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Fair-Play-Liga : Pöbelnde Eltern beim Fußball: „Du pennst doch, Junge!“

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Sie schimpfen und werden handgreiflich. Ehrgeizige Eltern sind im Jugendfußball ein Problem. Vor zehn Jahren wurde die Fair-Play-Liga eingeführt – ein Konzept, bei dem die Kinder in Ruhe kicken können. Ein Erfolgsmodell?

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2017 | 15:31 Uhr

Ein Fußballplatz im Kreis Schleswig-Flensburg. „Spiel doch ab!“, brüllt ein Vater quer über den Platz. Sein Gesicht ist rot angelaufen.  „Mann, warum spielst du nicht ab?!“ Auf dem Feld läuft ein blonder Junge im Alleingang aufs Tor zu – und schießt daneben.  „Herrgott nochmal, die kriegen einfach keinen einzigen vernünftigen Angriff hin.“ Der Vater  schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und wendet sich vom Spielfeld ab. „Wenigsten haben wir einen Kreismeister in der Familie“, sagt er und legt den Arm um seinen älteren Sohn, der neben ihm  steht. Der blonde Junge auf dem Spielfeld schaut deprimiert zu Boden und trabt zurück in Richtung Mittellinie. Es dauert keine fünf Minuten, da fällt das Gegentor.

Es steht 3:0, zumindest wenn man den Eltern glaubt, die am Rand eifrig mitzählen. Denn die Tore werden bei diesem Match der F-Junioren eigentlich nicht gezählt. Es gibt auch keinen Schiedsrichter, der Fouls pfeift. Stattdessen entscheiden die Kinder selbst, wer den nächsten Einwurf kriegt.  Vor einigen Jahren hat der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) die Fair-Play-Liga eingeführt. In der G- und F-Jugend, also bei den  Sechs- bis Achtjährigen, dürfen die Eltern seitdem nicht mehr direkt am Spielfeld stehen, sondern müssen einen Abstand von mindestens 15 Metern einhalten. Motivierende Zurufe sind erlaubt – kritische Kommentare und Beschimpfungen  verboten.

 „Mach die Augen auf, Basti! Du pennst doch, Junge!“  Trotz des Abstands zum Spielfeld – die vorgeschriebenen 15 Meter sind es nicht, höchstens die Hälfte –  bleiben die Nörgeleien bei den Kindern nicht unbemerkt. Basti wirkt  hilflos und zuckt mit den Schultern. Sein Nebenmann tritt vor Frust in den Rasen.  Spaß sieht anders aus.

Gewalt neben dem Fußballplatz

In England heißen sie „Pushy Parents“: Eltern, die in ihrem Schützling den nächsten Lionel Messi sehen und ihn zu Höchstleistungen antreiben wollen. Immer häufiger eskaliert der  Ehrgeiz, aus den  Pöbeleien  sogar in gewalttätigen Auseinandersetzungen. In Hamburg musste vor drei Jahren ein Spiel der F-Jugend abgebrochen werden, weil die Eltern wegen einer Schiedsrichterentscheidung  handgreiflich wurden. Manche Fälle gehen noch schlimmer aus. In den Niederlanden prügelten 2012 einige Spieler der B-Jugend einen Linienrichter zu Tode. Die Stimmung während der Partie beschrieben Augenzeugen damals als aufgeheizt, auch die Eltern sollen durch aggressives Verhalten aufgefallen sein.

Die Fair-Play-Liga soll damit Schluss machen. Statt Leistungsdruck lernen die jungen Kicker von der Pike auf, wie faires Miteinander funktioniert. Sie übernehmen die Verantwortung für die Einhaltung der Regeln und lösen Probleme auf dem Platz alleine – ohne Schiedsrichter.  Bei dem Spiel der F-Jugend im Kreis Schleswig-Flensburg klappt das einwandfrei.  Dass ein Einwurf  eigentlich ein Eckball und ein Tor eigentlich abseits  war, spielt keine Rolle.  „Der Spaß steht ganz klar im Vordergrund“, erklärt Tim Cassel, Geschäftsführer und Präventionsbeauftragter des SHFV. Seit zehn Jahren  leitet er das Projekt  „Schleswig-Holstein kickt fair“ gegen Gewalt und Rassismus im Fußball und ist auch für die Fair-Play-Liga zuständig.

Als ehemaliger Profi-Spieler weiß Cassel, dass ein derber Umgangston manchmal zum Fußball dazugehört. Bei den Kleinsten hätten Pöbeleien und Aggressionen jedoch nichts zu suchen. „Im Kinderfußball darf das nicht geduldet werden“, betont er. „Hier geht es um Spaß, Spiel  und dass jeder mitmachen kann. Egal, ob er talentiert ist oder nicht.“

Die Problematik, dass die Stimmung während der Jugendspiele immer aggressiver wird,  ist aus seiner Sicht nicht neu. Das Ausmaß jedoch verändere sich zunehmend. „Reibereien auf dem Spielfeld hat es schon immer gegeben. Aber wenn heute gepöbelt wird, dann immer heftiger“, weiß Cassel.

Eltern benehmen sich immer häufiger daneben

Und noch ein Trend zeichnet sich deutlich ab: „Seit einigen Jahren stellen wir  fest, dass sich vor allem die Eltern immer häufiger daneben benehmen.“ Sie  attackieren andere Eltern oder die Kinder auf dem Feld und beschimpfen den Schiedsrichter, wenn sie mit einer Entscheidung nicht zufrieden sind. Abgesehen davon, dass Fairness im Sport anders aussieht, verschlimmert sich dadurch auch das Nachwuchsproblem bei den Unparteiischen. „Wir haben immer wieder junge Schiedsrichter, die nach ein paar Spielen das Handtuch werfen, weil sie mit den Beschimpfungen der Eltern nicht klarkommen“, beklagt sich Tim Cassel.

Das kann Peter Feuerschütz, Vorsitzender des Jugendausschusses im SHFV, nur bestätigen. Die Fair Play Liga richte sich  in erster Linie an die Eltern. Denn nicht die Kinder seien das Problem, sondern die übermotivierten Mütter und Väter. „Sobald die Kinder etwas talentierter sind, haben die Eltern schon gleich die Profikarriere vor Augen. Die drehen teilweise richtig durch.“ Die Gefahr dabei sei laut Cassel, dass die Kinder erst gar nicht lernten, wie man  sich auf dem Platz fair  verhalte und stattdessen die Eltern kopierten.  „Die Probleme setzen sich dann später fort“, weiß er.

Die Eltern sehen das anders. Heimlich werden während der Spiele Ergebnisse notiert und Tabellen erstellt, um die Leistungen der Sprösslinge zu vergleichen – oder der Abstand von 15 Metern zum Spielfeld wird nur als Richtwert verstanden. Spielen ohne Gewinner? Wo bleibt da der Sportgeist?

Während die Fälle von Prügeleien oder Gewalt auf dem Spielfeld relativ gut dokumentiert sind und in der Regel vor dem Sportgericht landen, bleiben verbale Entgleisungen und Beschimpfungen  meist unbemerkt. Für die Vereine und Verbände ist es  umso schwieriger, dagegen vorzugehen. Deshalb sei gute Präventionsarbeit der Schlüssel. „Wenn wir es schaffen, dass die Kinder schon in jungen Jahren lernen, wie man sich fair und respektvoll auf dem Platz  benimmt, haben wir gute Chancen“, glaubt Cassel.

Kritik an der Fair-Play-Liga

Nicht jeder im Jugendbereich teilt diese Meinung. Die Fair-Play-Liga  stößt vielerorts auf Kritik, vor allem bei Eltern und Trainern. Die fürchten, fehlende Regeln könnten den Fußball verweichlichen – und damit womöglich auch die Kinder. Denn wenn die nicht schon früh lernen, dass es im Leben Regeln gibt, wie sollen sie dann im späteren Leben zurechtkommen?

Wiebke Först ist Trainerin der F-Jugend bei Flensburg 08, seit einigen Jahren spielt sie mit ihren Schützlingen auch in der Fair-Play-Liga – allerdings nicht aus Überzeugung. „Das Konzept hört sich gut an, funktioniert aber in der Praxis überhaupt nicht“, kritisiert sie. Gerade bei den Kleinsten sei es wichtig, sie möglichst früh an das Regelwerk heranzuführen. „Wie sollen sie es sonst lernen? Ich kann nicht von einem Sechsjährigen erwarten, dass er den Ball mit der Hand spielt und das hinterher auch noch zugibt.“ Probleme mit pöbelnden Eltern habe sie während der Spiele allerdings nicht. Das laufe „alles ganz normal“ ab, die Eltern hielten sich weitgehend raus. Und überhaupt: „Wenn die über den Platz brüllen wollen, dann machen sie das auch aus fünfzehn Metern Entfernung.“

Mit ihrer Kritik ist sie nicht allein. Viele Trainer monieren vor allem die  Einhaltung der Regeln auf dem Platz. Spätestens in der D-Jugend beginne  die Talentförderung  – da sei ein Schiedsrichter auf dem Platz Pflicht. Die  15- bis 17-jährigen Jungsportler stehen bei den Spielen dann nicht nur unter Leistungsdruck, sondern auch unter dem Einfluss ihrer Hormone. „Die Jungs sind manchmal so voller Testosteron, die wissen gar nicht wohin mit ihrer Kraft“, weiß Peter Feuerschütz,  Vorsitzender des Jugendausschusses im SHFV. Dass es trotz Fair-Play-Liga später auf dem Platz   etwas derber zugehe, sei  normal. Aber: „Wir brauchen solche positiven Beispiele, weil sie zeigen, dass es auch anders geht.“

Für Tim Cassel ist die Skepsis gegenüber der Fair-Play-Liga nicht nachvollziehbar. „Was wir machen, ist definitiv keine Waldorf-Liga“, stellt er klar. Die Kinder kämen mit der Verantwortung sehr gut zurecht und profitierten davon, dass sich die Atmosphäre bei den Spielen deutlich entspanne. „Wenn man sie alleine spielen lässt, kriegen die das hin, das finden wir auf jedem Bolzplatz. Da regeln sie ihre Konflikte selbst und entwickeln auf die Art soziale Kompetenzen.“

Inzwischen fangen auch andere Länder wie Dänemark oder die Niederlande an, das Konzept der Fair-Play-Liga zu übernehmen. Weil es funktioniert, ist Cassel sicher. Er höre von vielen Jugendtrainern, dass sich die Atmosphäre während der Spiele deutlich entspannt habe, seit der Leistungsdruck nicht mehr da sei.

Die Spieler der F-Jugend  trotten nach der Partie zurück in die Kabine. Kein Gezanke, kein Jubelgeschrei. „Gehen wir nachher zu McDonald’s?“, fragt der blonde Junge, der die Torchance am Anfang verpasst hat. Dass er damit zur Niederlage beigetragen hat, scheint er gar nicht  registriert zu haben. Das aber wird ihm sein Vater später noch verklickern.

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