Michael Staudt

Landtag in Kiel : Piraten gehen endgültig von Bord

Sechs Monate nach dem Ausscheiden aus dem schleswig-holsteinischen Landtag ist die Fraktion Geschichte.


von
07. Dezember 2017, 20:24 Uhr

Kiel | Das war’s. Die Kartons sind verpackt und abtransportiert, jetzt nur noch schnell den Schlüssel in der Verwaltung abgeben. Genau sechs Monate nachdem die Piraten aus dem Landtag ausgeschieden sind, ist das letzte Kapitel der Piratenfraktion geschrieben. Mit dem Ende der Liquidation hat das Team um den letzten Fraktionsvorsitzenden Patrick Breyer, den Parlamentarischen Geschäftsführer Uli König und den Politischen Geschäftsführer Udo Fröhlich die letzten Räume im Landeshaus verlassen.

„Ein bisschen Wehmut ist schon dabei“, sagt König, als er aus dem Büro im dritten Stock auf die Förde schaut. Der Ausblick hat ihm immer gefallen, viele Fotos hat er davon gemacht. „Es waren fünf schöne Jahre hier.“ Vor allem meint er das politisch. Zwischen 2012 und 2017 hätten die sechs Piraten und die 15 Mitarbeiter eine Menge bewegt. Videoüberwachung, Freihandelsabkommen, Frackingvebot – wer den Oberpiraten Breyer befragt, bekommt eine ganze Liste von Dingen geliefert: inklusive der Politikfelder, die er in Zukunft bearbeiten will. Nur, dass zuletzt kaum ein Wähler mehr davon Notiz genommen hat, die Piraten aus allen Landtagen flogen und in Schleswig-Holstein nicht einmal genug Unterschriften zusammenbekamen, um an der Bundestagswahl teilzunehmen. „Das war schon ein mittelgoßer Fuck up“, sagt König dazu. Dennoch will er weitermachen, außerparlamentarisch. Gerade hat er Elternzeit, bekommt noch Übergangsgeld, bewirbt sich wieder in der IT-Branche, in der er arbeitete, bevor er kurz Berufspolitiker wurde. Breyer ist mittlerweile wieder Richter, zwei andere ehemalige Abgeordnete studieren.

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Dass das Kapitel Landtag nach einer Legislatur für die Piraten beendet sein könnte, hätten sie immer einkalkuliert, sagt König. „Ich dachte gar nicht, dass es überhaupt so lange dauern würde. Zu oft habe es Streit im Landtag gegeben – und auch in der Piratenfraktion lief nicht alles reibungslos. Einige ehemalige Abgeordnete haben die Partei mittlerweile verlassen, trotzdem sei man immer noch in Kontakt, sagt König. „Eine Fraktion ist eine Ehe auf Zeit. Die ist jetzt vorbei, und wir sind einfach gute Freunde.“

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Schon 2012 hätten sie einen Plan gemacht, wie sie die staatlichen 3,3 Millionen Euro, die sie in fünf Jahren bekommen sollten, ausgeben. Es wurden nur befristete Arbeitsverträge geschlossen, auch der Kopierer nur bis Mitte 2017 gemietet. Es sei nicht immer leicht gewesen, auch in der Mitte der Legislatur noch neues Personal zu finden, sagt König. „Jeder wusste ja wegen der Umfragen, dass er möglicherweise auf ein sinkendes Schiff steigt.“ Es habe eine mediale Abwärtsspirale gegeben, die den Piraten geschadet habe. Dass vielleicht auch die Partei nicht mehr den Nerv der Zeit getroffen hat, sagt er nicht.

Michael Staudt

Ab ins Archiv: Udo Fröhlich räumt die letzten Akten aus seinem Büro im Landeshaus.
 

Aber zumindest die finanzielle Bilanz ist sauber. „Wir werden der Landtagsverwaltung rund 75.000 Euro zurückgeben können“, sagt Fröhlich. Dazu hat er fast alles zu Geld gemacht, was die Piratenfraktion aus Sachmitteln angeschafft hat. Im Internet hat er Preise verglichen, für gebrauchte Drucker, Monitore, Handys oder Stehlampen – nur einen Schlüsselkasten ist er nicht losgeworden. Ein paar Dinge haben Abgeordnete und Mitarbeiter selber gekauft, der Rest ging über Kleinanzeigen weg. Jetzt muss der Landesrechnungshof noch alles prüfen – wer dann noch finanzielle Ansprüche an die Piratenfraktion hat, hat Pech gehabt. „Die Fraktion gibt es dann nicht mehr.“ Sechs Monate ist der Mindestzeitraum, den eine Liquidation laut Gesetz dauern muss, die Piraten legen eine Punktlandung hin.

Geheime Akten haben sie bereits geschreddert, andere gingen ans Landesarchiv, das nun auswertet, was digitalisiert wird, weil es für Historiker mal interessant sein könnte. „Etwa wie Piraten ihr Personal rekrutiert haben oder wie eine neue Fraktion in einem Parlament arbeitet“, sagt Fröhlich. Auf vielem wird eine Sperrfrist von mehreren Dekaden liegen, aber das politische Vermächtnis der Fraktion sei ja sowieso schon zum größten Teil öffentlich, meint König. „Wir haben so viel transparent gemacht, da gibt es kaum Geheimnisse.“ Das meiste könne man immer noch im Internet nachlesen. Allerdings tun das eben nur wenig Leute. Die Piraten gehören im Parteienspektrum mittlerweile zur Rubrik „Sonstige“.

König will trotzdem weiter machen. „Wir haben dem Wähler ein politisches Angebot gemacht, von dem wir überzeugt waren – aber er hat es nicht gewollt. Das kann ich akzeptieren. Aber ich werde deswegen nicht meinen Kopf drehen, nur damit es dem Wähler gefällt.“ König ist überzeugt, dass klassische Piraten-Themen, wie Datenschutz, freies Internet oder direkte Demokratie immer noch viele Menschen betreffen. Nur dass die diese Inhalte mittlerweile eben oft bei anderen Parteien finden.

Und so bleiben zwar viele Erinnerungen und Initiativen der Piraten, die so viele Kleine Anfragen wie kaum eine andere Fraktion gestellt haben. In dem fast leeren Büro stand noch bis vor einigen Minuten eine Schreibmaschine, mit der König und die anderen Abgeordneten 2012 im Landtag für Ärger sorgten, weil sie so gegen das Verbot von Tablets und Laptops demonstrierten. Jetzt nimmt König sie mit nach Hause.

Die Piraten waren anders, zuerst vielleicht naiv und etwas nerdig – aber es gibt kaum jemandem im Landeshaus, der ihre politische Arbeit nicht würdigt. „Wir haben viel angestoßen, was andere umgesetzt haben“, sagt König. Und: „Es braucht weiter Piraten.“ Schon deshalb werde auch die Internetseite der Fraktion weiter bestehen – allerdings unter der Regie der Partei. Die wird auch den Twitterkanal der Fraktion aufrecht erhalten, wenn auch nicht mehr aktiv bedienen. „Da soll keiner Schabernack mit betreiben“, sagt König. Denn den Namen wolle man behalten – „bis es einmal wieder eine Piratenfraktion gibt. Vielleicht.“

Kommentare

  • 08.12.2017 | 16:35 Uhr
    Frank Dziallas

    @Hanno Solterbek

    Da wird Fracking in tiefen Ebenen der Erde dämonisiert, – Quelle: https://www.shz.de/18525721 ©2017

    Nein das ist engelsgleich, unschädlich und besonders erstrebenswert.





    Ach ja Ironie aus

  • 08.12.2017 | 09:00 Uhr
    Karl Polter

    Streiche ein "braucht" und ein "Diese". Sorry ;-)

    ...

  • 08.12.2017 | 08:55 Uhr
    Karl Polter

    Richtige Einschätzung: Das ist Geschichte!

    Gut, dass es so bleibt wie es ist: Geschichte!
    Wenn man sich fragt, was es dem Lang gebracht hat, dann bleiben m. E. alleine die Kosten: Diäten, Fraktionsgelder etc. Politische Erträge sind nicht zu verzeichnen. Das haben die Wähler erkannt und deshalb eine gute Entscheidung getroffen: Die Piraten, die teilweise selbst nicht so genau wussten wofür sie stehen, sind Geschichte!

    Das ist gut so! Wer, wie die Piraten, an den völlig falschen Stellen kämpft, sollte es bleiben lassen. Da wurde doch ernsthaft auf Veranlassung der Piraten am Kanaltunnel Rendsburg ein Schild aufgestellt, dass Videoüberwachung läuft. Was für eine Farce! Da ist der Tunnel über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, einseitig gesperrt, nichts läuft, Behörden versagen, und Piraten lassen ein Schild aufstellen! Das sind exakt die Aktivitäten, die kein Mensch braucht. Da wird Fracking in tiefen Ebenen der Erde dämonisiert, zugleich kein Wort über die bombastische Verschandelung und Verschmutzung der Ebene auf der wir leben mit unendlichen Windrädern. Dabei wird verschwiegen, dass Fracking in SH sowieso total unwirtschaftlich wäre, also sowieso nicht stattfinden wird.
    Nein, wer an den Rändern der Gesellschaft, am anderen Ende der politischen Nahrungskette, meint populistisch nachplappern zu müssen, den braucht man im Landtag nicht. Im privaten Berufsleben überwiegend gescheiterte Personen braucht sind keine Bereicherung für den Landtag.

    Gott sei Dank: Geschichte!

    Diese



  • 08.12.2017 | 07:55 Uhr
    Patrick Breyer

    Was die schleswig-holsteinischen Piraten nach der Landtagswahl so machen:

    Wir sind Ideen- und Impulsgeber. Der Jamaika-Koalitionsvertrag liest sich vielfach wie späte Erfolge politischer Initiativen der PIRATEN, doch zentrale Anliegen bleiben außen vor:
    http://landesportal.piratenpartei-sh.de/blog/2017/06/piraten-zu-jamaika-koalitionsvertrag/

    Wir haben einen neuen Landesvorstand mit frischen Gesichern gewählt:
    http://landesportal.piratenpartei-sh.de/blog/2017/07/piraten-stellen-vorstand-neu-auf/

    Nachdem wir kurz vor der Wahl den Skandal um Vorwürfe von Aussageunterdrückung und Mobbing im LKA aufgedeckt haben, musste inzwischen die Polizeispitze gehen und ist ein Untersuchungsausschuss geplant. Ich unterstütze weiterhin aktiv die Aufklärung der Vorwürfe.

    Nach Kritik von uns am Smartphone-Tracking in der Fußgängerzone hat zuerst Pinneberg entsprechende Pläne aufgegeben, jetzt auch Eckernförde das Verfahren gestoppt.

    Auf meine Beschwerde hin ist die Videoüberwachung des Rendsburger Kanaltunnels inzwischen beschildert.

    Die von uns unterstützte Volksinitiative "SH stoppt CETA" wurde eingereicht und wird im Landtag behandelt. SH wird CETA im Bundesrat nicht zustimmen.

    Die von uns mit initiierte Volksinitiative zur Durchsetzung des Bürgerwillens bei der Windenergieplanung (http://vi-mitbestimmung.de) wurde letzte Woche eingereicht. Wir wollen deutschlandweit erstmals eine verbindliche Mitbestimmung der Bürger an der Windenergieplanung durchsetzen.

    Die von uns mit initiierte Volksinitiative zum Schutz des Wassers (http://vi-wasser.de) und für ein landesweites Fracking-Verbot liegt bei ca. 12.000 Unterschriften und sammelt weiter. SH soll das bundesweit erste Land werden, das Fracking im Wassergesetz komplett verbietet.

    Ein Kreistagsabgeordneter klagt gegen den Landtag auf Herausgabe der Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes, um darin festgestellte Rechtsverstöße aufzudecken.

    Im Dezember feiern wir das Jubiläum des Landesverbands SH.

    Wir steuern auf die Kommunalwahl 2018 zu. Zurzeit sind wir in verschiedenen Kreistagen und in Neumünster vertreten. Dort, wo wir 2018 antreten, rechnen wir mit einem Einzug von mindestens 1-2 Vertretern, die wichtige Impulse in Richtung Bürgerrechte, Transparenz und Mitbestimmung geben werden.

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