Haithabu : Per "Storyline" zum neuen Erlebnis der Wikingerwelt

Großbaustelle: Der Innenhof des Museums wird mit Glas überdacht.
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Großbaustelle: Der Innenhof des Museums wird mit Glas überdacht.

Das Wikingermuseum als Großbaustelle: Architekt Alexander Minx gibt Haithabu ein neues Gesicht - und macht die Geschichtsschau zum sinnlichen Erlebnis.

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12. November 2009, 12:24 Uhr

schleswig | Am Abend vorher hat er das von ihm gestaltete Schiller-Nationalmuseum in Marbach eingeweiht - gestern warf Alexander Minx einen Blick auf die Fortschritte seines aktuellen Großprojekts: die Baustelle des Wikingermuseums in Haithabu. Der Architekt des Stuttgarter Planungsbüros "Space 4" hat von den Landesmuseen den Auftrag erhalten, die Ausstellung über die einstigen Nordmänner völlig neu zu konzipieren. "Wir gehen weg von der klassischen Vitrinen-basierten Ausstellung hin zu einem sinnlichen Erleben. Die Besucher sollen rundum eintauchen können in die Welt der Wikinger", bringt Minx seine Philosophie auf den Punkt - und spricht von "Storyline" statt Rundgang.
Für Prof. Claus von Carnap-Bornheim war schon vor zehn Jahren bei seinem Antritt als Archäologie-Chef in Schleswig "klar, dass eine komplette Neugestaltung des Wikingermuseums auf uns zukommen würde." 23 Jahre lang blieb das im Stil einer wissenschaftlichen Schausammlung gestaltete Dokumentationszentrum unverändert. Die Besucherzahlen sanken mit Ausnahme des Landesgartenschau-Jahrs kontinuierlich. "Heute ist der Forschungsstand weiter, und die Sehgewohnheiten des Publikums haben sich deutlich gewandelt", diagnostiziert von Carnap-Bornheim. "Unesco-welterbefähig" wolle man mit der Investition von 1,8 Millionen Euro werden.
Wabenförmige Geschichtsvermittlung
Nach der Eröffnung am 20. Februar erlebt der Gast eine besser nachvollziehbare Raumabfolge. Sie wird möglich, weil das Foyer aus der Mitte des Gebäudes an den Rand verlegt wird. Bisher durchstreiften die Besucher es zwangsläufig zweimal - mit dem Ergebnis, dass sich manche schon wieder am Ende der Ausstellung glaubten, obwohl der Höhepunkt, der Nachbau eines Schiffs, hinter einer weiteren Tür erst noch kommt.
Jeder der fünf Waben des Hauses widmet Minx ein eigenes Kapitel. Die erste bietet eine landschaftliche Annäherung an die Wikingerzeit. In der zweiten durchstreift der Besucher in straßenähnlichen Schächten das einstige Haithabu, begegnet dort Personen und ihren Berufen. Wabe drei vermittelt Herrschaftsstruktur und Religion und damit auch die Christianisierung Nordeuropas, die an der Schlei ihren Anfang nahm. Wabe vier bettet Haithabu ein in den Kosmos seiner Handels- und sonstigen Fernbeziehungen. Daran schließt logisch die Halle mit dem aus der Vergangenheit bekannten Schiff an - ergänzt um eine Landungsbrücke und der Inszenierung des Geschehens, das sich drumherum abspielte.
Königsgrab auf dem Präsentierteller
Insgesamt sollen neue Medien erlebnisorientierte Akzente setzen, betont Museumsleiterin Ute Drews. Etwa werden sich die Gäste aus Runen-Texten vorlesen lassen können. Funde, die bisher im Magazin schlummerten, treten ans Licht der Öffentlichkeit, in besonderem Maße Schmuck.
Ein anderes Beispiel sind die Kostbarkeiten aus dem Boot kammergrab, einem der spektakulärsten Relikt der Wikingerzeit. Sie gingen bisher in einem von 60 Schaukästen unter, werden künftig in einer begehbaren Box auf den Präsentierteller gehoben und schillernd als "Königsgrab" angepriesen.
Der stellvertretende Blick des Besuchers
Neuere Forschung legt diese Einordnung nahe, liefert allerdings nicht den letzten Beweis. "Ob man sich den Titel Königsgrab zutrauen darf, war lange Gegenstand unserer Gespräche mit den Wissenschaftlern", gibt Minx einen Einblick in die akribische Vorbereitung - und verbirgt nicht seine Freude darüber, dass er sich mit seiner populären Herangehensweise letztendlich durchgesetzt hat. "Der Vorteil von Space 4 ist sicher der stellvertretende Blick des Besuchers."
"Stunde um Stunde wurde in unendlichen Diskussionen zwischen Archäologen und Space 4 gerungen, wie es werden soll", deutet auch Carnap-Bornheim auf die längere Zeitachse von der Ausschreibung 2005 bis heute hin. Insgesamt erfolgt der Umbau ein Jahr später als ursprünglich geplant.
Deshalb bringt Alexander Minx schon jetzt reichlich im Voraus den nächsten Umbau ins Gespräch: Zunächst sei die jetzige Überdachung des Hofs ja nur als Regenschutz gedacht. Aber wenn man sich mal wieder erneuern wolle, "dann ist sie schon so angelegt, dass man sie zu einer wirklichen Eingangshalle ausbauen könnte".

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