Bildungsrevolution aus Flensburg : Phänomenta am anderen Ende der Welt

Erfahrungsaustausch am Nordertor: (v.l.) Lutz Fiesser, Kanutta Siripaibool, Kim Chongsatitwatana, Duangsamorn Klongsara, Achim Englert und Stephan Panther.  Foto: Borm
Erfahrungsaustausch am Nordertor: (v.l.) Lutz Fiesser, Kanutta Siripaibool, Kim Chongsatitwatana, Duangsamorn Klongsara, Achim Englert und Stephan Panther. Foto: Borm

Sie ist jung, sympathisch und hat eine ehrgeizige Mission: Den "Phänomenta-way" in ihrer Heimat Thailand zu etablieren. Ein großer Schritt ist Kim Chongsatitwatana schon geglückt.

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15. Juni 2012, 05:17 Uhr

Flensburg | Bereits im November vergangenen Jahres ist in der thailändischen Hauptstadt Bangkok eine Phänomenta eröffnet worden - nach dem Flensburger Vorbild, allerdings bisher nur mit 26 Stationen und in grellem Pink. Wenn sie davon erzählt, strahlt sie wie ein Honigkuchenpferd. Kim ist Juniorchefin von "Nanmee Books", Südostasiens führendem Verlag für Naturwissenschaft und Technik, der sich ein großes Thema auf die Fahnen geschrieben hat: die Bildung der Thai-Bevölkerung zu verbessern. "Wir wollen erreichen, dass die Menschen selber denken und Wissen nicht einfach vorgesetzt bekommen", erklärt sie. Damit startet ihr Verlag so etwas wie eine kleine Revolution.
"Für mich war die Nachricht eine große Überraschung", erzählt Lutz Fiesser, Ideengeber und Gründer der Phänomenta in Flensburg. Dass sein Konzept 8841 Kilometer entfernt in einer völlig anders tickenden Kultur umgesetzt würde, damit habe er nicht gerechnet. Doch umso größer war seine Freude. "Die Bildung dort leidet unter hierarchischen Strukturen, bei denen einer redet und viele zuhören. Sie brauchen Veränderung, um in Naturwissenschaft und Technik weltweit mithalten zu können", sagt Fiesser.
"Wir hoffen auf eine gegenseitige Ansteckung"
Im Februar begab er sich auf eine Vortragsreise nach Bangkok, um die örtliche Universität, ein Lehrerbildungszentrum sowie den Verlag Nanmeebooks auch vom Konzept der Miniphänomenta zu überzeugen. Miniphänomenta, das sind frei zugängliche Experimentierstationen in Schulen, an denen naturwissenschaftliche und technische Phänomene von Kindern erlebt und dann kooperativ geklärt werden. Das Besondere: Eltern, Lehrer und Schüler bauen die Stationen selbst. So werden Naturwissenschaft und Technik zum selbstverständlichen Lern- und Gesprächsanlass.
Fiessers Mission war erfolgreich. Die Verlagschefin gab grünes Licht auch für die Finanzierung der Miniphänomenta. "Kim, die Juniorchefin, sprang vor Freude in die Luft", erinnert er sich. Öffentliche Gelder fließen nicht in das Projekt. Doch mit Uni und Lehrerbildungszentrum hat sich der Wissenschaftsverlag wichtige Partner ins Boot geholt. "Irgendjemand muss schließlich anfangen, die Gesellschaft zu verändern. Wir hoffen auf eine gegenseitige Ansteckung."
Wichtiges Signal für die Zukunft des Landes
Jetzt hatten die Flensburger Phänomenta-Experten die Gelegenheit, einer dreiköpfigen Delegation aus Thailand die Tipps und Tricks des interaktiven Lernens in ihrer Geburtsstube an der Förde zu zeigen. "Vor 15 Jahren lief die Wissensvermittlung in Deutschland nicht viel anders als jetzt in Thailand", motiviert Phänomenta-Chef Achim Englert die neugierigen Asiatinnen. Auch hier hätten sich Lehrer und Schüler mühsam an ein neues, selbstbestimmtes Lernkonzept gewöhnen müssen, bei dem das eigene Erarbeiten im Vordergrund steht.
Wie klappt die moderne Art der Wissensvermittlung in einer traditionellen Gesellschaft? Müssen Experimente kulturspezifisch angepasst werden oder funktioniert die Phänomenta weltweit? Diese Fragen interessieren auch die Uni Flensburg, weshalb großes Interesse an einer Kooperation mit der Uni Bangkok besteht. Vize-Präsident Stephan Panther ist sich sicher, "dass vor allem Lehramtsstudenten von den Erfahrungen profitieren können". Auch ein Austausch der Lehramtsstudenten sei denkbar.
Kim Chongsatitwatana ist nach den ersten acht Monaten Phänomenta in Thailand vollauf zufrieden. Sie berichtet von 80 Schulen, die das "Hands-on Science Center", wie die Phänomenta dort heißt, bereits getestet haben. Auch aufgrund des bewusst niedrig gehaltenen Preises sei die Nachfrage hoch. Und dass sogar Thailands Kronprinzessin Maha Chakri die Eröffnung begleitete, deuten Kim und ihre Verlagskollegen als wichtiges Signal für die Zukunft des Landes.

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