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Nordsee und Ostsee : 418 Tote: So gefährlich ist Weltkriegs-Munition in unseren Meeren

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Meeresbiologe Dr. Stefan Nehring erforscht Zwischenfälle mit Munition im Meer. Was sich seiner Meinung nach ändern müsste.

shz.de von
erstellt am 13.Jan.2016 | 15:18 Uhr

Kiel | Durch Zwischenfälle mit Munition, die nach den beiden Weltkriegen versenkt worden ist, sind in Nord- und Ostsee mindestens 418 Deutsche ums Leben gekommen und 720 teils schwer verletzt worden. Von den 288 Vorfällen ereigneten sich 101 in schleswig-holsteinischen Gewässern. Allein sie haben 139 Tote und 292 Verletzte gefordert. Zu dieser Erkenntnis gelangt der Meeresbiologe Dr. Stefan Nehring nach der Auswertung umfangreicher neuer Funde in Behördenarchiven von Bund und Ländern. Damit verdoppelt sich die Zahl der Opfer, die Nehring in einer ersten Studie nachweisen konnte.

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs werden heute überwiegend nur noch über mediale Aufbereitungen von Film-, Foto- und Schriftdokumenten wahrgenommen. Doch durch die Bomben von einst sterben auch in der Gegenwart weiter Menschen.

Bereits in der ersten Studie vor acht Jahren hatte der Wissenschaftler von einer hohen Dunkelziffer gesprochen, weil ihm etliche Akten noch verborgen oder verschlossen waren. Von den nun dokumentierten Opfern entfallen 210 Verletzte und zwei Tote auf den schon vergleichsweise kriegsfernen Zeitraum nach 1979.

Eingang in Nehrings Statistik finden alle Unfälle, die von Juni 1945 bis heute belegt sind. Dazu zählen Munitionsversenkungen in den Jahren direkt nach dem Zweiten Weltkrieg durch alliierte und deutsche Behörden, Kampfstoff-Bergungen durch die Bundesrepublik und die DDR, Unfälle in der Fischerei, der Schifffahrt, bei Baggerarbeiten und Wasserbaumaßnahmen. Ebenfalls berücksichtigt sind die in jüngster Zeit zunehmenden Verletzungen, die sich Strandbesucher zuziehen, wenn sie mit Munitionsresten in Berührung kommen. So hatte etwa im Januar 2014 ein Wanderer in Hohenfelde (Kreis Plön) an der Ostsee angeschwemmte Phosphorreste aus Kriegs-Altlasten für Bernstein gehalten. Nachdem er den Fund in seine Tasche gesteckt hatte, fing das Kleidungsstück Feuer.

Nehring kritisiert das Umweltministerium

„Der Schrecken geht weiter“, prognostiziert Nehring im Hinblick auf solche Vorkommnisse gegenüber shz.de. Er will mit seinen Recherchen vor allem vor der noch immer großen Gefahr durch die Kriegs-Altlasten warnen. Den staatlichen Stellen macht der an der Kieler Universität ausgebildete, heute in Koblenz lebende Biologe schwere Vorwürfe. Insbesondere kritisiert er die Arbeit des Bund-Länder-Arbeitskreises „Munition im Meer“, in dem das Kieler Umweltministerium seit mehreren Jahren den Vorsitz hat. Nehring hält dem Arbeitskreis mangelnden Einsatz vor, die vollständige Dimension der versenkten Kampfmittel zu ermitteln. „Keine offizielle Stelle hat bis heute die Initiative ergriffen, dieses lebensgefährliche Problem zu lösen. Zu einer vernünftigen Erkenntnisgrundlage ist man nicht bereit.“ Die Risiken würden heruntergespielt.

Diese Sofortmaßnahmen könnten helfen

Als Sofortmaßnahmen drängt der Meereswissenschaftler darauf, an besonders gefährdeten Stränden mit Schildern vor dem Sammeln von bernsteinähnlichem, tatsächlich aber phosphorhaltigem Schwemmgut zu warnen. Zum Schutz von Fischern und Verbrauchern fordert Nehring, das Fischen in Grundnähe in ausgewiesenen Munitionszonen zu verbieten. „Bis heute hat es zum Beispiel die Landesregierung von Schleswig-Holstein nicht einmal geschafft, ein relativ kleines mit Tabun-Granaten belastetes Gebiet vor Helgoland zu sperren.“ Dabei seien die Sorge vor Kampfstoffunfällen in der Fischerei alles andere als an den Haaren herbeigezogen. Der Experte verweist auf einen deutschen Trawler, der im Frühjahr 2014 vor Bornholm den Inhalt einer weggerosteten Bombe im Netz hatte. Ein Besatzungsmitglied trug durch das Einatmen giftiger Dämpfe starke Schäden an der Lunge davon.

Nach einer intensiven Prüfung sei dies rechtlich leider nicht möglich, sagt die Sprecherin des Kieler Umweltministeriums, Nicola Kabel, zu einer Sperrung vor Helgoland. Die pauschale Kritik Nehrings am Expertenkreis weist Kabel zurück. „Viele Jahrzehnte ist das gigantische Problem von Munition im Meer in der Tat ignoriert worden. Aber in jüngster Zeit ist viel geschehen. Funde von Munition werden systematisch erfasst, sie werden in Seekarten eingetragen, die Fischer sind informiert.“ Die Sprecherin verweist auf eine drei Jahre alte Meldestelle für Unfälle. Allerdings erkennt auch sie an: „Dass der Weg noch enorm weit ist, ist klar.“ Ein „Wendepunkt“ könne die gerade begonnene Entwicklung eines Roboters sein, um ohne Gefährdung von Mensch und Tier systematisch zu bergen.

Auf den Roboter setzt auch Nehring große Hoffnung – „aber ein solches Gerät kann noch nicht alles. Insbesondere Risikoanalysen fehlen.“

Der Koblenzer, der in seiner Heimatstadt das Bundesarchiv direkt vor der Haustür hat, betreibt die Recherchen zu seiner Munitionsfunde-Statistik in seiner Freizeit. Auf das Thema gestoßen ist er vor zehn Jahren. Da war er als Umweltgutachter von Schleswig-Holstein und Niedersachsen beauftragt worden, eine Analyse über Schadstoffbelastungen jeglicher Art in der Nordsee zu erstellen. Anlass war die damals neue Wasserrahmenrichtlinie der EU zur Verbesserung der Wasserqualität. Seine neue Opfer-Statistik zu den Munitionsfunden hat Nehring in der von Umweltschützern herausgegebenen Fachzeitschrift „Waterkant“ veröffentlicht.

 

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