaurat Herbert Jensen in einer Zehn-Jahres-Bilanz fest: „Es kann nicht ausdrücklich genug darauf hingewiesen werden, dass die Wunden des Luftkriegs noch lange nicht verheilt sind In der nächsten Folge am nächsten Montag: Wie Schleswig-Holsteins erster direkt vom Volk gewählter Ministerpräsident das neue Bundesland schon wieder abschaffen will ...

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